Wie Wachkoma-Patienten zurück ins Leben finden

Unna. Sie liegen teils seit Jahren im Wachkoma. Diagnose: austherapiert. Doch im Haus Königsborn in Unna versuchen Therapeuten, diese Menschen zurück ins Leben zu holen. Mit viel Geduld und Zuwendung. Und mit Erfolg. Sterbehilfe ist für die Pfleger unvorstellbar und grausam.

Den größten Erfolg seines Lebens hat Peter Tiemann vermutlich nicht mehr miterlebt. Gefeiert haben sie ihn trotzdem im „Haus Königsborn“. Auch wenn der Mann, der dort versunken im Rollstuhl saß, kaum noch etwas gemein zu haben schien mit dem Mann, dem die Ehrung galt. Siemens wählte den 36-jährigen Ingenieur 2002 zum „Erfinder des Jahres“. Er war einer der zwölf Auserwählten unter 280.000 Mitarbeitern. Die Kollegen sind ins Pflegeheim gekommen. Sie brachten eine Urkunde und eine Statue mit. Der Chef hielt eine Rede. Peter Tiemann ließ seine Finger über die Statue gleiten, seine Augen öffnete er nicht. Was hat er mitbekommen? Niemand weiß es. Wird er je wieder sprechen, schreiben, lachen können? Niemand kann das voraussagen.

Langer Weg zurück ins normale Leben

Peter Tiemann liegt nun seit fast sieben Jahren im Wachkoma. Im September 2002 hat sein Leben in der Schattenwelt begonnen. Er fährt mit seiner Frau Iris in den Urlaub nach Südafrika. Sie haben einen schweren Autounfall. Peter Tiemann bekommt eine Hirnblutung. Ärzte ringen mehrere Stunden um sein Leben, retten es schließlich. Doch er geht irgendwo auf dem Weg zwischen Tod und vollem Bewusstsein verloren. Sein Herz schlägt noch, er atmet selbstständig. Doch Peter Tiemanns Körper ist weitgehend gelähmt. Die hellblauen Augen wandern ziellos umher. Ein leises Brummen ist der einzige Laut, der ab und zu aus seinem Mund kommt. Peter Tiemann ist in Phase F der Wachkoma-Therapie. Das bedeutet nichts Gutes. Das bedeutet: Für die Medizin ist sein Fall beinahe hoffnungslos. Diagnose: austherapiert

Doch die Menschen, die Peter Tiemann pflegen, halten alles für möglich. Bei allem, was sie tun, leitet sie die unerschütterliche Hoffnung, dass er irgendwann wieder aufwachen könnte. „Wir sind davon überzeugt, dass jeder Mensch im Wachkoma entwicklungsfähig ist“, sagt Marianne Pertzborn. Sie ist Pflegedienstleiterin im Haus Königsborn in Unna, in dem Peter Tiemann nun schon mehrere Jahre lebt. Das Haus ist auf die Pflege von Wachkoma-Patienten spezialisiert. „Jeder unserer 51 Bewohner macht Fortschritte“, sagt Marianne Pertzborn. Und einige Patienten sind ihrem früheren Leben wieder ganz nahe gekommen. Sie können Briefe schreiben oder im Internet surfen. Ein paar gehen sogar wieder arbeiten. „Doch dieser Weg zurück in die Normalität dauert meistens lange und erfordert viel Geduld“, sagt Marianne Pertzborn.

Sterbehilfe ist "unvorstellbare Grausamkeit"

Als vor wenigen Wochen erneut die Debatte über Sterbehilfe für Wachkoma-Patienten entbrannte, waren die Therapeuten im Haus Königsborn entsetzt. Ein Gericht in Italien hatte entschieden, dass eine 37-Jährige im Wachkoma nicht mehr künstlich ernährt werden muss. Für die Frau das Todesurteil. Für Marianne Pertzborn eine „unvorstellbare Grausamkeit“. „Wir können von außen nicht beurteilen, wie sich diese Menschen fühlen. Wir können sie nicht mehr fragen“, sagt sie. „Und im Zweifel müssen wir immer für das Leben entscheiden.“

Peter Tiemann hat intensiv und schnell gelebt, bevor er ins Wachkoma fiel. Er machte Wildwasserfahrten, tauchte durch Höhlen, warf sich am Bungee-Seil in die Tiefe. Er reiste nach Kanada, Neuseeland und auf die Galapagos-Inseln. „Es konnte ihm nicht gefährlich genug sein“, sagt seine Mutter. Heute ist sein Leben ganz still und langsam. Doch ist es deshalb nicht mehr lebenswert? Würde er selbst Schluss machen, wenn er könnte?

"Sie können Freude, Trauer und Stress empfinden"

Die Medizin weiß immer noch wenig über Wachkoma-Patienten. Nicht einmal genau wie viele es sind. In Deutschland leben laut Schätzungen bis zu 10.000 Menschen im Wachkoma. Neuere Studien belegen, dass sie mehr wahrnehmen, als man lange Zeit für möglich hielt. Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich haben jetzt gezeigt: Patienten im Wachkoma können vertraute Stimmen erkennen und verarbeiten Emotionen ähnlich wie gesunde Menschen.

Für Marianne Pertzborn ist das nicht überraschend. „Wachkoma-Patienten sind weder Hirntote noch Sterbende“, sagt sie. „Wir sind überzeugt davon, dass unsere Patienten vieles mitbekommen. Sie können Freude, Trauer und Stress empfinden.“ Diese Überzeugung leitet auch die Arbeit im Haus Königsborn. Das Pflegeteam, vom Logopäden bis zum Physiotherapeuten, versucht vor allem eines: Alle Sinne der Bewohner anzusprechen. Sie kochen, musizieren oder malen mit den Patienten. Gehen mit ihnen einkaufen, begleiten sie ins Kino, Theater, oder Fußballstadion. „Lebenswelt-orientiertes Konzept“ wird diese Pflege von Wachkoma-Patienten genannt.

Erste Spezialeinrichtung in NRW

Das Tagesprogramm ist auf jeden Bewohner persönlich abgestimmt. „Diese Menschen leben in einer Art Nebel“, sagt Marianne Pertzborn. „Wir versuchen, sie herauszuführen, indem wir an Erinnerungen aus ihrem früheren Leben anknüpfen.“ Therapeut Uwe Eckert lässt Peter Tiemann morgens mit dem Mundwasser gurgeln, das er früher immer benutzt hat. Er legt Jazz- und Blues-Platten auf. Er liest ihm aus seinen Lieblingsbüchern vor. Peter Tiemann mochte die Märchen aus 1001 Nacht. Malen und Bildhauern waren seine Hobbys. Deshalb gehen die Therapeuten mit ihm in Kunstausstellungen. Große Fortschritte hat Peter Tiemann in den sieben Jahren nicht gemacht. „Er kann mir inzwischen über die Augenlider zeigen, was er mag oder nicht“, sagt Uwe Eckert. „Wo der Weg uns hinführen wird, weiß ich nicht. Ich bin für alles offen.“

Das Haus Königsborn war die erste Spezialeinrichtung für Wachkoma-Patienten in NRW. Als sie 1997 öffnete, war sie mit ihrem Konzept noch allein. Trockenlegen und künstlich ernähren – mehr Bedürfnisse hatte ein Wachkoma-Patient in den Augen vieler Pfleger damals noch nicht. 2000 hat ein Forscher-Team des Instituts für Pflegewissenschaften der Universität Witten/Herdecke erstmals NRW-Heime für Menschen im Wachkoma untersucht. Das Ergebnis: „Die Versorgung war oft ziemlich schlecht“, sagt Pflegewissenschaftlerin Annett Horn. Die Forscher haben daraufhin Qualitätsstandards formuliert. Ob sich diese inzwischen in den meisten Pflegeheimen durchgesetzt haben, weiß man nicht. Es gab bisher keine Folgestudie.

"Bei mir ist im Kopf alles wieder in Ordnung"

Dass sich unendliche Geduld und Zuwendung lohnen, zeigt das Beispiel von Jens Neumann. Er fiel 2005 nach einem Motorradunfall ins Wachkoma. Seit 2007 hat sein Weg aus dem Nebel begonnen. Heute surft er am liebsten im Internet. Gerade hat er bei Ebay nach den Motorrädern geschaut. „Bei mir ist im Kopf alles wieder in Ordnung. Nur der Körper will noch nicht so“, sagt der 28-Jährige. An seine Zeit im Wachkoma kann er sich nicht mehr erinnern. Jens Neumann sitzt weiterhin im Rollstuhl. Weil sein rechter Arm gelähmt ist, muss er alles mit dem linken erledigen.

Irgendwann, so hofft er, kann er wieder arbeiten gehen und mit seiner Freundin zusammenziehen, die er mit 17 kennengelernt und die die ganze Zeit über zu ihm gehalten hat. Und ein Traum bleibt: „Vielleicht kann ich ja irgendwann wieder Motorrad fahren“, sagt er. „Ich weiß, das klingt schwachsinnig nach allem, was passiert ist. Aber Schwachsinn macht halt Spaß.“ Auf dem Regal stehen kleine Modelle von Motorrädern. Auf einem Kalender legen Motorradfahrer sich so tief in die Kurve, dass ihre Knie den Asphalt berühren.

Auch Peter Tiemann ist in seinem Zimmer von Zeugnissen seines früheren Lebens umgeben. Eingerahmt hinter Glas hängt der Entwurf für eine Gasturbine, eine seiner zahlreichen Erfindungen. „Das war ein ganz heller Kopf, der Herr Tiemann“, sagt Therapeut Uwe Eckert. Er korrigiert sich sofort: „Er ist ein heller Kopf.“ Am Kleiderschrank hängt ein Artikel aus der Zeitung: „Wittener im Koma wird Erfinder des Jahres.“ Vielleicht wird Peter Tiemann irgendwann wieder lesen können, was dort über ihn geschrieben steht. Und über den größten Erfolg seines Lebens.

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