Wie Städte improvisieren, um Flüchtlinge unterzubringen

Thomas Mader, Hubert Wolf, Lokalredaktionen
Den kleinen Meriton hat es nach Duisburg verschlagen.
Den kleinen Meriton hat es nach Duisburg verschlagen.
Foto: Lars Heidrich
Die Zahl der Hilfesuchenden zwingt die Städte, Zelte und Container aufzustellen, Turnhallen zu belegen und Fabrikhallen anzufragen. Ein Überblick.
Essen. 
  • Die Städte müssen täglich tausende neue Flüchtlinge aufnehmen und unterbringen
  • Duisburg wurde gescholten für seine Zelt-Zwischenlösung - inzwischen ist sie Routine
  • Und so gehen die anderen Städte im Revier mit dem Thema um: von Bottrop bis Velbert

Das Drama der Welt, es wird gleich nebenan aufgeführt. Jeden Tag kommen Busse mit Menschen aus Syrien und Eritrea, aus dem Irak oder ja, vom Balkan an in den Städten des Ruhrgebiets. Die Bezirksregierung Arnsberg teilt die Asylsuchenden zu, eben in dem Takt, in dem sie in den Erstaufnahmen in Dortmund oder Bielefeld vorstellig werden – sehr kurzfristig also. Und die Dezernenten und Politiker, die Ehrenamtlichen und Sachbearbeiter, die Nachbarn und Lehrer, alle müssen improvisieren. Und das tun sie erstaunlich geräuschlos, angesichts dieser Herausforderung ... Ein notgedrungen unvollständiger Überblick:

Bochum

133 Flüchtlinge nimmt Bochum auf – jede Woche! Azad und Nasdar A. (Namen geändert) zum Beispiel sind mit ihren zwei Kindern vor einem Monat gekommen. Etwa so lange waren die Jesiden aus dem Irak auf der Flucht, zwölf Tage lang zu Fuß. Asad A. war Bäcker, verdiente gutes Geld, doch die Reise nach Bochum kostete sie alles, die ganzen 30.000 Dollar. „Wir sind fortgelaufen vor Mord, vor dem Sterben. Es war nicht leicht“, sagt die 31-jährige Nasdar A.

Die Familie wohnt nun auf 30 Quadratmetern in Containern im Stadtteil Wiemelhausen, zusammen mit 270 Menschen aus 24 Nationen. Weil Bochum dieses Jahr wohl 3200 Flüchtlinge aufnehmen muss – die Zahlen steigen ständig – hat der Rat nun entschieden, drei weitere Containerdörfer aufzustellen. Ein Friedhof als Standort ist allerdings vom Tisch und auch der Sportplatz neben einer Schießsportanlage soll den Kriegsflüchtlingen nicht zugemutet werden.

Von den 1738 Flüchtlingen derzeit wohnt die Hälfte dezentral zur Miete und ein Viertel in Übergangsheimen, 242 leben in Turnhallen, 165 in Ferienwohnungen und 20 in Hotels. Händeringend sucht die Stadt nach Unterkünften – und neben aller Hilfsbereitschaft werden ihr immer wieder dubiose Angebote unterbreitet. „Es ist verachtenswert, dass mit Flüchtlingen Geschäfte gemacht wird“, so Bürgermeisterin Astrid Platzmann-Scholten (Die Grünen). Auch Azad und Nasdar A. wollen bald in eine Wohnung umziehen. Ihre sechsjährige Tochter erlebt schon deutschen Alltag als i-Dötzchen.

Bottrop

Anfang August lebten 946 Flüchtlinge in Bottrop. Fast die Hälfte kam in Wohnungen unterbringen, die auch von Privatleuten angeboten werden. Seit Ende Juli gibt es auch eine Notunterkunft des Landes in einer ehemaligen Schule. Bis zu 200 Flüchtlinge werden hier von den Johannitern betreut.

Eine zweite Notunterkunft hat die Stadt am Freitag angekündigt: Ab Mitte September sollen bis zu 200 Flüchtlinge in einer früheren Tennishalle unterkommen. Die 2500 Quadratmeter große Halle hat ein Privatmann zur Verfügung gestellt. Sozialdezernent Willi Loeven: „Es ist eine Herausforderung, aber Bottrop schafft das.“

Dortmund

Als Sozialdezernentin Birgit Zoerner die neuesten Flüchtlingszahlen nennt, sind sie bereits Makulatur: 3741 – Stand letzter Montag. Denn pro Woche kommen 150 weitere Flüchtlinge nach Dortmund. Von der Maßgabe, dass keine Unterkunft mehr als 350 Menschen fassen dürfe, muss sich die Stadt verabschieden – man spricht bereits von einer 1000er-Grenze. „Wir wollen so schnell wie möglich aus den Turnhallen raus“, sagt die Dezernentin – man denkt stattdessen an Wohnschiffe im Hafen.

Duisburg

Im vergangenen Jahr wurde Duisburg noch heftig gescholten, weil sie Zelte für Flüchtlinge errichtet hatte. Und tatsächlich hatte die Stadt es zwischenzeitlich geschafft ihre 2830 Flüchtlinge anderweitig unterzubringen: rund die Hälfte lebt in Wohnungen, andere in Turnhallen, alten Schulen und Verwaltungsgebäuden. Doch nun sind allein 700 Asylbewerber in einer Landeseinrichtung in Neumühl untergebracht, von wo sie nach drei bis fünf Tage weiterverteilt werden. Und Duisburg rechnet mit 4000 Menschen bis zum Jahresende – und hat wieder die Krisenzelte in Walsum aufgebaut. Heute erntet sie weit mehr Verständnis.

Essen

Bereits vor zwei Jahren musste die Stadt erstmals frühere Schulen zu Behelfseinrichtungen umrüsten – mit Duschcontainern auf dem Pausenhof. Seither kommen regelmäßig Notbehelfe hinzu: Man mietet ein Hotel an oder quartiert Flüchtlinge im früheren Handballleistungszentrum ein. Immerhin 357 Flüchtlinge sind in diesem Jahr schon in Wohnungen umgezogen. Und schließlich entsteht in der Stadt bis Jahresende eine Erstaufnahme-Einrichtung des Landes – die 800 Plätze werden auf Essens Quote angerechnet. Trotzdem musste man Ende Juli in den Krisenmodus umschalten: Um eine Massenobdachlosigkeit zu verhindern, baut die Stadt sieben Zeltdörfern mit 2600 Plätzen. Vorgestern zogen die ersten 30 Menschen ein im Nordviertel, vorwiegend Alleinreisende aus Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia und Eritrea.

Auf Turnhallen möchte man in keinem Fall zurückgreifen, doch vorsorglich hat man neben einigen schon Container mit Mobiliar platziert. 2522 Flüchtlinge sind aktuell in Essen untergebracht – im August 2010 waren es 321.

Gelsenkirchen

Gelsenkirchen arbeitet mit Hochdruck daran, seine 2155 Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen. Ein Team des Sozialamts sondiert den Wohnungsmarkt und steht in ständigem Kontakt zu Wohnungsbau-Gesellschaften, um Wohnraum zu akquirieren. Darüber hinaus gibt es knapp ein Dutzend Gemeinschaftsunterkünfte, Altbestände, die man nach Worten von Sozialamtsleiter Michael Graw über die Jahre hinweg im Standby-Betrieb gehalten habe.

Auch Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) hat sich eingeklinkt und per Aufruf an Privatvermieter gewandt. Über 100 Rückmeldungen gab es – und rund 70 Wohnungen wurden so bereits von Flüchtlingen bezogen.

2155 Asylsuchende leben inzwischen in Gelsenkirchen, außerdem über 100 Männer, Frauen und Kinder, die in einer leer stehenden Schule untergebracht sind und die auf ihre endgültige Stadtzuweisung warten. Bis Ende 2015 rechnet man in Gelsenkirchen mit weiteren 1500 Flüchtlingen. Und dann wird es ganz eng. Selbst, wenn man Container aufstellen wolle, so Michael Graw, „die kriegt man zurzeit nicht. Wir sind weiter auf private Hilfe angewiesen.“

Gladbeck

Im stadtfernen Grenzland zu Bottrop, nahe der A31, hatte Gladbeck seine zentrale Flüchtlingsunterkunft eingerichtet. Doch der abgewohnte Doppelstockcontainer ist nach einem Brand, ausgelöst durch eine defekte Steckdose, nicht mehr bewohnbar. Die 50 fehlenden Plätze schmerzen angesichts der über 500 Flüchtlinge, die die 75.000-Einwohner-Stadt beherbergt. Zwei Drittel leben zwar in Wohnungen und Reihenhäuschen, doch auch die Sporthalle der Ingeborg-Drewitz-Gesamtschule ist belegt mit 160 Menschen. Nun spricht die Stadt mit Unternehmen; künftig könnten Flüchtlinge also auch in Fabrikhallen unterkommen.

Herne

In den Notunterkünften der Stadt Herne leben aktuell knapp 700 Flüchtlinge. Bis zum Jahresende erwartet die Stadt bis zu 2000 weitere Um sie unterzubringen, sollen 100 Container für 400 Flüchtlinge angemietet werden, außerdem wird in der Verwaltung über winterfeste Zelte nachgedacht. Hinzu kommt: Herne hat zwei Turnhallen als provisorische Erstaufnahme-Lager für das Land eingerichtet: In der Sporthalle Wanne-Süd leben 100 Asylbewerber. Am Freitagnachmittag zogen weitere 105 Flüchtlinge in die Sporthalle Wanne. Die beiden Erstaufnahme-Einrichtungen sollen bis in den Oktober hinein geöffnet bleiben.

Mülheim

Mülheim hat sich lange gemüht, die Flüchtlinge in Wohnungen unterzubringen, nach dem Vorbild des „Leverkusener Modells“. Sie hat sogar mit Mietern ihrer Immobilientochter SWB verhandelt, ob sie nicht umziehen würden, um an zwei Standorten Platz zu machen für Flüchtlinge – nicht alle wollten. Doch angesichts von derzeit 1200 Flüchtlingen – demnächst kommen 300 hinzu, bis Ende des Jahres wird mit einer Verdopplung gerechnet – wird dieses aufwändige und konfliktträchtige Vorhaben zur Randerscheinung. Eine Turnhalle, die normalerweise von zwei Schulen genutzt wird, ist schon mit 120 Flüchtlingen belegt, eine weitere Turnhalle und eine ehemalige Förderschule werden vorbereitet. Die Stadt untersucht 50 Flächen, ob sie sich für ein Container-Dorf eignen. Und auf dem Saarner Kirmesplatz soll gar eine Zeltstadt entstehen für 600 Menschen.

Oberhausen

Für gut zehn Millionen Euro baut Oberhausen an drei neuen Standorten Flüchtlingsheime in Fertigbauweise. Denn zu den 1450 derzeitigen Flüchtlingen erwartet die Stadt weitere 600. Viele wollen helfen und spenden, gleichwohl gab es intensive Diskussionen mit Anwohnern neuer Heime, die der Stadt vorwarfen, die Sicherheits-, Abstands- und Umweltbedingungen nicht genau geprüft zu haben. Erstmals marodierte am Donnerstagabend eine Gruppe von Rechtsextremen vor einem neuen Heim im Schladviertel – deshalb empfing die Stadtspitze gestern demonstrativ Neuankömmlinge.

Recklinghausen

Gerade bauen 20 Helfer vom Roten Kreuz daran, dass das Schulungszentrum der Ruhrkohle 150 Flüchtlinge aufnehmen kann. Und dann geht es erst richtig los: „Wir kümmern uns um Kleidung, Hygiene, dass Kranke zum Arzt gefahren werden“, sagt der DRK-Vorsitzende Michael Vaupel. Daneben gebe es einen „unglaublichen Schreibkram: Die wenigsten haben eine Vorstellung von dem Wahnsinnsaufwand, den wir im Hintergrund betreiben“. Laufend muss das DRK neue Leute einstellen, „alles Vollzeitstellen, deutlich über Mindestlohn“. – In Recklinghäuser Übergangsheimen leben 450 Flüchtlinge. 1000 werden für 2015 erwartet.

Velbert

830 Flüchtlinge sind derzeit in Velbert untergebracht: 141 leben in der Sporthalle Waldschlößchen im Stadtbezirk Neviges; 312 in Übergangswohnheimen; 74 sind im Jugendgästehaus, im Haus des Sports oder ähnlichen Unterkünften untergekommen. Der Rest ist auf Wohnungen verteilt, die entweder von der Stadt oder von den Flüchtlingen selbst angemietet worden sind. Manche sind auch zu Verwandten gezogen.

Über konkrete Pläne kann die Stadt keine Auskunft geben: „Wir prüfen derzeit mögliche Standorte im gesamten Stadtgebiet“, sagt Stadtsprecher Hans-Joachim Blißenbach.

Witten

Vor rund einem Monat erreichte Wittens Bürgermeisterin Sonja Leidemann ein Notruf vom Regierungspräsidenten aus Arnsberg: Sie solle innerhalb von 24 Stunden Platz für 158 weitere Zuwanderer schaffen. Diese wohnen zurzeit in einer Turnhalle in der Innenstadt. Ersatz wird fieberhaft gesucht: Denn die Halle wird von Schulen und Vereinen dringend benötigt. Hinzu kommt: Die Heizung des Gebäudes ist nicht für kalte Tage ausgestattet. Als Alternative im Gespräch ist ein Verwaltungskomplex. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass Witten bis Jahresende weitere 800 Flüchtlinge aufnehmen wird müssen – eine Verdopplung.