Wie ein höflicher Essener Junge zum Salafisten wurde

Hayke Lanwert
Tayfun S. im Düsseldorfer Gerichtssaal.
Tayfun S. im Düsseldorfer Gerichtssaal.
Foto: Federico Gambarini/dpa
Er ist einer der vier Angeklagten im Terror-Prozess um den versuchten Bomben-Anschlag auf den Bonner Bahnhof: Tayfun S., ein Essener Junge. Kein guter Schüler ist er gewesen, aber ein freundlicher junger Mann. So beschreiben ihn viele. Doch er hat noch ein anderes Gesicht, sagt seine Ex-Chefin.

Düsseldorf. Die anderen drei, sie bleiben sitzen, wenn der Senat den Gerichtssaal betritt. Sie tragen Turban oder Kopftücher wie die IS-Kämpfer im Irak, sie recken die Hand und rufen: „Allahu Akbar“, „Gott ist groß!“. Tayfun S., der vierte Angeklagte im Terror-Prozess um den versuchten Anschlag am Bonner Hauptbahnhof, er setzt sich davon demonstrativ ab. Er gibt sich freundlich und offen. Tayfun S. ist der Salafist aus Essen.

Montag, am zweiten Tag in diesem Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht, in dem den Angeklagten unter anderem die Verabredung zum Mord an dem Vorsitzenden der rechtsextremen Partei Pro NRW vorgeworfen wird, geht es nur um den 23-jährigen Essener Tayfun S.

Im Blick des Staatsschutzes

Wie wuchs er auf, wie geriet er in die islamistische Szene? Er selbst will sich zu den Vorwürfen bislang nicht äußern. Es heißt, der Essener Staatsschutz habe ihn bereits vor seiner Festnahme im März 2013 im Blick gehabt. Ihn, der als drittes Kind einer türkischen Familie in Essen-Frillendorf geboren wurde.

Tayfun S. macht seinen Hauptschulabschluss auf der Frida-Levy-Gesamtschule, um danach jedoch nicht mehr richtig Fuß zu fassen. Das Berufskolleg, wo er die Fachoberschulreife schaffen möchte, bricht er nach wenigen Monaten ab, seinen Zivildienst ebenso. Während er allgemein als „freundlich“ und „sehr nett“ beschrieben wird, kritisiert die Leiterin des Altenheims, in dem er als Zivi arbeitet, er sei „unzuverlässig“ und „unpünktlich“. Er sei mit langem Bart und islamischen Gewändern zum Dienst gekommen, habe versucht, andere Mitarbeiter zu missionieren.

Wann genau sich Tayfun S. der islamistischen Szene angenähert hat, bleibt indes noch unklar. Im Jahr vor seiner Festnahme jedenfalls besucht er bald täglich Moscheen in Essen, Duisburg und Herne, reist mit dem mitangeklagten Marco G. nach Kassel zu einem Islam-Seminar. Bei seinen Moschee-Besuchen wird er bereits von der Polizei observiert.

2005, mit 15 Jahren, hat sich Tayfun S. einbürgern lassen. Drei Jahre später gibt er die türkische Staatsangehörigkeit ab. Und sein Essener Verteidiger Herbert Lederer legt Wert darauf, dass Tayfun S. mit 19 Jahren fünf Monate gemeinnützige Arbeit geleistet hat und auch seinen Zivildienst lediglich „aus gesundheitlichen Gründen beenden musste“.

Ordnungshaft für die anderen

Tayfun S.’ Mutter, die Brüder und seine Schwester, auch sie machen gestern im Zeugenstand von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch. Tayfun, leger in Jeans und T-Shirt, sucht immer wieder Blickkontakt zu ihnen. Lächelt, winkt ihnen vorsichtig zu. Rechts und links neben ihm sitzen seine drei Mitangeklagten Marco G. (27), Koray D. (25) und Enea B (44), kaum eine Regung zeigend.

Ihnen legt der Vorsitzende Richter Frank Schreiber am Ende dieses Verhandlungstages Ordnungsmaßnahmen auf. Haft von fünf und sieben Tagen, weil sie dem Gericht nicht den nötigen Respekt erweisen, weil sie nicht aufstehen, nicht ihre Kopfbedeckungen abnehmen. Enea B., der wüst Bärtige, starrt vor sich, ignoriert auch das.

Der Prozess wird fortgesetzt.