Wie Eichhörnchen Polly aus Bottrop weltberühmt wurde

Wer knipst denn da? Polly geht es in seiner Aufzuchtstation bei Pflegemama Claudia Schäfer wieder prächtig.
Wer knipst denn da? Polly geht es in seiner Aufzuchtstation bei Pflegemama Claudia Schäfer wieder prächtig.
Foto: Kai Kitschenberg
Verzweifelt klammerte sich Eichhörnchenkind Polly vor kurzem an eine Frau. Die rief aus Sorge die Polizei - damit begann der Ruhm des kleinen Nagers.

Bottrop/Dorsten.. Polly ist ein Eichhörnchen, aber als „Streifenhörnchen“ wurde es nun weltberühmt. Von Indien bis Illinois erzählen Zeitungen und Fernsehsender vom Nager, der in Bottrop eine Frau verfolgte, bis die Polizei eingriff. Die Geschichte ist wirklich passiert, wahr ist aber auch: Sciurus vulgaris aus der Unterordnung der Hörnchenverwandten fiel ins Sommerloch.

Und wahrscheinlich ist „Polly“ wirklich gefallen. Aus ihrem Nest, das „Kobel“ heißt, verwaist, hungrig, hilflos wie viele Artgenossen jedes Jahr. „Sie suchen aus Verzweiflung Schutz bei Menschen“, sagt Stefanie Hanau vom Eichhörnchen Notruf e.V., „und versuchen, sich festzuklammern. Sie möchten gerettet werden.“

Möglich, dass das Eichhörnchen aus der Eichenstraße sich dafür die junge Frau aussuchte. Der war das aber so unheimlich, dass sie die Polizei zu Hilfe rief. Die nahm, so die Pressemitteilung, „den Verfolger in Gewahrsam“. Auf Handschellen verzichteten die Beamten, trotzdem klingt die Nachricht seither so durch die Welt: „Eichhörnchen verhaftet“, meldeten „Telegraaf“ und „Algemeen Dagblad“ in den Niederlanden, „Eichhörnchen gefangengenommen“, titelte gar die „Sakshi Post“ in Indien.

Es gibt Honigtee statt einer Strafe

NBC News und Telegraph berichteten, Irish und Hindustan Times, Daily Mail und Daily Star. Journalisten von überall brachten die Geschichte aus „Bottrop, Germany“. Polly kennt man jetzt in Preoria, Illinois, und in Pittsburgh, wo man sie „angeklagt“ hat: Das Tier habe „gestalkt“!

Doch statt einer Strafe bekam es Honigtee. Belegt ist das durch ein Filmchen aus der Polizeiwache: Man sieht, wie eine Beamtin das erschöpfte Tierchen mit einer Pipette füttert. Eine halbe Million Menschen haben den Eintrag seither gesehen, fast 3000-mal wurde das Video geteilt, auf Youtube 50.000-fach geklickt, Tausenden auf Facebook gefiel das. Der Polizei gefällt es auch: „Eine andere Seite der Polizeiarbeit“ zeige das, sagt eine Sprecherin, „eine schöne Abwechslung, die der Seele gut tut“. Schon weil wohl endlich mal jemand Danke sagt: „Dass Sie auch den Kleinsten der Kleinen helfen“.

In Dorsten wird das Tierkind gepäppelt

Und wie es scheint, haben alle alles richtig gemacht: Nach erster Raubtier-Fütterung rief ausgerechnet die Polizei den Notruf, den für Eichhörnchen; zur Hilfe eilte Claudia Schäfer aus Dorsten. Die kam, ließ sich beißen und den Nager Pipi machen. „Das war das einzige, was die nicht hingekriegt haben. Aber sie haben dem Tier das Leben gerettet” (weshalb Polly nach „Polizei“ benannt wurde).

„Extrem unterernährt“ war das Hörnchen. Mit Katzenaufzuchtmilch und grünen Haselnüssen päppelt Schäfer es nun, zusammen mit drei Artgenossen in ihrer privaten Auffangstation. Polly, die mit 63 Gramm kam, wiegt nach einer Woche schon 30 mehr und zieht bald mit Balou zusammen, auch etwa sechs Wochen alt.

Ein betrunkener Artgenosse randaliert im Pub

Noch aber ist sie in Quarantäne: in einer Volière, in der es Röhren zum Verstecken gibt und zwei Hängematten. Gesund ist immer noch anders; desorientiert war das Tierkind, das „Rumrudern mit den Armen“ ist auch auf dem Film zu sehen, nur ist es nicht normal. Claudia Schäfer vermutet „eine neurologische Störung“, vielleicht eine Vergiftung, vielleicht durch Dünger. Aber dass das wird, ist schon zu sehen: Polly lässt sich kaum mehr halten. In einigen Wochen könnte sie ausgewildert werden.

Allerdings, als bekanntestes Eichhörnchen der westlichen Hemisphäre ist Polly schon wieder überholt: Ein Artgenosse hat dieser Tage in einem britischen Pub Zapfhähne aufgedreht, den Inhalt der Kasse verstreut und Knabbereien aus Tüten gefressen. Über 300 Pfund Schaden klagte der Wirt, der Übeltäter indes entkam durch ein Fenster. Aber auch wenn das Eichhörnchen gefasst worden wäre, es gälten vermutlich mildernde Umstände: Das Tier soll sturzbetrunken gewesen sein.

 
 

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