Wie der Held von Sterkrade einen Messerstecher überwältigte

Zivilcourage – für einen wie Lutz Backhaus selbstverständlich. Er bringt allerdings auch ganz gute Voraussetzungen mit.
Zivilcourage – für einen wie Lutz Backhaus selbstverständlich. Er bringt allerdings auch ganz gute Voraussetzungen mit.
Foto: WAZ FotoPool
Lutz Backhaus überwältigte einen psychisch kranken Messerstecher in der Oberhausener Innenstadt. Der Kampfsportler unterrichtet zufällig „eine sehr effektive asiatische Kampfsportart der Selbstverteidigung“.

Oberhausen. Wer Lutz Backhaus vor sich stehen sieht, der fragt sich, ob es wohl schon eine schmerzhafte Erfahrung sein wird, wenn er einem mit seiner Pranke gleich die Hand drückt. 109 Kilo verteilt auf einen Meter neunzig, und es dürfte wenig Sinn machen, nach Fettanteilen in diesem Kraftgebirge zu fahnden. Den Türrahmen am Eingang der kleinen Kampfsportschule mit den milchigen Scheiben in Oberhausen-Sterkrade füllt der Mann mühelos. „Kommen Sie doch rein“, dröhnt er mit heiserer Stimme, „aber schreiben Sie jetz’ bloß nich’ so’n Heldenepos über mich.“

Mal sehen.

Denn Backhaus hat etwas getan, das man heldenhaft finden darf. Und für das er im Internet gefeiert wird. Er hat einen Messerstecher überwältigt. Einen psychisch kranken Mann, der Menschen in Angst und Schrecken versetzt und einen Passanten schwer verletzt hat. Am Montag war das, in der Oberhausener Innenstadt, in der Fußgängerzone.

Psychisch kranker Mann stach ohne Vorwarnung zu

Lutz Backhaus setzt sich auf einen Hocker im Vorraum, in der Ecke schnarcht ein schwarzer Hund. Urkunden und Fotos pappen an den Wänden. Backhaus stützt seinen linken Ellenbogen auf dem Tresen ab. Die Ärmel seines Sporthemds hat er hochgeschoben, die Unterarme sind durchtätowiert, es passt viel drauf. 47 ist er, Aufsichtshauer bei der RAG auf Prosper Haniel. Früher hat er als Türsteher Geld verdient. Und er lehrt Wing Tsun. „Eine sehr effektive asiatische Kampfsportart der Selbstverteidigung“, doziert Backhaus, während man sich vorzustellen versucht, wer auf die Idee käme, ihn anzugreifen.

Wohl auch nicht der 39-Jährige, der auf der Marktstraße ohne Vorwarnung zustach. Die Klinge seines Messers drang siebeneinhalb Zentimeter tief in den Rücken eines 64-Jährigen ein, zwischen Niere und Wirbelsäule. „Der Mann hat wahnsinniges Glück gehabt, er ist sogar schon aus dem Krankenhaus“, erzählt Werner Zeuner, Kriminalhauptkommissar, und regelmäßig in Backhaus’ Unterricht zu finden.

Wie in einem „Knastfilm“

„Das ist ‘n paar Meter vor unserer Nase passiert“, berichtet Backhaus. Er sei mit Freundin Steffi (38) aus einem Souvenirladen gekommen, eine Buddhafigur hatte er gekauft. „Der Typ“, erinnert er sich, „war so einsachtzig, neunzig Kilo, lange, zottelige Haare.“ Der habe seinem Opfer „das Messer bis zum Schaft reingekloppt, wie in so ’nem Knastfilm.“ Vom Teufel habe er gefaselt. Die Leute hätten geschrien, Steffi habe „haut ab“ gerufen und mit ihrem Handy die Polizei alarmiert. „Ich wusste, wenn ich jetz’ nix mache, dann macht hier keiner was, und wer weiß, was der Kerl noch alles getan hätte“, sagt Lutz Backhaus und nahm die Verfolgung auf.

Als die Freundin den Mann mit einem Schrei abgelenkt habe, sei er von der Seite auf ihn losgegangen. Backhaus steht auf und fuchtelt mit den Armen herum. „Ich hab’ ihn mit einem Hebelgriff gepackt und entwaffnet.“ Und dann? „Naja“, sagt Backhaus und lacht. Ein heiseres Lachen, bei dem die meisten ihr Messer auch schon so fallen ließen. „Wie soll ich das jetzt ausdrücken – ich hab’ ihn kontrolliert außer Gefecht gesetzt.“ Im Polizeibericht ist etwas von einer „leichten Gesichtsverletzung“ beim Täter zu lesen. Backhaus grinst: „Dass ich dem eine gegeben hab’, ist doch klar, der war gefährlich, der lief Amok.“ Danach nicht mehr. Noch einmal lacht er, das Erzählen macht ihm Spaß. „Wäre toll gewesen, wenn wir das ausdiskutiert hätten, aber der wollte nicht.“

Keine allgemeingültige Empfehlung zum Eingreifen

Sein Vorgehen verbindet sich nicht mit einer allgemeingültigen Empfehlung. „Das ist viel zu gefährlich“, warnt Polizist Zeuner. Oder wie Backhaus es ausdrückt. „Wenn einer ins Wasser springt, und du springst hinterher, solltest du schwimmen können.“

Ein Händedruck zum Abschied. Tut gar nicht weh.

 
 

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