Werden Ärzte mit Geld von Pharmaunternehmen beeinflusst?

Etwa jeder zehnte niedergelassene Arzt nimmt an den umstrittenen Anwendungsbeobachtungen teil – und bekommt Geld für die Dokumentation von Patientendaten.
Etwa jeder zehnte niedergelassene Arzt nimmt an den umstrittenen Anwendungsbeobachtungen teil – und bekommt Geld für die Dokumentation von Patientendaten.
Foto: picture alliance / Klaus Rose
Pharmaunternehmen zahlen Millionen an Mediziner für Berichte zu ihren Medikamenten. Kritiker betrachten diese Studien als „Marketinginstrument“.

An Rhein und Ruhr.. „Sie haben ja nicht mal einen Kugelschreiber“, stichelte ein Arzt. Ein anderer fragte: „Was können Sie denn für mich tun?“ Subtiler formulierte ein weiterer Mediziner: „Und haben Sie auch einen schwarzen Geldkoffer dabei?“ – „Da weiß man nicht einmal, ob es eine Anspielung auf das Klischee ist oder ob er wirklich etwas haben möchte“, sagt Pharmareferentin Kristina D.. Sie hat in den zwei Jahrzehnten ihrer Berufstätigkeit „Ärzte erlebt, von denen ich ganz fies angegangen wurde – aber die waren immer die Ausnahme. Genau wie die Firmen, die das bedient haben.“ Die aktuelle Diskussion um mögliche Bestechungen von Ärzten durch die Pharmaindustrie hält sie für „eine unglaubliche Schwarz-Weiß-Malerei“.

Jüngst gab der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) bekannt, wie viel Geld seine Mitglieder 2015 an Ärzte und medizinische Institutionen gezahlt haben: 575 Millionen Euro. Davon gingen 119 Millionen an 71.000 Ärzte für Studien, Fortbildungen, Vorträge und Reisekosten. Fast ein Drittel der Ärzte stand freiwillig mit Namen dafür ein – und viele fühlten sich an den Pranger gestellt, als Medien diese Namen in einer Datenbank veröffentlichten.

Der Essener Neurologe Prof. Hans Christoph Diener ist mit über 200.000 Euro der Spitzennebenverdiener: Das Geld, sagt er, habe er bekommen für große klinische Studien. Alle Drittmittel seien wieder in der Uniklinik Essen investiert worden, vor allem am Schwindel- und am Kopfschmerzzentrum. Ein Kliniksprecher bestätigt: „Es stehen Leistungen dahinter. Ein absolut vorbildlicher Ansatz.“

Ärzte „beobachten“ Medikamenteneinnahme

Jeder Fall ist anders – insofern lenkt die Personalisierung der Daten aus der Transparenzkampagne des VFA eher ab davon, dass der umstrittenste Posten sich pauschal in den Ausgaben für Forschung und Entwicklung (366 Millionen) versteckt: Es geht um Anwendungsbeobachtungen. Um Geld, das Ärzte dafür bekommen, dass sie dokumentieren, wie Patienten ein Medikament anwenden. Hinzu kommt: 2015 wurde nur gut ein Drittel aller neuen „Beobachtungen“ von den VFA-Unternehmen gestartet, nach eigenen Angaben 41. Obwohl die dort vertretenen Konzerne rund drei Viertel des Medikamentenmarktes abdecken, laufen also knapp zwei Drittel der Erhebungen und damit der Großteil der Zahlungen außerhalb der Freiwilligen Selbstkontrolle der Arzneimittelindustrie.

Kritiker glauben, dass diese Tests größtenteils unnötig sind und die Ärzte dazu verführen, Medikamente zu verschreiben, die zusätzliche Einnahmen versprechen. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft vertritt diese Auffassung ebenso wie der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV): „Es liegt der Verdacht nahe, dass Anwendungsbeobachtungen ein Marketinginstrument sind“, sagt dessen Sprecher Florian Lanz. „Sie werden gemacht, weil die Pharmaindustrie den Umsatz ihrer Produkte steigern will.“ Ärzte sollen Probleme mit Medikamenten ohnehin melden. „Für den einzelnen Patienten muss es kein Schaden sein“, erklärt Lanz, wenn er ein anderes als das etablierte Medikament bekomme – die Zuzahlung könne teurer kommen. Schwerer wiege, dass „Übertherapie“ die Kosten für alle treibt.

„Wir haben nichts gegen echte Studien, aber Anwendungsbeobachtungen erfüllen in aller Regel nicht die wissenschaftlichen Standards“, sagt Dr. Christiane Fischer, Mitglied des Deutschen Ethikrates. „Zum Beispiel gibt es keine Kontrollgruppen.“ Die Hammerin ist auch Geschäftsführerin des Vereins „Mezis“, einer „Initiative unbestechlicher Ärzte“ und fordert „eine staatliche Kontrolle, welche Medikamente erforscht werden sollen“ – ähnlich wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Im Antikorruptionsgesetz, das im Juni in Kraft trat, klammerte die Große Koalition diesen Punkt jedoch aus.

Welche Studien sind wirklich sinnvoll?

Rolf Hömke, Sprecher des VFA, sagt dagegen: „Die Anwendungsbeobachtungen durchlaufen eine Qualitätssicherung, die nur wissenschaftlich sinnvolle Studien durchlässt.“ Ist ein Gerinnungshemmer von Bayer auch bei gebrochenen Hüftknochen verträglich? Wie „therapietreu“ injizieren sich Multiple-Sklerose-Patienten ihr Medikament? „Die Ergebnisse müssen publiziert werden, jeder kann sie sich anschauen“, sagt Hömke. „Ich kann jedoch nur für unsere Mitgliedsunternehmen sprechen.“

„Es gibt natürlich Firmen, die machen völlig sinnfreie Studien“, weiß die Pharmareferentin Kristina D. Das schlechte Image der Branche hat ihr auch persönlich zugesetzt. „Ich werde manchmal angeguckt, als hätte ich den ganzen Tag nichts getan, als Ärzte zu bestechen. Aber das ist natürlich nicht so. Wie will man ohne langfristige Erhebung herausfinden, wie groß das Suchtpotenzial von Schmerzmitteln ist? Das ist für mich in keinster Weise verwerflich.“

 
 

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