Was nach dem Hochwasser kommt

Einen halben Meter hoch stand der Schlamm im Keller von Dieter Geisler. Sein Haus in Bergkamen war nicht versichert.
Einen halben Meter hoch stand der Schlamm im Keller von Dieter Geisler. Sein Haus in Bergkamen war nicht versichert.
Foto: Ralf Rottmann / WAZ FotoPool
Nur jedes dritte Haus ist gegen Starkregen & Co. versichert. Die aber häufen sich, befürchten die Deutschen Versicherer. Sie rechnen mit einer Verdopplung der Überschwemmungsereignisse in den nachsten Jahren. Ein Ortsbesuch im betroffenen Bergkamen.

Bergkamen.. Als Doris Sternberg und Dieter Geisler an diesem 18. September kurz nach zehn Uhr ins Bett gehen, da ist ihre Welt noch in Ordnung. Dass draußen, hinter ihren neuen, dichten Rolläden, leichter Regen einsetzt, nehmen sie kaum wahr. Wenige Stunden später jedoch steht ihr Haus tief im Wasser. So wie über hundert andere in der Stadt Bergkamen. 350 Liter Regen pro Quadratmeter prasseln nieder, richten immense Schäden an. Und – schlimmer noch: Die meisten Betroffenen sind gegen solche Unwetter nicht versichert.

Diese Nacht werden sie so schnell nicht vergessen. Wie es um 2.20 Uhr plötzlich Sturm klingelte, wie die Nachbarin aufgeregt fragte, ob sie auch Wasser im Keller hätten. Zehn Zentimeter waren es da erst, aber es begann bereits zu stinken. Die Abwässer, die Fäkalien der Stadt hatten sich durch den Grund ihren Weg gesucht, überschwemmten die Souterrain-Wohnung. Bad, Küche, Wohnzimmer, die beiden Schlafzimmer, den Heizungskeller.

Und es sollte noch schlimmer kommen. Eineinhalb Stunden später, die Feuerwehr war bereits zum Pumpen angerückt, da fiel plötzlich das Pumpwerk der Ruhrkohle AG in dem Bergsenkungsgebiet aus. Die Feuerwehr also rückte wieder ab. „Von unten, aus dem Keller, hörten wir ein einziges Rauschen“, erzählt Doris Sternberg. Der vorher fast leergepumpte Keller stand jetzt einen halben Meter tief im Schlamm – bei manchen Nachbarn auch bis zur Kellerdecke. „Und es roch auch schön!“, bemerkt Dieter Geisler.

Fast alle sind sie nicht versichert

Betten, Matratzen, Fernseher, Kleidung, Fotos und Erinnerungen, all das sollte stinkend und unbenutzbar in Containern landen. Sperrmüll. „Alles weg. Da kriegen Sie das Heulen“, sagt Doris Sternberg. Waschmaschine, Trockner, Heizung – zerstört. Und bald stehen die Nachbarn auf der Straße zusammen, um den nächsten Schock zu verarbeiten. Fast alle sind sie nicht versichert! Natürlich haben sie eine Gebäude- und eine Hausratversicherung, aber eben keine, die sie vor Elementarschäden schützt. Wer dachte an sowas, als sie vor 40 Jahren hier einzogen.

Die Schäden, sie gehen in die Zigtausende. Dort, wo Gutachter kommen, heißt es: Die Böden müssen raus, die Wände trocken gelegt werden, damit das Haus nicht zu schimmeln beginnt. Wie Dieter Geisler sind viele Nachbarn schon weit über 70 Jahre alt: „Von den Banken bekommt man als Rentner natürlich keinen Kredit mehr.“

Bergkamen ist überall. Die Unwetter häufen sich. Münster versinkt in den Fluten, Sturm Ela verwüstet das Ruhrgebiet, das Juni-Hochwasser trifft 2013 halb Europa. Doch in Deutschland sind gerade einmal 35 Prozent aller Gebäude gegen Elementarschäden, gegen Überschwemmungen, Sturm oder Erdsenkungen versichert.

„90 Prozent der Bundesbürger sehen sich nicht bedroht. Das ist eine fatale Fehleinschätzung“, sagt Kathrin Jarosch, Sprecherin der Deutschen Versicherer. Tatsächlich rechnet diese Branche mit einer Verdoppelung der Hochwasser-Schäden in den nächsten Jahrzehnten. In Bergkamen, wo drei Stadtteile im Wasser versanken, wo mancher per Boot ins Trockene geholt werden musste, plant die Stadt nun Info-Abende. „Wir wollen erklären, dass unser Kanal-System funktioniert, es aber solche Extremwetterlagen nicht bewältigen kann. Die Bürger müssen selbst etwas tun, etwa Rückstauklappen einbauen“, sagt Hans-Joachim Peters, der 1. Beigeordnete der Stadt.

Auch die RAG ist konfrontiert mit Forderungen

Auch bei der Ruhrkohle AG, deren Pumpwerk eine halbe Stunde ausfiel, fragen Betroffene nach Schadenersatz. „Die Keller waren schon vorher vollgelaufen. Aber wir prüfen jeden Einzelfall, in wieweit wir ersatzpflichtig sind“, sagt RAG-Sprecher Ulrich Aghte.

Dieter Geisler und Doris Sternberg blieben in all ihrem Unglück nicht allein. Die Kinder halfen, die Geschwister, Nichten und Neffen. Tagelang kübelten sie Wasser, fetzten Holzverkleidung und Tapeten von den Wänden. Noch immer riecht es modrig im Haus. 42 Jahre lebt der alte Herr schon darin – nie war etwas passiert. Kürzlich hatte er zumindest den Hausrat gegen Elementarschäden versichert. Das Haus selbst jedoch nicht. „Was für ein Hochwasser soll hier denn kommen?“ hatte er gefragt.

 
 

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