Warum Lehramtsstudenten die Praxis nicht mehr schockt

An der Ruhruni in Bochum wird jetzt eine neue Konzeption der Lehrerausbildung mit mehr Kontakt zu Schülern, umgestzt. Annika Wruck 18J. ( Bildmitte) Schülerin des Pestalozzi Gymnasium in Unna, arbeitet mit den beiden Studenten Tobias Packenius und Hanne Kroos zusammen. Foto: Udo Kreikenbohm/WAZ FotoPool
An der Ruhruni in Bochum wird jetzt eine neue Konzeption der Lehrerausbildung mit mehr Kontakt zu Schülern, umgestzt. Annika Wruck 18J. ( Bildmitte) Schülerin des Pestalozzi Gymnasium in Unna, arbeitet mit den beiden Studenten Tobias Packenius und Hanne Kroos zusammen. Foto: Udo Kreikenbohm/WAZ FotoPool
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Praxis-Schock war gestern. Die heutige Generation der Lehramtsstudenten weiß, was auf sie in der Schule zukommt. Denn moderne Unis wie die RUB haben Praktika ins Studium eingebaut.

Bochum. Dass sie gerne Lehrerin werden würde, hat sie schon sehr früh gewusst. Und wenn die 23-jährige Hanne Kroos in wenigen Jahren vor ihrer ersten eigenen Klasse steht, wird sie wohl kaum das erleben, was Referendare früher gern den „Praxisschock“ nannten. Theoretisch examiniert, doch rein praktisch unfähig zu unterrichten. Bereits im vierten Semester absolvierte die Bochumerin ihr erstes Praktikum, bis zum Ende des Studiums kommen noch einige hinzu. „Diese Praktika sind enorm wichtig. Spätestens da weiß ich, ob der Beruf etwas für mich ist“, sagt die 23-Jährige.

Unterrichten bereits im Studium

Nach Pisa und Iglu, Studien in denen Deutschland im internationalen Vergleich eher mässig abschnitt, hat Deutschland das Lehramtsstudium entdeckt. Zu lange wurde es an den Universitäten stiefmütterlich behandelt, jetzt mühen diese sich, die Ausbildung der Pädagogen aufzupolieren. Die Ruhr-Universität Bochum liegt da neben der Technischen Universität München ganz weit vorn. Hier wie dort gründete man eigene „Schools“, in denen die Lehramtsfächer erstmals konzentriert wurden, um sie neu aufzustellen.

Ruhr-Universität Bochum, Gebäude NB03, Raum 242. So anonym die Ortsbeschreibung an der gern als 70er-Jahre Beton-Ungetüm diskreditierten Hochschule auch klingt, so entspannt geht es an diesem Morgen in diesem Chemie-Labor zu. Ein Chemie-Grundkurs des Unnaer Pestalozzi-Gymnasiums wuselt hier gerade in weißen Kitteln und mit überdimensionalen Schutzbrillen umher, schwenkt gibbelnd Rundkolben und Reagenzgläser. Aspirin selbst herzustellen, seine Inhaltsstoffe zu analysieren, ist ihre Aufgabe.

2004 wurde das Schülerlabor mit Geldern der Krupp-Stiftung gegründet, um junge Leute in forschung hereinschnuppern zu lassen. Inzwischen ist das Labor gleichzeitig Übungsplatz für angehende Lehrer der Chemie, die sich hier im Unterrichten erproben können. Sie betreuen die Schüler und leiten sie bei Experimenten an. Gleichzeitig bieten die Schülerlabore ihnen die Möglichkeiten, eigene Unterrichtsprojekte zu entwickeln, diese mit ihren Dozenten zu hinterfragen.

Bochums Professional School of Education (PSE) fasst 20 Lehramts-Fächer von Germanistik bis Chemie zusammen, stellt neue Lehrpläne auf, und will angehende Pädagogen motivieren, auch nach dem zweiten Staatsexamen weiterzuforschen. Sie bietet ihnen an, morgens in der Schule zu unterrichten und nachmittags zu promovieren. Forschung soll so Schulunterricht bereichern und umgekehrt. „Was wir hier erarbeiten, ist sehr umfassend und könnte demnächst auf andere Universitäten übertragen werden“, sagt Katrin Sommer, die stellvertretende Dekanin der Bochumer Professional School of Education.

„Da ist in den letzten Jahren viel in Gang gekommen“, befindet auch der Kölner Erziehungswissenschaftler Prof. Johannes König. Es sei ein größeres Bewusstsein dafür entstanden, dass künftige Lehrer eine gute Ausbildung brauchen. Dass die Anforderungen an sie wüchsen. Das neue Lehrerausbildungsgesetz in NRW berücksichtigt das schon, in dem es Deutsch als Zweitsprache zur Pflicht macht, ebenso wie ein Praxissemester im Grundstudium.

So startete Bundesbildungsministerin Annette Schavan eine mit 500 Millionen Euro ausgestattete Qualitätsoffensive für die Lehrerausbildung. Denn noch immer läuft die an den meisten Universitäten eher nebenher, wenig strukturiert und verstreut auf zahlreiche Fakultäten. „Englisch etwa wird von vielen künftigen Lehrern studiert, aber die Fächer richten sich vor allem an Magister-Studenten, an jene, die später den Nachwuchs in der Forschung darstellen“, sagt König.

Notfalls den Beruf wechseln

Bochum hat sich auf den Weg gemacht. Wegweisend. „Bei uns erleben die Studenten sehr früh, ob sie es hinkriegen zu unterrichten, wie sich das anfühlt, vor einer Klasse zu stehen“, sagt Katrin Sommer von der PSE. Schon einige Male musste sie nach solchen Praxistests weniger angenehme Gespräche mit Studenten führen, darüber ob diese wirklich für den Beruf geeignet sind, ob es nicht sinnvoller wäre, nach dem Examen eine andere Richtung einzuschlagen. Lieber früher als zu spät, findet Sommer. Findet auch Studentin Hanne Kroos: „Als Schüler hat man doch diese ganz schlechten Lehrer erlebt, die das nur deshalb geworden sind, weil ihnen nichts anderes eingefallen ist.“

 
 

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