Warum Flüchtlinge in Oberhausen in eine Kirche ziehen

Schlafsaal Kirchenschiff: Pfarrer Thomas Levin zeigt die Kirche, wo Montag Flüchtlinge einziehen werden.
Schlafsaal Kirchenschiff: Pfarrer Thomas Levin zeigt die Kirche, wo Montag Flüchtlinge einziehen werden.
Foto: Kai Kitschenberg
Für Flüchtlinge finden Städte ungewöhnliche Unterkünfte. In Oberhausen gibt eine Gemeinde ihr Gotteshaus her, in Dortmund gingen Schiffe vor Anker.

Ruhrgebiet. Das Kreuz bleibt hängen! Kurz raunte ja das Gerücht durch die Gemeinde, das Symbol des Christentums werde abgehängt, weil da jetzt Muslime kommen. Dabei haben sie es nur extra festgemacht, dass es keinem auf den Kopf falle. Indes zeigt diese kleine Randnotiz, wie sensibel es ist, was Oberhausen da macht: Die evangelische Kirche Kempkenstraße wird Flüchtlings-Unterkunft.

Am Montag schon werden sie einziehen, fünf syrische Familien, das jüngste Kind gerade vier Monate alt. 25 von 2514, die die Stadt dieses Jahr unterbringen muss, obwohl auch sie kaum mehr weiß, wo und wie. „Ehe die Menschen im Winter in Zelten unterkommen“, entschied deshalb das Presbyterium im nördlichsten Stadtteil, „lassen wir sie in die Kirche.“ Eine Selbstverständlichkeit für Christen, findet Pfarrer Thomas Levin, „das ist Teil unseres Auftrags“. Und ist nicht die Bibel das Buch mit den ältesten Fluchtgeschichten?

Das Taufbecken haben sie also fortgeräumt, die Orgel ist hinter einem Zaun verschwunden, wo der Altartisch stand, warten jetzt stählerne Spinde, ein Baby-Reisebett und ein Eimer voller Legosteine. Die Stühle stapeln sich auf der Empore, an ihrem Platz im Kirchenschiff warten 25 Stockbetten. Kühl ist das, in doppeltem Sinn: „Eine Kirche“, sagt selbst Frank Bohnes, Leiter des Sozialbereichs der Stadt, „ist nicht der ideale Ort, um Flüchtlinge unterzubringen.“ Das betagte und sanierungsbedürftige Gebäude von 1906 hat ja auch keine Toiletten und erst seit gestern so etwas wie eine Heizung. Dusche, Klo und Waschmaschine stehen in Containern hinterm Gotteshaus. „Siehe“, steht in dessen Fenster eingelassen, „es ist alles neu geworden.“

Dortmund nennt seine Boote die „Arche Noah“

Was nicht alle in Oberhausen segensreich finden. „Es gibt Ängste“, gesteht Pastor Levin, „das überrascht uns auch.“ Die Idee der Herberge, ausgerechnet, polarisiert. Von Menschen, die austreten, muss Levin berichten, mehr aber von solchen, die sagen: „Jetzt weiß ich, warum ich noch in der Kirche bin.“ Das sind die, die Kuchen backen und Decken bringen. Verwaltungsmann Bohnes, in dieser Kirche getauft und getraut, ist „stolz, dass das meine Gemeinde ist“.

Vom Kirchenschiff zur „Arche Noah“ – auf der Suche nach Wohnraum für Flüchtlinge ist ja auch Dortmund biblisch unterwegs. Hier hat die katholische Caritas im Hafen zwei Flusskreuzfahrtschiffe so getauft. Die Arche lag nahe für Manfred von Kölln, Leiter Soziale Dienste beim Caritasverband: „Das biblische Symbol als Zufluchtsort ist Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen vertraut.“ Noch ist das Boot, wenn man das so sagen darf, nicht voll, 65 Flüchtlinge gingen seit Dienstag an Bord. „Wesentlich besser als das Wohnen in Zelten und Containern“, nennt von Kölln die Doppelkabinen, „etwas Wunderbares“, sagt sogar Franz-Josef Chrosnik, der die Mini-Flotte betreut. Sie nennen ihn nun „den Kapitän“. Allerdings bedeutet ein Boot gerade für Menschen, die übers Meer kamen, womöglich ein Trauma. Käpt’n Chrosnik fragt deshalb jeden, ob er wirklich einsteigen will.

Die Not der immer zahlreicheren Flüchtlinge bringt die Städte auch anderswo im Ruhrgebiet auf ungewöhnliche Ideen. Duisburg belegte das ehemalige Krankenhaus St. Barbara und die Glückauf-Halle, Kultur und Karnevalisten zogen um. In Recklinghausen wohnen bald 160 Menschen im alten Kreiswehrersatzamt, einst königlich-preußische Bergwerksdirektion. Bottrop bezieht den „Boyer Hof“ (das Zimmer sonst zu 52 Euro, mit Kegelbahn) und den „Spielraum“, früher „Haus der Jugend“. Es sei „erforderlich“, schrieb der Oberbürgermeister, „Unterkünfte vorzubereiten, deren Nutzung bei unseren Bürgern zu Einschränkungen führen wird.“

Das beklagen nun auch die Protestanten in Oberhausen. „Was ist mit uns?“, fragten sie ihren Pfarrer. Wozu man wissen muss, dass ihre Kirche ohnehin aufgegeben werden soll, es ging um 2017, vielleicht. Doch nun wird schon Weihnachten ins Gemeindehaus verlegt. Und an dessen Stirnwand hängt nicht einmal ein Kreuz.

Wohnen in Discos, Krankenhäusern und Hotels

Auch andere Städte werden angesichts steigender Zuweisungen erfinderisch: In Kiel kamen Flüchtlinge in der ehemaligen Marinetechnikschule unter – Drehort für den Tatort mit Axel Milberg. In Berlin schlafen sie im alten Flughafen Tempelhof, in einem Dorf in Schleswig-Holstein demnächst in einer Disco.

Erfurt mietete das Gebäude eines früheren Bordells an, Bayern stellte Wohnwagen auf einen Campingplatz. Osnabrück räumte Zimmer in einer Hautklinik, Frankfurt/Oder ein Vier-Sterne-Hotel, Horstmar das leerstehende Gasthaus „Tante Toni“. Und in Paderborn stellt die Kirche ihr Klarissenkloster zur Verfügung.

 
 

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