Warum feiern so wenige Fans die EM beim Public Viewing?

Fußball-Fans stehen beim Public Viewing im Bochumer Westpark unter dunklen Wolken.
Fußball-Fans stehen beim Public Viewing im Bochumer Westpark unter dunklen Wolken.
Foto: FUNKE Foto Services
Unbeschwerte EM-Stimmung will im Revier bislang nicht aufkommen. Der Regen spült das Publikum fort, die Probleme Europas tun ihr Übriges.

Essen.. Es ist nicht leicht, ein Sommermärchen zu empfinden, wenn zu Beginn des Public Viewings Polizei aufzieht und zur Halbzeit Regen. Deutschland gegen Nordirland, es geht sogar um etwas, doch wieder sind nur 3500 Menschen in den Westpark in Bochum gekommen – da ist Platz für 15.000! Vorne feuern sie an, stöhnen, jubeln, aber an den Ständen hinten bleibt viel Bier ungezapft und vorgegrillte Wurst liegen. Stapelweise. Geht Sommermärchen im Jahr 2016 so: Es war einmal?

„Die Leute, die da sind, haben Spaß.“ Das sagt Veranstalter Marcus Gloria in Bochum genau so wie Kollege Patrick Arens in Dortmund. Es sind aber nicht viele da.

Public Viewings klagen über wenig Besuch

2500 auf Dortmunds Friedensplatz, 1500 auf Essens Kennedyplatz, 3500 in Bochum, aber da kostet es keinen Eintritt. Oberhausens Arena zählte keine 10.000 Besucher in der ganzen Vorrunde, Düsseldorf hatte den Kater schon bei der Party: 150 Zuschauer statt 5000! In der ganzen Republik klagen die Public Viewings über wenig Besuch. Nun ist Dortmund verwöhnt, aber schon die WM 2014 ließ dort so deutlich nach, dass Patrick Arens sagt: „Man muss sich auf Dauer ansehen, ob das Format noch geht.“

Einem Sommermärchen, sagt Marcus Gloria, „fehlt erstens der Sommer. Und zweitens das Märchen: Jeder kommt durch außer der Ukraine. Das ist doch nicht spannend.“ Vom Wetter reden sowieso alle – noch hat es immer geregnet, sobald Deutschland kickte, und wie: Von „Vernichtungsregen“ spricht Arens. „Wer da einmal drin ist, ist für den Tag erledigt.“ Viel Tag blieb nach den ersten Spielen indes nicht mehr: Der Anstoß lag spät, 23 Uhr ist keine Zeit, um bei unter zehn Grad draußen ‘rumzustehen.

Bald jeder hat inzwischen einen großen Flachbild-Fernseher zuhause

Auch gibt es Stimmen, die sagen, dass die Menschen inzwischen lieber zuhause gucken, wo bald jeder einen großen Fernseher hat, und man sieht die Leute ja auch klopfen beim Nachbarn, Grillwürste und Chipstüten unter dem Arm. Marcus Gloria aber sagt: „Man kann zuhause auch Platten hören, aber trotzdem geht man ins Konzert.“ Rudelgucken bedeute, „mit Gleichgesinnten ordentlich zu feiern“.

Nur ist das womöglich das Problem. Es ist den Leuten nicht nach Feiern. Und vielleicht sind sie nicht einmal gleichgesinnt. Der Trendforscher Peter Wippermann, Professor an der Essener Folkwang-Universität, glaubt: „Die gesellschaftliche Situation ist nicht so, dass die Menschen entspannt feiern könnten.“ Das friedliche Europa: „ein Kontinent, der bröckelt“. Der drohende Brexit: „verändert das europäische Bewusstsein“. Dazu die Angst vor Terror, blutige Bilder von Hooligans – „da kann man nicht mehr unbeschwert Fußball gucken“.

„Die Gesellschaft ist nicht mehr stolz auf sich“

Bislang, sagt Wippermann, seien Turniere wertvoll gewesen, um auszusteigen aus dem Alltag. Doch diesmal: „Man kann die Angst nicht ausklammern“, sagt der Schausteller Patrick Arens. Das Thema Fußball sei nicht mehr so groß wie früher, die Siege der Deutschen „nimmt man so hin“. „Man guckt, dass man weiterkommt“, sagt auch Trendforscher Wippermann, geht heim und „zur Tagesordnung über“. Selbst die Freude über einen Sieg sei „reduziert“.

Fußball also – das muss man sich mal vorstellen – „ist gerade nicht das Wichtigste auf der Welt“.

Und nicht in Europa, gerade hier. Der spielerische Wettkampf und zugleich die Verbrüderung falle den Menschen derzeit schwer, glaubt der Essener Professor: Es gebe „wieder deutliche Unterschiede“ zwischen den Nationen, die Grenzen gingen zu, das Gemeinschaftsgefühl fehle. Und jetzt: Das Beflaggen zögerlich, das Rudelgucken rational, das deutsche Selbstbewusstsein, so Wippermann, sei schwächer geworden. „Die Gesellschaft ist nicht mehr stolz auf sich.“

Scheu vor den Nationalfarben

Der Wissenschaftler beobachtet eine „Polarisierung und Radikalisierung“; Rassismus, vorher „Randthema“, stehe wieder in der Öffentlichkeit. Zu viel sei darüber diskutiert worden, ob ein deutscher Spieler auch weiße Hautfarbe haben müsse oder wenigstens das Werbekind auf der Schokolade. In dieser Stimmung, meint mancher, hängt man die Fahnen lieber nicht mehr raus. Tatsächlich hat ihre Zahl an Autos und Fenstern deutlich abgenommen (und wenn sie hängen, dann gern falsch herum). Auch viele Ladenbetreiber verzichten auf allzu üppige Schaufenster-Deko in Schwarz-Rot-Gold.

Ein echtes Märchen aber verlangte nun wenigstens ein Happy End. Die Unbeschwertheit, ahnt Peter Wippermann, werde sich aber nicht mehr einstellen, das „ändert sich nicht durch das Spiel“. Fans indes haben noch Hoffnung: Spanien gegen Italien, frohlockten sie am Mittwoch, „jetzt beginnt endlich die EM“! Auch Marcus Gloria ist mit Blick auf die K.O.-Runde optimistisch. Und gespannt: „Kommt die EM beim Publikum noch an?“

 
 

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