Warum das Geschäft mit Holi-Festivals im Ruhrgebiet blüht

Jennifer Kalischewski
Die sinnbefreite Variante des indischen Frühlingsfestes: Elektroparty mit Farbrausch auf der Trabrennbahn Gelsenkirchen.
Die sinnbefreite Variante des indischen Frühlingsfestes: Elektroparty mit Farbrausch auf der Trabrennbahn Gelsenkirchen.
Foto: Jakob Studnar
Findige Veranstalter machen eine indische Tradition zum Trend. Ihre Holi-Festivals färben auch aufs gesamte Ruhrgebiet ab - zum Beispiel in Essen, Duisburg, Bochum, Dortmund oder Gelsenkirchen. Doch wie lange funktioniert die sinnbefreite Variante des indischen Frühlingsfestes noch?

Ruhrgebiet. Drei, zwei, eins – und die Farben explodieren. Über den Köpfen der Festivalbesucher färbt sich die Luft lila, blau, pink, türkis und gelb. Die Masse jubelt, die Musik setzt ein. Der Wind wirbelt die Farbpartikel durcheinander zu einer einzigen rosaroten Wolke. Darin tanzen die Menschen auf der Trabrennbahn in Gelsenkirchen zu elektronischer Musik. Stündlich wiederholt sich der Countdown – das Partyvolk zückt die Plastiktütchen und bewirft sich mit Gulal, einem knalligen Maismehlpulver. Es legt sich auf Kleidung, Haut und Haar. Eine Fete zum Erinnern, so oder so.

Die Szene könnte genau so gut auf einem der vielen anderen Holi-Festivals im Ruhrgebiet spielen.

Ihren Ursprung haben die farbenfrohen Feiern in Indien. Mit „Holi“ – auch Sigma, Sigmo, Phaga oder Dol Yatra genannt – begrüßen die Menschen dort Jahr für Jahr den Frühling. 2012 kam die Adaption der indischen Tradition nach Deutschland, zunächst nach Berlin. „Mein Kollege Jasper Hellmann war 2011 in Indien auf einem echten Holi-Fest. Für ihn war das so ein geiles Erlebnis, dass er sowas auch hier haben wollte“, sagt Max Riedel, Geschäftsführer der Holi Concept GmbH und Veranstalter der Reihe „Holi Festival of Colours“. Die beiden Berliner haben den Farbenrausch nach Deutschland geholt, sagen sie. Und touren nun mit der sinnbefreiten Variante des indischen Frühlingsfestes durch die Welt.

Indisches Frühlingsfest kommt auch im Ruhrgebiet gut an

Auch im Ruhrgebiet ziehen die Farbpulver-Festivals das Partyvolk an. Essen, Duisburg, Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen, Oberhausen, Bottrop – jede Stadt hat in diesem Jahr ihr eigenes. Oder gleich mehrere. Sie heißen, je nach Anbieter, Holi Festival of Colours, Holi Love Farbfestival, Holi Farbrausch oder Holi Farbgefühle Festival. Am Samstag (16.) startet das nächste im Essener Delta-Musik-Park. Neben den Festivals gibt es in immer mehr Städten auch sogenannte Color-Runs: Fünf-Kilometer-Läufe mit Farbschlacht. Festivals und Läufe – ein Trend vergleichbar mit der Welle der Schaumpartys in den 1990er Jahren.

Was den Reiz des bunten Spektakels ausmacht, sei das Gemeinschaftsgefühl der Feiernden, sagen die Veranstalter, so wie bei den echten Holi-Festen in Indien. Dort nämlich verschwämmen gesellschaftliche Grenzen zwischen Jung und Alt, Arm und Reich. Kastenzugehörigkeit, soziale Schichten und Religion spielten keine Rolle, wenn die Menschen gemeinsam den Frühling willkommen heißen.

Ein zweiter Karneval

In Deutschland jedoch verlaufen gesellschaftliche Grenzen weniger starr. Die Feiernden begrüßen nicht den Frühling, sondern feiern in der Open-Air-Saison einfach einen zweiten Karneval. Oder einen dritten oder vierten. Die Verkleidung übernimmt die Farbe.

„Die Holis sind ein bisschen wie Kindergeburtstage für Erwachsene“, sagt Holi-Veranstalter Max Riedel. Manche Besucher bewahren ihre buntgefärbte Kleidung zur Erinnerung auf. Dabei beteuern die Veranstalter, die Farbe lasse sich leicht aus Kleidung und Haar herauswaschen. Helles Haar, weiß jedoch der Vater einer Festival-Besucherin, schimmere auch nach Wochen noch bunt.

Werbung griff den Trend auf

„Ich hab ein Holi im Fernsehen gesehen, das sah mega-cool aus“, sagt die 19-jährige Jacqueline Oppers. Mit ihrer Freundin Svea Repenning (18) ist sie nach Gelsenkirchen gekommen, um ein Holi einmal live zu erleben. Farbexplosionen faszinieren – auch die Werber, die den Trend früh aufgriffen. Zeitweise waren die typischen Farbwolken zentrales Motiv gleich mehrerer Kampagnen. Außenwerbung trifft jeden?

Doch wann ist der Markt ob der vielen Kunterbuntfeten übersättigt? In Dortmund beispielsweise war für August eine Wiederholung des „Holi Farbgefühle Festivals“ geplant. Ende Mai lockte die Feiluftparty noch Tausende Gäste auf die Dortmunder Galopprennbahn, für den zweiten Termin blieben die Veranstalter im Vorverkauf allerdings auf ihren Karten sitzen. Die Party wurde abgesagt. „Es ist für uns nicht leicht“, bedauern die Veranstalter auf ihrer Facebook-Seite. „Wir sehen es als unrealistisch an, euch in der kurzen Zeit ein ähnlich großartiges Event bieten zu können wie das letzte Mal!“

Max Riedel von der Konkurrenz sieht die Menge an Holi-Festivals gelassen. „Natürlich kann es sein, dass die Leute irgendwann keine Lust mehr drauf haben. Im Moment gucken wir aber nicht auf das, was andere machen. So wie’s aktuell läuft, ist es doch sehr schön.“