Von der Straßenbahn getötet – Kopfhörer als Unfallrisiko

An diesem Übergang starb der 19-jährige Wittener.
An diesem Übergang starb der 19-jährige Wittener.
Foto: Funke Foto Services
Ein junger Wittener starb, weil er die Warnsignale einer Straßenbahn überhörte. Jeden Tag müssen Fahrer bremsen für abgelenkte Verkehrsteilnehmer.

Witten.. Die Fahrerin klingelte noch, als sie den Jungen am Donnerstagnachmittag auf ihre Straßenbahn zulaufen sah. Er kam über den Bahnübergang an der Friedrich-List-Straße in Witten-Heven: ein Fußgängerweg, abgesichert mit Warnschildern und Umlaufgitter. Doch der 19-Jährige sah das nahende Unglück nicht und er hörte wohl auch nicht das verzweifelte Signal der Fahrerin, das Quietschen der Bremsen. Die Bahn überrollte ihn und kam erst 60 Meter weiter zum Stehen. Der arme Junge muss sofort tot gewesen sein, die Ermittler benötigten über einen Tag, um seine Identität festzustellen. In einem Ohr entdeckten sie einen In-Ear-Kopfhörer.

Ob der 19-Jährige tatsächlich laute Musik hörte, ist noch unklar. Auch sein Handy wurde zerstört.

Dies ist kein Einzelfall

Nur fünf Wochen zuvor lief ebenfalls in Witten eine 16-Jährige vor eine Straßenbahn und wurde schwer verletzt. Sie war abgelenkt durch ein Telefonat. Im November starb eine 16-Jährige, nachdem sie in Mülheim an einer roten Ampel vor einen Kleinlaster lief; sie hörte Musik. Ein halbes Jahr zuvor fuhr eine Radfahrerin in Köln vor die Bahn. Auch die 44-Jährige überhörte die Warnsignale – und fand den Tod mit einem Lied im Ohr.

Kopfhörer als Unfallrisiko – es gibt keine gesonderte Statistik dazu, aber Experten wie Peter Meintz vom ADAC Westfalen sagen: „Ja, diese Fälle nehmen zu. Wir haben auch Mopedfahrer, die das Handy unter den Helm klemmen. Und auch überlautes Musikhören im Auto gehört in diese Kategorie.“ Der Gehörsinn sei eine der wichtigsten Orientierungshilfen. „Und wer sein Gehör ausschaltet, setzt sich einem höheren Risiko aus.“

Die Ablenkung nimmt zu

Handys, Navis, Musik – die Ablenkung nimmt zu. Jeder fünfte Fußgänger (22 Prozent) und fast jeder fünfte Radfahrer (19 Prozent) ist regelmäßig oder hin und wieder mit Kopfhörern im Straßenverkehr unterwegs. Das ergab eine repräsentative Befragung im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) im Mai 2015. Betrachtet man nur die jüngere Altersgruppe bis 34 Jahre, liegen die Anteile sogar weit höher: Jeder zweite junge Fußgänger (54 Prozent) und Radfahrer (46 Prozent) trägt Kopfhörer. Fast ein Drittel der Befragten ist deswegen schon einmal in eine gefährliche Situation geraten.

Schon leise Musik verlängert die Reaktionszeit um die Hälfte, hat ein Experiment des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ergeben. Bei lauter Musik erhöhte sie sich noch einmal drastisch. Welcher Kopfhörertyp getragen wird, sei eigentlich egal, sagt Untersuchungsleiterin Hiltraut Paridon. Lassen sie mehr Umgebungsgeräusche durch, werde die Musik meist lauter gestellt.

„Man kann sich heute einfach nicht mehr darauf verlassen, dass der andere Verkehrsteilnehmer einen sieht, selbst wenn er in die gleiche Richtung schaut“, sagt Peter Meintz. Vor allem die Straßenbahnfahrer im Revier wissen das. „Unsere Fahrer sind jeden Tag in vielen Fällen Lebensretter“, sagt Christoph Kollmann von der Bogestra – so oft müssen sie bremsen für Abgelenkte.

 
 

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