Vom „Krüppel“ zum „Mensch mit Behinderung“

Sonderschulen heißen jetzt Förderschulen.
Sonderschulen heißen jetzt Förderschulen.
Foto: WAZ FotoPool
Menschen mit Behinderung hießen früher „Krüppel“. Sonderschulen werden jetzt Förderschulen genannt. Bis zur politischen Korrektheit war es ein langer Weg.

Bielefeld. Früher hießen sie „Krüppel“, „Blöde“, „Siechen“, heute sprechen wir von ‘Menschen mit Behinderung’. Der Bielefelder Historiker Prof. Hans-Walter Schmuhl hat die Begriffe durch die Geschichte zurückverfolgt und hält der Gesellschaft den Sprachspiegel vor.

Der Weg bis zur heutigen politischen Korrektheit lässt sich nur mit vielem Hin- und Herblättern im Duden nachvollziehen. Dabei ist der Begriff Behinderung noch jung: Erst nach dem Ersten Weltkrieg fand er Eingang in den Sprachgebrauch. „Vorher gab es nur diskriminierende Bezeichnungen: Krüppel, Blöde, Irre“, blickt Schmuhl zurück. Doch „im Krieg wurden so viele Menschen verstümmelt“, dass die Orthopäden ein neues Wort für diese Patienten prägten: ‘Kriegskrüppel’.

Dagegen wehrte sich ab 1919/1920 die erste Selbshilfegruppe für ‘Behinderte’ und ‘Körperbehinderte’. Diese Ausdrücke konnten sich allerdings nicht durchsetzen; in Ämtern und vor dem Gesetz galten diese Menschen weiterhin als ‘Krüppel’. Ausgerechnet das Dritte Reich milderte ab zu ‘behindert’: Die Situation auf dem Arbeitsmarkt war so angespannt, dass die Nazis sich einen Verzicht auf die „wertvolle Arbeitsreserve“ nicht leisten konnten, resümiert Schmuhl. Wer allerdings nicht arbeiten konnte, galt als „unverbesserliches Menschenmaterial“ und wurde euthanasiert statt integriert. 275 000 Menschen verlieren bis 1945 ihr Leben. So lautet später die Anklage während der Nürnberger Prozesse.

Erst in den 60er Jahren beginnt die Integration

In den 50er Jahren setzte sich zunächst ‘körperbehindert’ durch. Erst seit den späten 60er Jahren ist ‘behindert’ etabliert. 40 Jahre brauchte die Entwicklung weg von ‘Krüppeln’ hin zu ‘Behinderten’. Sie deutet laut Schmuhl auf einen Gesinnungswandel hin: Statt sie wie früher „in einer Parallelwelt zu verwahren“, werden Betroffene nun integriert.

Obwohl zwischen ‘Behinderten’ und dem heutigen ‘Menschen mit Behinderung’ auf den ersten Blick nur ein paar Buchstaben liegen, sieht Schmuhl darin einen großen Unterschied: Beim politisch korrekten Ausdruck steht der Mensch im Vordergrund; nicht seine Behinderung. Sie ist nur noch ein Aspekt von vielen, die ihn definieren. „Der Begriff soll zum Ausdruck bringen, dass diese Menschen sich nicht auf ihre Behinderung reduzieren lassen.“

Förderschule statt Sonderschule

An seinem Ende angelangt ist der sprachliche Wandel noch nicht. ‘Geistig behindert’ könnte als nächstes aus Büchern und Zeitungen verschwinden. Stattdessen wäre dort dann die Rede von ‘Menschen mit Lernschwierigkeiten’ – „entsprechende Bestrebungen gibt es“. Die Umbenennungen beschränken sich nicht auf Menschen: Wo Kinder früher auf die ‘Sonderschule’ geschickt wurden, besuchen sie heute eine ‘Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung’. Diese verbale Entschärfung hat einen Preis: „Sprachlich wird das Ganze immer sperriger.“

‘Krüppel’ oder ‘Irrer’ nimmt heute nur noch in den Mund, wer provozieren will – oder es nicht besser weiß. ‘Menschen mit Behinderung’ gilt als politisch korrekt. Doch lässt sich, was der Ausdruck beschreiben will, überhaupt in Worte zu fassen, ohne zu diskriminieren? „Das ist die Frage“, gibt Schmuhl zu. „Eine Begrifflichkeit schafft immer Abgrenzungen.“ Er erwartet, dass sich mittelfristig ganz neue Begriffe entwickeln, die nicht mehr das Weniger in den Vordergrund stellen. Eine vollständige Inklusion dürfte wohl nur erreicht werden, wenn auf ‘Menschen mit Behinderung’ nicht mehr mit dem in Sprache gekleideten Finger gezeigt wird. Das aber wird wohl eine Utopie bleiben.

 
 

EURE FAVORITEN