Vom Arbeiterführer zum Sozialarbeiter

Helmut Laakmann ist immer noch ein Kämpfer. Foto: Bernd Lauter
Helmut Laakmann ist immer noch ein Kämpfer. Foto: Bernd Lauter
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Helmut Laakmann hat den Kampf von Rheinhausen angeführt, den härtesten Streik der Republik. Und er kümmert sich weiter um die Menschen. Für viele ist er noch immer ein Held

Duisburg.. „Paul, komm ma’! Ich werd’ bekloppt!“ Das hat Helmut Laakmann von den Johannitern so oder ähnlich schon öfter gehört, seit er in Duisburg, bevorzugt Rheinhausen, an die Türen klingelt, um Flyer zu verteilen.

Paul kommt zur Tür – und wird bekloppt. „Chef, wie siehst Du denn aus?“ Und eventuell wird eine Flasche Schnaps rausgeholt, um den ehemaligen Vorgesetzten, den neuen Chef der Johanniter zu begrüßen ... Das ist natürlich ein Missverständnis. Laakmann macht „nur“ die Öffentlichkeitsarbeit in Duisburg, Prävention an der Haustür, Infostände in der Fußgängerzone, mitfühlende Basisarbeit eben ... Laakmann klärt den Kurzschluss selten auf, das würde sonst zu kompliziert.

Denn Laakmann ist für viele immer noch ein Held, der Mann, der den Arbeitskampf von Rheinhausen angeführt hat, den härtesten Streik der Republik: „Leute, das Buch der Geschichte ist aufgeschlagen, und jetzt liegt es an Euch, hier mal ein paar neue Seiten zu schreiben. Lasst diese Generation, die nach uns kommt, nachlesen, wie man einen Arbeitskampf führt, wie man diesen Vorstand in die Knie zwingt! ... Uns verkauft keiner, weder für dumm, noch im Sack.“ Worte wie kochender Stahl. Und der Rest ist tatsächlich Geschichte. Diese Wutrede vor 10 000 Stahlarbeitern hat den Kampf angestoßen. Das ist der Laakmann, den sie zu kennen glauben, der Begründer eines Mythos. Und jetzt verteilt der Flyer?

Stahlarbeiter und Klassenkämpfer

Es ist ja auch eine seltsame Volte, die er da reitet – Stahlarbeiter und Klassenkämpfer, Unternehmer und Pleitier, schließlich Sozialarbeiter und Wahlkämpfer für die Linken. Schicksalsironisch nur auf den ersten Blick, folgerichtig auf den zweiten.

1150 Euro Durchschnittsrente, 20 Euro über Hartz IV, die Menschen sparen am Essen – das sind jetzt seine Themen: „Guckt mal einer älteren Frau ins Gesicht, auf die Brille, keine neue mehr.“ – So gehen heute seine Reden, auch den Delegierten der Linken gegenüber. Sie hadern wohl mit ihm: Listenplatz 32 bei der Landtagswahl, das war doch nie ernst gemeint. Er trat ja wie so viele WASG-ler nur aus Protest gegen die Agenda 2010 aus der SPD aus. Und mit der PDS ist er dann nur „verschmolzen worden. Ich finde auch manchmal einige Ansichten zum Grausen, aber das wird sich abschleifen wie bei den Grünen.“

Ein selbstständiger Denker, ein sozialer Kopf, der eckt überall an. So war das schon immer. Das begabte Arbeiterkind macht Karriere, natürlich bei Krupp, findet sich plötzlich zwischen den studierten Ingenieuren mit ihren weißen Hemden. Man kann wohl sagen, dass Laakmann immer gefremdelt hat mit dieser „wenig praxisbegabten Klasse“. Er dagegen trug Lederjacke, „sah aus wie Schimanski“ – und hatte sich den Respekt der Arbeiter erarbeitet.

Brötchen für die Chefs

Im Stahlwerk, da passt man eben aufeinander auf. Zuerst haben die „Bären“, die von Spritzern gegerbten Stahlschmelzer , auf ihn aufgepasst, auf ihren „Berry“, dann hat Laakmann als Schichtführer auf sie achtgegeben. Wenn es ein Problem gab, hat er es gelöst: Der Sohn soll keinen Ausbildungsplatz bekommen? Laakmann griff zum Hörer. Und schließlich nannten sie ihn den „Alten“, schon in jungen Jahren.

Aber die andere Seite hat er auch früh kennengelernt: Als Laufjunge bei der Niederrheinischen Hütte verdiente er schon so viel Geld wie der Vater. Helmut musste immer die Brötchen für die Chefs holen, und als er sah, wie hoch die Gewinnspanne des Bäckers war, schmierte er einfach selbst die Semmeln. Als das aufflog, goutierten die Chefs soviel Chuzpe: Laakmanns Abnehmerkreis vergrößerte sich noch. Und so hat er viel gelernt über Vorstände – wie über sich selbst.

Man kann also sagen, er war gut vorbereitet auf seine Schicksalsminute: Ein Vorredner „piepste, dass in Brüssel jeder Schuld ist. Und die Leute wandten sich schon zum Gehen“, da sprach Laakmann den zweiten Betriebsratsvorsitzenden Theo Steegmann an, wollte aufs Podium. „Kannst in einer Stunde wiederkommen“, sagte der, und Laakmann war schon fast an der Tür ... da überlegte Steegmann es sich anders, und auf einmal stand er dort oben.

Die Zehntausend haben ihn getragen

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, rief er. Dabei ist Laakmann nicht im entferntesten religiös. „Normalerweise rede ich so gar nicht, es war ein Glücksfall.“ Die Zehntausend haben ihn einfach getragen, gaben ihm mit ihrem Klatschen Zeit, sich die Sätze zurechtzulegen. Dabei lag eine ganz andere Rede vor ihm, irritierte ihn, die von Manfred Brukschen, dem Betriebsratsvorsitzende, der hinter ihm immer wieder flüsterte : „Das ist meine. Das ist meine.“

Die Rede zirkulierte auf Kassette; wo Laakmann später auftauchte, hörte er sich schon reden. Laakmann war es, nicht der Betriebsrat, der seine Männer die Rheinbrücke sperren ließ. In Gedenken heißt sie heute Brücke der Solidarität. Und er war es, der einfach mit 50 Mann den Rathaussaal okkupierte. „Was ist daran radikal? Wem gehört denn das Rathaus?“ Kein Wunder, dass er auch die heilige Barbara aus dem Werk entführte, die heute vor der Kirche „Auf dem Wege“ an den Hungerstreik der Arbeiter erinnert. – Der vielleicht größte Kompromiss, den er in dieser Zeit machte: Sie trägt keinen Heiligenschein mehr, „Auf dem Wege“ ist eine evangelische Kirche.

Die letzten Monate hockte er dort im Finstern

Der Arbeitskampf hat Laakmann zwar seine zweite Frau geschenkt, Barbara Laakmann, heute Schulleiterin und Ratsmitglied, natürlich für Die Linke. Aber er hat die Werksschließung nur hinausgezögert bis 1993. Und Helmut Laakmann blieb noch länger, er war der letzte, der das Werk verließ. Die letzten Monate hockte er dort im Finstern, ab und an machte er für kauflustige Chinesen das Licht an, und die Ratten und Kaninchen huschten in ihre Ecken. „Dort bin ich schon allmählich krank geworden.“

Wollte der Vorstand ihn damit strafen? Nein, im Gegenteil, man hat den Aufrührer immer ordentlich behandelt, nie nachgetreten. Warum, das kann sich auch Laakmann nur denken. „Berthold Beitz hat mit der Tradition gebrochen. Und so war ich der Testamentvollstrecker von Alfred Krupp für ein paar Tage.“

Später ist er dann im Auftrag Krupps um die Welt gereist, hat Recyclingverfahren angeschaut, hat ein Werk aufgebaut und schließlich übernommen, als Krupp es abstoßen wollte. Sie hatten ihm teure Manager ins Nest gesetzt, um woanders die Bilanzen zu entlasten. Und das erste, was der frischgebackene Unternehmer tat, war, das gesamte Management zu entlassen. Der Held der Arbeit feuert Familienväter? Ja, und ohne Reue! Wirft ihnen noch hinterher, dass sie ihre Petersilie nun nicht mehr bei Fleurop bestellen sollten – des Klassenkämpfers zweites Gesicht.

Wie eine erlösende Pause

Aber das Recyclingwerk wurde dadurch rentabel. Und erst ein erzwungener Umzug brach Laakmann das Genick. Die Banken verweigerten ihm einen nötigen Kredit – und alle seine Urteile über das Kapital wurden bestätigt. Die kurze Arbeitslosigkeit kam wie eine erlösende Pause. Laakmann ist nun 62 Jahre alt, ein erster glimpflicher Herzinfarkt liegt hinter ihm. „Und es steht nicht auf meiner Agenda, die Welt zu retten.“ Zu den Johannitern holte ihn ein Freund, hier hat er das Gefühl zu helfen.“

Als Laakmann auf einem seiner Rundgänge die alte Dame traf, die schlicht vergessen war und drei Tage nichts gegessen hatte, schellte er bei der Studentin gegenüber an und sagte ihr: „Das ist Frau Soundso, es wäre nett, wenn sie ihr regelmäßig etwas vom Supermarkt mitbringen könnten.“ Und die junge Frau sagte: „Ja, natürlich. Hätte mir das nur früher jemand gesagt.“

 
 

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