Viele Straßen im Ruhrgebiet sind nur noch ein Flickenteppich

Hubert Wolf
Gute Straßen, schlechte Straßen: Die Oskar-Hoffmann-Straße wurde durchsaniert, da setzt sich Katrin Oberheitmann gern mit einem Kaffee nach draußen
Gute Straßen, schlechte Straßen: Die Oskar-Hoffmann-Straße wurde durchsaniert, da setzt sich Katrin Oberheitmann gern mit einem Kaffee nach draußen
Foto: Lars Heidrich
Überall im Revier lauern Schlaglöcher auf Autofahrer und Bus-Insassen. Aber es gibt auch Möglichkeiten, Straßen gut zu sanieren – noch.

Ruhrgebiet. Wenn der Bus sich der Wiemelhauser Straße nähert, bleibt Brigitte Fischer nicht sitzen: Es wäre zu gefährlich für die 80-Jährige, sie steht lieber auf. Die frühere Krankenschwester möchte die schmerzhaften Schläge in den Rücken vermeiden, die der hüpfende und schaukelnde Bus ihr sonst über Hunderte Meter versetzte. „Neulich ist sogar eine Frau vom Sitz gefallen, die Leute haben geschrien!“ Der Grund: die Schlaglöcher. Und Generationen von Flickwerk schauen dich an. „Ich kenne die Straße gar nicht anders, und ich bin in Wiemelhausen geboren“, sagt Ilona Kracht.

Das Bochumer Beispiel ließe sich auch in jeder anderen Ruhrgebietsstadt finden: In Essen ist jede dritte Hauptverkehrsstraße „in schlechtem Zustand“, so die Stadt selbst; in Dortmund sind 180 Kilometer, gut zehn Prozent, „dringend sanierungsbedürftig“; für Gelsenkirchen schreibt der Städtetag einen „Investitionsstau“ in Sachen Verkehr von 80 Millionen Euro auf; in Mülheim gilt ein Viertel der Straßen als „mangelhaft“.

„Das Zwei- bis Vierfache wäre sinnvoll“

Und die Mangelhaften werden jedes Jahr mehr, denn die Städte geben wegen ihrer Finanzlage nicht genug Geld aus für Reparaturen und Sanierungen. „Das Zwei- bis Vierfache wäre sinnvoll“, sagt Susanne Düwel, die Bauingenieurin und stellvertretende Leiterin des Bochumer Tiefbauamtes.

Kerstin Groß, eine Verkehrsexpertin der „Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet“, sagt: „Es wurde auf eine sehr gute Substanz zurückgegriffen und nicht genug investiert, um die zu erhalten.“ Das gelte für Schienen, Wasserwege und Straßen. Für den ganzen deutschen Verkehr wird der Sanierungsrückstand auf 110 Milliarden Euro geschätzt.

Und so nimmt ein Witz aus der Endzeit der DDR gerade im Ruhrgebiet gezackte Gestalt an: Man müsse an jedem Schlagloch anhalten und aussteigen, um zu schauen, ob sich spielende Kinder darin befänden.

Aus Punkten werden Prioritäten

Die Städte kommen also nicht hinterher. Wenigstens haben sie inzwischen fachliche Maßstäbe entwickelt, um zu entscheiden, welche Straße dran ist, saniert zu werden, und welche noch nicht. Der Zustand der Straße spielt natürlich eine Rolle. Die Verkehrsbelastung: Eine schlechte Ausfallstraße kommt eher dran als eine sehr schlechte Sackgasse. Fährt ein Bus durch die Straße? Wollen andere sie demnächst aufreißen für Kanal- oder Leitungsbau? Braucht sie einen Radweg? Aus dem Punktsystem werden Prioritätenlisten, letztlich entscheiden Stadträte und Bezirksvertretungen.

Die geringe Verkehrsbelastung ist wohl auch der Grund dafür, dass die Wiemelhauser Straße so lange warten musste. Aber nun rückt ihre Sanierung tatsächlich näher. „Ich würde gerne noch erleben“, sagt Brigitte Fischer, die 80-Jährige, die sich immer hinstellt, „dass ich dort im Sitzen fahren kann.“

Früher eine Marterstrecke

Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Der schlimmste Tag war der, als sie nicht mehr in ihr Café konnten: Die Baustelle warf sich zwischen das „Fräulein Coffea“ und die beiden Inhaberinnen, die Schwestern Katrin und Nina Oberheitmann. „Die Baustelle insgesamt? Gefühlt war sie ewig“, sagt Katrin. Aber es hat sich gelohnt.

Vorher war die Oskar-Hoffmann-Straße Bochums bekannteste Marterstrecke: „Wenn man mit dem Auto durchfuhr, sprang die CD raus“, erinnert sich die 37-Jährige. Doch dann kam von 2012 an die Totalsanierung für fünf Millionen Euro.

Förderprogramm läuft aus

Alte Kanäle kamen hinaus, alte Schienen, Bäume und Markierungsnägel; hinein kamen eine neue Fahrbahndecke, neue Radstreifen, Kanäle, Bäume und bepflanzte Verkehrsinseln. Die Straße ist natürlich weiter eine innerstädtische Straßenschlucht – aber jetzt ist sie eine ansehnliche innerstädtische Straßenschlucht.

Auch solche Wunder gibt es im Ruhrgebiet immer wieder. Denn wenn Städte wichtige Straßen deutlich verbessern können für den Verkehr, zahlen Bund und Land bis zu 65 Prozent der Kosten. Dutzende Straßen in der Region sind dafür angemeldet. Doch jetzt stockt es: Das Förderprogramm läuft 2019 aus. Bezirksregierungen nehmen bereits keine weiteren Anmeldungen mehr an, da niemand weiß, wie es weitergeht. Den Schwestern Oberheitmann kann das egal sein. Denn „eine Straße hat eine Lebensdauer von 40 bis 60 Jahren“, sagt Susanne Düwel aus dem Tiefbauamt. Ja, wenn man die Straße in Schuss halten kann. . .