Vereine haben erhebliche Nachwuchsprobleme bei Ehrenämtern

Thomas Mader
Vereinsarbeit ganz klassisch: Vielen, die noch im Berufsleben stehen oder in der Ausbildung stecken, ist der Zeitaufwand zu groß.
Vereinsarbeit ganz klassisch: Vielen, die noch im Berufsleben stehen oder in der Ausbildung stecken, ist der Zeitaufwand zu groß.
Vorsitzender, Kassenwart oder Sportwart – kaum einer will mehr diese Ehrenämter übernehmen. Drei Viertel aller Vereine hat ein Nachwuchsproblem.

Ruhrgebiet. Vor kurzem hat Herbert Holtmann sein Amt als Sportwart beim Styrumer Turnverein in Mülheim aufgegeben – nach 28 Jahren. „Das war eine erhebliche Sache: zehn bis zwölf Stunden die Woche“, hat der 72-Jährige hier eingesetzt. „Zum Schluss habe ich mich körperlich und seelisch überfordert gefühlt.“ Denn Holtmann hat ja nicht nur das eine Amt. Als Übungsleiter arbeitet er noch mal sechs bis sieben Wochenstunden. Und dies führt er fort, neben seinem Einsatz als Vorsitzender des Turnverbands Rhein-Ruhr – ein Vereinsverrückter! Einer von denen, ohne die das System zusammenbrechen würde. Und in der Tat, es wackelt gerade.

Mehr als Dreiviertel aller Vereine hat echte Probleme Vorstandsposten zu besetzen, erklärt Ferdinand Mirbach, Vereinsexperte der Robert-Bosch-Stiftung.

Dabei kann man nicht sagen, dass der Verein selbst in der Krise sei. Im Gegenteil, in NRW kommt auf rund 120 Einwohner ein Verein! Das sind rund doppelt so viele, wie vor zwanzig Jahren. Allerdings sind laut Stiftung für Zukunftsfragen „nur noch“ 44 Prozent der Bundesbürger Vereinsmitglied. Vor 25 Jahren waren es noch 62 Prozent. Es gibt also viel mehr viel kleinere Vereine als früher.

„Die Loveparade ist auch ein ganz herausragender Punkt“

Der Bedarf an Vorständen wächst bei gleichzeitigem Mitgliederschwund. Hinzu kommen: Arbeitsverdichtung, Ganztagsschule, Bürokratie. Abschreckend: Eine aktuelle Broschüre des Bundesfinanzministeriums zum Steuerrecht für Vereine hat mehr als 130 Seiten!

„Ich musste bei unserer Feier sogar angeben, wo die Tortenplatten und der Grill stehen“, schimpft Holtmann. „Hygienevorschriften! ... Die Loveparade ist auch ein ganz herausragender Punkt.“ Sie hat nicht nur zu schärferen Sicherheitsbestimmungen geführt, jeder Vorstandskandidat sei heute skeptisch: „Was passiert, wenn ich mal was verkehrt mache? Hafte ich dann persönlich?“ Jeder Vorstand, sagt Holtmann, sei mittlerweile darauf bedacht, Juristen, Steuerberater und Buchhalter dabei zu haben.

"Wir bräuchten vier Millionen Rechtsanwälte"

Das sagt unabhängig von ihm auch Wilfried Theißen, Leiter des Bereichs Bürgerengagement beim Paritätischen NRW. „Aber rechnen Sie mal: Bei sieben Vorstandsmitgliedern im Schnitt und 600.000 Vereinen, bräuchten wir über vier Millionen Rechtsanwälte, Steuerberater und Betriebswirte!“

Nur jeder zehnte Verein in Holtmanns Verband ist so groß, dass er hauptamtliche Vorstände beschäftigen kann. Die kleineren spüren die Krise im Vorstand auch bei den Mitgliedern: Die stimmen mit den Füßen ab, wenn es nicht mehr rund läuft. Der Holthausener TV fusionierte jüngst mit dem RSV Mülheim. Im Karneval sieht es nicht anders aus. In Dorsten musste ein Verein aufgeben, weiß Peter Niemann vom Bund Ruhr-Karneval, in Dortmund und Recklinghausen haben einige ernsthafte Probleme. Das Ende vom Lied: Die verbleibenden Vorstände übernehmen immer mehr Funktionen – „so lange die das schaffen und nicht zusammenbrechen.“

Was können die Vereine selbst tun?

Bei einer Fachtagung der Paritätischen Akademie NRW in Dortmund fragten sich gestern Praktiker aus dem ganzen Land: Tragen die Vereine nicht eine Mitschuld an der Vorstandsmisere? Und was können sie tun? Einige Ideen:

- Warum muss jeder Verein einen eigenen Kassierer beschäftigen?

- Neue Mitglieder kommen nicht, weil sie sich für Verbände interessieren, sondern für Themen und Menschen.

- Vereine müssen stärker kooperieren und sich nach außen öffnen.

- Warum nicht die Amtszeit der Vorstände begrenzen?

- Vereine sollten besser wertschätzen, wenn sich Mitglieder nur phasenweise einsetzen.

Und viel ist gewonnen, weiß Michael Schüring vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement in Mülheim, wenn man die Aufgaben der Vorstände klar definiert. „Dann kann man Kandidaten klarer ansprechen, und sie wissen, worauf sie sich einlassen.“

Seine Nachfolgerin als Sportwart beim Styrumer TV hat Herbert Holtmann übrigens schon vor Jahren angesprochen. Lange hat Brigitte Paashaus abgewunken – sie hat sich erst frei genug gefühlt, als sie aus dem Berufsleben ausgeschieden war.

Infos für Vereine

Das Programm „Engagement braucht Leadership“ bietet Qualifizierung für Vereinsvorstände und schafft Plattformen für den Austausch.

Infos über die einzelnen Angebote gibt’s bei der Paritätischen Akademie, die die Federführung für NRW hat.