V-Mann erzählt, wie das NPD-Verbot an ihm scheiterte

Wolfgang Fenz. (Foto: Graben/WAZ FotoPool)
Wolfgang Fenz. (Foto: Graben/WAZ FotoPool)
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An Wolfgang Frenz scheiterte das erste NPD-Verbotsverfahren. Nun erzählt er, wie er den Verfassungsschutz narrte. Er sagt: „Ohne das Geld des Verfassungsschutzes hätte die NPD in Nordrhein-Westfalen gar nicht aufgebaut werden können.“

Solingen.. Er war der V-Mann, an dem einst das NPD-Verbot scheiterte. Wolfgang Frenz galt als einer der führenden Köpfe der rechtsextremen Partei in Nordrhein-Westfalen. Dass er gleichzeitig 36 Jahre als Informant für das Landesamt für Verfassungsschutz arbeitete, sorgte 2002 für einen politischen Skandal. Heute sagt Frenz: „Ohne das Geld des Verfassungsschutzes hätte die NPD in Nordrhein-Westfalen gar nicht aufgebaut werden können.“

Er hat bessere Zeiten erlebt. Als es politisch bergab ging für ihn, als er als V-Mann „verbrannt“ war, musste er seine komfortable Heilpraktiker-Praxis im Obergeschoss eines Solinger Geschäftshauses gegen diese muffigen Kellerräume tauschen. „Dieses Loch“ nennt er sie, hinter seinem asiatischen Schreibtisch aus Mahagoni sitzend, über sich die Zeichnungen seiner beiden Vorbilder. Die rechts zeigt seinen Vater, so wie Bernhard von Plettenberg ihn sah, ein Lieblings-Künstler Adolf Hitlers. Die links zeigt Professor Hans-Bernhard von Grünberg, den früheren Rektor der Universität Königsberg und späteren Mitbegründer der NPD.

„Vierzehn Tage war ich der bekannteste Mann in Deutschland“, sagt der inzwischen 75-jährige Frenz in Erinnerung an jene Zeit im Januar 2002, als plötzlich durchsickerte, dass er, den das Bundesverfassungsgericht als Auskunftsperson im Verbotsverfahren gegen die NPD geladen hatte, dafür eine Aussagegenehmigung der Düsseldorfer Verfassungsschutzbehörde beantragt hatte.

Ein führender NPD-Mann, der auf der Gehaltsliste des Staatsschutzes steht?

Zum Tee mit dem Mörder Luxemburgs

Eine Diskussion entbrannte darüber, wie groß der Einfluss staatlicher Stellen auf die rechtsextreme Partei sei, wie stark diese denn letztendlich von V-Leuten durchsetzt sein könnte.

Frenz ist ein kleiner, sehr runder Mann, dem jede Bewegung so schwerfällt, dass er unter ihr ächzt. Letzte Woche, so erzählt er, habe er zwei Herzinfarkte gehabt, er müsse alsbald wieder ins Krankenhaus. Aber nun lehnt er sich wieder genüsslich hinter seinem Schreibtisch zurück, um in alten Zeiten zu schwelgen. In Zeiten, in denen er wer war. Frenz, der Organisator, der Geschäftsführer. Frenz, der die rechtsextreme Deutsche Reichspartei organisatorisch in die NPD überführte. Der Mann, der sich dienstags mit Waldemar Pabst in Düsseldorf zum Tee traf. Mit Pabst, dem Offizier, der 1919 die KPD-Gründer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erschießen ließ.

1959 habe er, Frenz, zum ersten Mal Kontakt zu den Verfassungsschützern aufgenommen. Auf Wunsch seiner Partei. Die Synagoge an der Roonstraße in Köln war mit Hakenkreuzen beschmiert worden, seine Partei habe befürchtet, verboten zu werden. Er, ein junger Mann ohne NS-Vergangenheit, solle „diesen Verdacht ausräumen“. Etwas später meldeten sich erneut Verfassungsschützer bei Frenz. Sie stellten sich bei ihm als Mitarbeiter eines Meinungsforschungsinstituts vor, nannten sich Delta und Weber und boten ihm ein festes Honorar. „Ich besprach das damals mit dem Vorstand der Partei, und es wurde beschlossen, diese Kontakte aufrechtzuerhalten wegen des Geldes.“

Er sei, so betont Frenz, nur einer von vielen V-Männern gewesen. Fortan lieferte er unter den Decknamen „Wermter“ und „Stoffel“ Informationen über die Parteiorganisation, über Strukturen, Personen und Entscheidungen. „Anfangs erhielt ich 600 Mark plus Spesen, später 1500 Mark. Das war damals viel Geld. Ich hab’ einen Teil davon an die Partei weitergegeben und mir dafür Spendenquittungen ausstellen lassen“, sagt Frenz. Jahrzehnte traf er sich mit seinen Führungsleuten. Mit Männern die sich Delta, Gruber oder Jansen nannten. Zwei-, dreimal die Woche, in besten Restaurants. Genüsslich zitiert Frenz einen Spruch aus dem Landesamt für Verfassungsschutz, der ihm übermittelt wurde: „Der arbeitet so lange für uns, der muss schon Pensionsansprüche haben.“

Er, der Vize-Vorsitzende der NPD in Nordrhein-Westfalen, spitzelte für die Düsseldorfer, sein Vorsitzender, Udo Holtmann, für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Wer also hatte da wen im Griff? Der Verfassungsschutz die Partei oder die Partei den Staatsschutz? Eben das fragte sich das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2002 auch. Frenz’ Antwort darauf lautet so: „Ich hatte den Eindruck, dass ich mehr die geführt habe als die mich!“

Aber Frenz ist sich auch sicher, fast alle seiner zehn Führungsoffiziere im Laufe der Zeit zu „überzeugten Nationaldemokraten“ gemacht zu haben. Vielleicht, so schränkt er ein, „war das auch Opportunismus, um mich bei Laune zu halten“.

Die V-Einnahmen ordentlich versteuert

Doch egal ob sie Jansen, Kunde oder Richter hießen, mit vielen seiner Führungsoffiziere will Frenz einen familiären, kumpeligen Kontakt gepflegt haben. „Mit einigen habe ich mich geduzt, bin mit ihnen angeln oder ins Theater gegangen.“ Und korrekt wie er ist, will er die Einnahmen vom Verfassungsschutz auch ordentlich in den Einkommenssteuer-Erklärungen beim Finanzamt angegeben haben. Ebenso wie die Spenden für die NPD.

Als das Bundesverfassungsgericht ihn 2002 hören will, geht es vor allem um Frenz’ Einstellung zum Thema Juden. In seinem Buch „Der Verlust der Väterlichkeit oder Das Jahrhundert der Juden“ versteigt er sich zu wirren antijüdischen Theorien, es wird 1999 von der Bundesprüfstelle als jugendgefährdende Schrift indiziert. Er ein Antisemit? Aber nicht doch! Er bewundere die Juden durchaus, wegen ihrer Intelligenz. Eine Rasse, sagt Frenz, die der germanischen nicht unähnlich sei. Eine Rasse? Aber sicher doch, sagt Frenz.

Zeit, sich zu verabschieden. Er glaube nicht, betont Frenz auf dem Weg zur Kellertür, dass es noch einmal zu einem NPD-Verbotsverfahren komme: „Die wollen sich nicht blamieren. Sollte es zum zweiten Mal scheitern, wäre das der Durchbruch für die NPD.“

 
 

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