Unterrichtsfach: Gefühle

Direnc ist Schüler an der Gesamtschule Osterfeld. Und er mag das Fach „Emotionale Erziehung“. Foto: Jakob Studnar
Direnc ist Schüler an der Gesamtschule Osterfeld. Und er mag das Fach „Emotionale Erziehung“. Foto: Jakob Studnar
An der Gesamtschule Osterfeld in Oberhausen wird neben Mathe, Deutsch und Co. auch ein Fach „Emotionale Erziehung“ unterrichtet: ein Projekt im Kampf gegen Gewalt im Klassenzimmer.

Oberhausen.  Erst Mathe, Sport, Englisch, Deutsch am Stück. Dann folgt der vielleicht spannendste Unterrichtsstoff an diesem Tag: die eigenen Gefühle. Beim Projekt „Emotionale Erziehung“ gehen die Mädchen und Jungen der siebten Jahrgangsstufe der Gesamtschule Osterfeld dem Phänomen Ärger auf den Grund und lernen, besser damit umzugehen. Sie reden auch über Angst und Frust, zwei Stunden an jedem Donnerstag und das offenbar mit Erfolg. „Mein Gefühl sagt mir, dass es auf dem Siebener-Gang nicht mehr so wild zugeht wie früher“, glaubt Schulleiterin Ingrid Wenzler.

Emotionale Erziehung (EE) – das klingt wie die neueste Drohung aus dem Schulministerium. Tatsächlich handelt es sich um ein Projekt der Uni Duisburg/Essen unter Leitung der Psychologin Prof. Gisela Steins. Über 400 angehende Lehrerinnen und Lehrer interessieren sich inzwischen dafür. Was nicht verwundert, weil „classroom-management“ und EE immer wichtiger werden. Denn: Wie kriegt man einen Haufen pubertierender Schüler, die sich streiten, beleidigen und körperlich attackieren, sonst in den Griff?

Keine Vorzeigegegend,
kein Krisengebiet

Gesamtschule Osterfeld. Der Einzugsbereich ist keine Vorzeigegegend, aber auch kein Krisengebiet. 1500 Schüler, davon viele mit ausländischen Wurzeln. Lehrer wie Klaus Wenzel reagieren genervt, wenn sie auf das Thema Gewalt unter Schülern angesprochen werden. „Das ist leider eine gesellschaftliche Entwicklung.“ Schwerwiegende Zwischenfälle habe es bisher nicht gegeben. Nur ein Schüler sei als auffällig bekannt, ein harter Brocken.

Wie funktioniert Emotionale Erziehung? Zwei Teams mit je vier Studierenden gehen in die Klassen. „Zunächst sagt jeder, was er denkt, wenn er sich ärgert“, erläutert Gisela Steins. Und das ist nicht so einfach, wie es klingt. „Schüler sind es nicht gewohnt, über Gefühle zu reden.“ Wie kann ich mich selber runterfahren, den Aggressionspegel senken? Oder: Bewerte ich die Ursache des Ärgers richtig oder folge ich nur einem Impuls? Selbstschädigende Gedanken und negative Selbstsuggestion, wie es in schönstem Wissenschaftsdeutsch heißt, sollen so vermieden werden.

Auch Texte werden gemeinsam gelesen und gesprochen. In Rollenspielen werden Verhaltensmuster aufgespürt. Jemand wird geschubst, wie geht es weiter? Muss man sofort zurückschubsen? „Wir lernen dadurch, wie sich die anderen fühlen“, räumt Muath (13) ein.

Einen hohen Stellenwert hat die Selbsteinschätzung der Schüler. Wird im Unterricht gequatscht oder gestritten, gibt’s ein Minuszeichen auf dem Begleitbogen. Parallel dazu machen sich die Studierendenteams ihre Notizen. „Fast immer stimmen die Bewertungen überein“, konstatiert die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anna Haep, die zusammen mit Gisela Steins das Projekt durchführt. Stehen zu viele Minuszeichen auf dem Zettel, ist die Teilnahme an einem gemeinsamen Theaterbesuch, der Tour zum Klettergarten oder am Ausflug zur Sommerrodelbahn in Gefahr.

Möglich wird das Projekt durch die Unterstützung des Lions Clubs Oberhausen, der im Jahr seines 50. Geburtstags s einen fünfstelligen Betrag zur Verfügung stellt. „Wir wollen dazu beitragen, dass es weniger Gewalt unter Jugendlichen gibt“, sagt Präsident Christoph Zimmermann. Mit den ersten Ergebnissen kann er zufrieden sein. Muath, Direnc (13) und Mohammed (14) versichern, dass sie sich jetzt „viel besser unter Kontrolle haben“. Ganz zur Freude von Direktorin Ingrid Wenzler, die von „einem Bonbon“ spricht, das man ihrer Schule angeboten habe. Offenbar schmeckt es.

 
 

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