Stell’ dir vor, es ist Krieg

Oleksander Krotyk (links mit seiner Schwester Raissa) wurde bei Kämpfen in der  Ostukraine schwer verletzt. Bei einem Raketenangriff verlor der 21-Jährige Soldat der ukrainischen Armee seinen rechten Unterschenkel. Dennis Prokofiev (r.), Oberarzt am Klinikum Dortmund, sorgte dafür, dass Krotyk eine Unterschenkelprothese in Deutschland erhielt.
Oleksander Krotyk (links mit seiner Schwester Raissa) wurde bei Kämpfen in der Ostukraine schwer verletzt. Bei einem Raketenangriff verlor der 21-Jährige Soldat der ukrainischen Armee seinen rechten Unterschenkel. Dennis Prokofiev (r.), Oberarzt am Klinikum Dortmund, sorgte dafür, dass Krotyk eine Unterschenkelprothese in Deutschland erhielt.
Foto: Matthias Graben
Eine Granate riss Oleksander Krotyks rechten Unterschenkel ab. Doch Prothesen sind in dem Krisenland Mangelware. Ein Dortmunder Arzt sorgte dafür, dass der 21-jährige Soldat aus der Ukraine jetzt wieder laufen kann.

Dortmund.  Oleksander Krotyk sitzt auf dem Krankenbett und schaukelt mit den Beinen. Der 21-Jährige trägt Jeans und scheint nicht besonders mitgenommen für einen, der Schreckliches erlebt hat im ostukrainischen Kriegsgebiet. Oleksander Krotyk sieht nicht so aus, als hätte er überhaupt irgendetwas mit Krieg am Hut. Mit seinem dichten Stoppelhaar und dem bunten T-Shirt wirkt Krotyk wie ein großer, kräftiger Junge, der sich am Leben erfreut. Selbst das Tattoo auf dem rechten Oberarm hat nichts Martialisches, obwohl es einen fallschirmspringenden Löwen zeigt.

Kein normaler Patient

Wäre da also nicht die Krücke, dann würde man sich fragen, was dieser junge Mann in der Unfallklinik des Dortmunder Klinikums zu suchen hat. Oleksander Krotyk ist kein normaler Patient in diesem Krankenhaus. Er hat Glück gehabt im Unglück, wenn man das so sagen darf über einen 21-Jährigen, dem eine Granate in einer warmen Sommernacht den rechten Unterschenkel weggeschossen hat auf einem Schlachtfeld mitten im Europa des Jahres 2014.

Krotyk, der eigentlich studieren will, meldet sich freiwillig zur Front, als die Kämpfe im Osten des Landes an Heftigkeit zunehmen. Er habe mithelfen wollen, sein Land zu verteidigen gegen pro-russische Separatisten. Am 11. Juli lagert Unteroffizier Krotyk mit seiner Einheit nahe dem ostukrainischen Luhansk. 500 Mann auf offenem Feld. Plötzlich, so schildert es Krotyk, kommen die Raketen. In wenigen Minuten gehen 120 Geschosse nieder. Eine Feuerwalze. 129 Kameraden überleben die Nacht nicht. Krotyk, der auf dem Weg zur Toilette ist, spürt einen Schlag im Rücken und wundert sich, dass er immerzu hinfällt, wenn er aufstehen will. Dann erst sieht er, dass sein rechter Unterschenkel abgerissen ist. Er greift danach und robbt mit dem halben Bein in der Hand unter einen Panzer, vorbei an den zerfetzten Körpern seiner Kameraden. Zwei Stunden dauert die Attacke. Erst dann bringt man ihn ins Lazarett. Dort wird das Bein notdürftig mit einem Gürtel abgebunden. Später wird Krotyk operiert – acht Mal in drei Wochen.

Da weiß Krotyk noch nicht, dass er in seiner Not einen ihm damals noch unbekannten Helfer im fernen Deutschland hat. Dennis Prokofiev heißt der und ist Oberarzt am Dortmunder Klinikum. Ohne ihn würde Oleksander Krotyk wohl noch heute auf eine Prothese warten, die nicht kommt. Nicht kommen kann in einem Land, in dem ein Krieg stattfindet und das, wie Dennis Prokofiev sagt, „derzeit weder die Zeit noch die Mittel hat, sich um seine Kriegsopfer zu kümmern.“ Der Mediziner, der vor 19 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland kam, wollte etwas tun für die Menschen in seiner Heimat. Doch wie? Hilfskonvois und Spenden, die kamen nicht in Frage. So weit kennt der 34-Jährige die Verhältnisse vor Ort: „Da versickert viel in dubiosen Kanälen.“ Prokofiev ließ seine Verbindungen in die Region Mykolaiv spielen, aus der auch Oleksander Krotyk kommt. Man schlug ihm vor, einem der vielen Kriegsversehrten zu helfen. Ein Zufall, dass die Wahl auf Krotyk fiel. Mit einem Bekannten in der Ukraine organisierte Prokofiew die Ausreise. Auch ein Dortmunder Orthopädie-Techniker, der kostenlos eine Prothese anfertigte, wurde gefunden. Das Klinikum stellte Bett und Zimmer bereit.

Mit der Prothese kommt Oleksander Krotyk sichtbar gut zu Recht. „Oleksander ist eine Kämpfernatur“, sagt seine Schwester Raissa, die ihren Bruder begleiten durfte. Schon nächste Woche wollen beide wieder nach Hause. Krotyk möchte Agrarwissenschaften studieren. Wenn er gesund wäre, würde er wieder an die Front. Sein Land verteidigen, dass er so liebt.

 
 

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