Städte im Ruhrgebiet kämpfen gegen Kinderarbeit

Essen.. Im Juni unterzeichnen 25 Kommunen in Dortmund feierlich eine „Magna Charta“ gegen Kinderarbeit. Verwaltungen im halben Ruhrgebiet wollen ihren Einkauf umstellen und nur noch Produkte kaufen, für deren Produktion keine Kinder ausgebeutet wurden.

Wilhelm Wölting war vor Ort, in Indien, im Steinbruch. Er hat bei Bangalore im Büro des Steinbruch-Geschäftsführers gesessen und gehört, wie dieser Kinderarbeit rundheraus verdammte. Wölting musste Luft schnappen, und hinter der Baracke traf er zufällig auf die Kinderarbeiter mit ihren Familien, die sich hier versteckten. Der ehemalige Hauptschullehrer aus Essen-Überruhr hat Werkzeuge mitgebracht, die er auf seinen Vorträgen gern zur Anschauung reicht, grobe, archaische Werkzeuge: „Am Anfang arbeiten die Kinder mit kleinen Hämmern. Aber der Hammer wächst mit. Das ist oft die einzige Entwicklung, die die Kinder haben.“

Eine Art Erweckungserlebnis

Diese Reise mit dem Hilfswerk Misereor vor fünf Jahren war eine Art Erweckungserlebnis für Wilhelm Wölting. Da war er zwar schon fast ein Vierteljahrhundert im Misereor-Arbeitskreis von St. Suitbert aktiv, und einige Zeit vorher hatten sie dort bereits 36 400 Mark gesammelt, um indische Kindersklaven aus der Teppichindustrie zu befreien. Aber 2005 dann sah Wölting diese sieben Kinder vor sich stehen, gerade befreit, zitternd und zum Glück unverletzt; andere hat er gesehen mit vernarbten Knöcheln: die Unfallwunden mit Schwefel von Streichholzköpfen ausgebrannt, damit sie gleich weiter arbeiten können und kein Blut auf die Teppiche tropft.

Um diese Kinder und ihre Millionen Leidensgenossen ging es Wilhelm Wölting, als er im Januar 2008 die „Magna Charta“ gegen Kinderarbeit anstieß. Am 12. Juni nun wollen zurzeit 25 Städte und Gemeinden im Dortmunder Rathaus zusammenkommen und diese Selbstverpflichtung unterschreiben. Verwaltungen im halben Ruhrgebiet wollen ihren Einkauf umstellen und nur noch Produkte kaufen, wenn die Lieferanten garantieren, dass keine Kinder dafür ausgebeutet wurden. Vom Kaffee für die Gäste über Blumen für Jubilare bis zu Fußbällen im Schulsport und Uniformen für die Feuerwehr muss alles auf den Prüfstand. Die Städte müssen künftig alle Ausschreibungen neu formulieren.

Will man sich das Ausmaß dieser Veränderungen verbildlichen, hilft es, sich jede einzelne Stadt als dickes Brett vorzustellen. Gebohrt wird von unten. Die ehrenamtlichen Handwerker kommen aus den Kirchengemeinden und Agendabeiräten, Werkstattkreise und Kulturinitiativen. Genauer: Beim Landestreffen der Eine-Welt-Gruppen vor zwei Jahren in Dortmund machte der Misereor-Arbeitskreis Essen-Überruhr diesen Vorschlag: Die Kulturhauptstadt zu nutzen, um eine Magna Charta durchzudrücken. Wahrscheinlich wäre es beim Vorsatz geblieben, wäre nicht Lucie-Maria Rodemann aufgestanden.

Unterschätze Themen

Rodemann leitet in Dinslaken die Agenda-Arbeit, worunter in den meisten Städten ein oft vernachlässigter Arbeitskreis verstanden wird, der Vorschläge machen soll zu Nachhaltigkeit, Bildung, Mobilität und anderen regelmäßig unterschätzten Themen. In Dinslaken aber stand die ehemalige CDU-Bürgermeisterin Sabine Weiß hinter der Agenda-Arbeit, erklärt Rodemann: „Das, was die Basis ohnehin schon macht, weiter in die Verwaltung hinein zu bekommen – das ist mein Job.“

Rodemann überzeugte den Agendarat, der stellte mit der lokalen Eine-Welt-Gruppe einen Antrag. Sie überzeugte die Bürgermeisterin, holte den Kulturhauptstadtbeauftragten ins Boot . . . Solch ein Vorschlag nimmt einen langen Weg. Die Beschaffung ist in Dinslaken nicht zentral organisiert: „Jeder Bereich muss seine eigenen Richtlinien ändern“, erklärt Rodemann. „Wir müssen Dienstanweisungen ändern und die Mitarbeiter mitnehmen, auch die Öffentlichkeitsarbeit muss mitziehen.“

Dinslaken sagte als erste Stadt zu

Dinslaken hat als erste Ruhrgebietsstadt zugesagt und brachte damit den Stein ins Rollen, vielleicht auch, weil man schon Erfahrungen gemacht hatte mit einem verwandten Thema. Schon im November hatte die Stadt sich zur Fair Trade Town zertifizieren lassen. Und dennoch kommt immer wieder diese Frage: Wieviel kostet das?

„Eine faire Beschaffung muss nicht teurer sein“, sagt Rodemann. „Tee zum Beispiel ist nicht teurer, und bei Fußbällen zahlt man vor allem für das Design.“ Der Arbeitskostenanteil an einer fair gehandelten Rose für 1,60 Euro etwa mache nur 1,2 Cent aus. Und immer kann Rodemann auch wirtschaftlich argumentieren. „Wenn man regionale Produkte kauft, hält man die Wertschöpfung in der Region.“

Und dennoch gab es hartnäckige Städte. „Ich dachte, ich beiß’ mir an Essen die Zähne aus“, erinnert sich Wilhelm Wölting. Schon 2007 hatte Wölting der Stadt einen entsprechenden Vorschlag geschickt, immerhin führte sie sogar in ihrem Frankierstempel den Titel „Großstadt für Kinder“. Die Absage vom damaligen Oberbürgermeister Reiniger kam umgehend: „. . . die Möglichkeiten bei der öffentlichen Auftragsvergabe sind begrenzt . . .“

Erst über den Ausschuss für Anregungen und Beschwerden brachte Wölting seinen Vorschlag am OB vorbei vor den Rat. Und wahrscheinlich ist es nur seinem Auftritt dort zu verdanken, dass sich die Meinung der Verwaltung schließlich drehte. Er zitierte das Beispiel München, wo man 2002 auf fair umgestellt hatte. Das alte Vergaberecht war zwar unklar formuliert und zielte auf den günstigsten Anbieter ab, bis im April 2009 ausdrücklich auch soziale und Umweltkriterien hineingeschrieben wurden. Aber München, Dortmund und Düsseldorf hatten schon zuvor längst auf faire Produkte umgestellt.

Faire Feuerwehrkleidung

„Es kann schon mal sein, dass es etwas mehr kostet, aber das ist innerhalb der Schwankungsbreite“, sagt Werner Görtz, Leiter des Düsseldorfer Umweltamtes. Faire Fußbälle etwa seien keineswegs teurer. Mittlerweile gebe es in vielen Bereichen verlässliche Kriterien und Siegel. „Zum Beispiel in der IT ist es noch schwierig“, sagt Görtz. Aber an allen Ecken bewegt sich etwas: Mülheim hat gar einen Anbieter für faire Feuerwehrkleidung gefunden – ohne Mehrkosten. Und auch Essen hat sich im November zur Magna Charta bekannt.

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