Sonnige Aussichten: Urlaubstester gesucht

Lockere Strandbar-Atmosphäre mit hemdsärmeligen Chefs nach außen, tatsächlich warten auch grässliche Geografie-Fragen auf die Bewerber.
Lockere Strandbar-Atmosphäre mit hemdsärmeligen Chefs nach außen, tatsächlich warten auch grässliche Geografie-Fragen auf die Bewerber.
Foto: Funke Foto Services
Die Jury sitzt hinter Bastmatten, doch die Auswahlkriterien sind streng: Eine Reiseplattform sucht Urlaubstester. 5000 wollten den Job.

Holzwickede.. Himmel, die Aufregung! Sie stellt sich im letzten Moment entschlossen zwischen Julia* und ihren Traumjob – Urlaubstesterin zu sein. Frage eins: Wie heißt die Hauptstadt von Finnland? Sie stockt. Wie heißt die Währung in Russland? Sie schüttelt den Kopf. Der Rubel will nicht fallen. Welche Meere verbindet der Panama-Kanal? Sie sagt: „Das Mittelmeer und den Pazifik.“

Vielleicht spricht doch das eine oder andere dafür, dass sie nicht reisen sollte. „Danke, Julia, schön, dass du da warst.“

Um einen nicht weiter auffälligen Gewerbebau in Holzwickede bläst das Stürmchen, aber das ist drinnen weit weg, sehr weit. Denn hier ist der erste Stock fürs Urlaubstester-Casting ein bisschen auf Strand getrimmt: Wo sonst der Aufenthaltsbereich ist und die beiden jungen Chefs in ihrem gläsernen, gemeinsamen Büro sitzen, da stehen plötzlich Liegestühle, eine Bar, ein Planschbecken mit Wasser – und chillige Musik erklingt dazu. Kandidaten sitzen beisammen, andere treffen ein, „hallööchen, ich bin die Jenny!“ Dazwischen lockere Mitarbeiter in Spielhöschen.

An normalen Tagen sitzen sie freilich hier auch nur am Schreibtisch. Sie suchen dann für die Firma Uniq und deren Portal „urlaubsguru.de“ im Internet Schnäppchen rund ums Reisen und schreiben Blogs dazu. Bucht ein Kunde etwas über diese Seite, bekommt Uniq vom Reiseveranstalter eine Provision. Das ist das Geschäftsmodell wie noch bei drei, vier Konkurrenten in Deutschland. Aber „Konkurrent“ sagen sie hier nicht. Nein, sie sagen auch nicht „Mitbewerber“. Sie sagen „Marktbegleiter“.

Jetzt also soll ein Urlaubstester her. „Wir wollen nicht nur Bewertungsportalen glauben“, sagt Daniel Krahn, einer der Firmengründer. Der Tester soll dahin gehen, wo von der ganzen reiselustigen Belegschaft noch nie jemand war. Oder dort nach dem Rechten sehen, wo ständig Schnäppchen aufflackern. Denn das ist an sich kein länger haltendes Geschäftsmodell.

Als Praktikant mit Reisen Geld zu verdienen – Mindestlohn – dafür haben sich 5000 Leute interessiert. 100 von ihnen sind beim Casting. Sie alle müssen irgendwann den chilligen Vorraum verlassen und in diesen einen, an dem ein vergleichsweise strenger Schriftzug steht: „Konferenzraum besetzt“.

Gerade geht die Tür wieder auf, Kandidatin zehn verlässt den Raum, Kandidatin Zita betritt ihn. Linker Hand sind lustige Apfelsinenkisten gestapelt, da lässt sie nun erst einmal ihren Laptop, schaut dann nach vorn. Dort sitzt die Jury, an Tischen, die mit Bastmatten verkleidet sind: Daniel und Daniel, die beiden Chefs, Martina, die Personalleiterin, und Bastian, der „Feel-good-Manager“ des Hauses. Keine Überraschung mehr, dass sie einen haben. „Hallo, schön, dass du da bist!“ Topp, die Sanduhr rinnt.

Wie alle anderen, hat auch Zita fünf Minuten, um sich vorzustellen und diese grässlichen Geografie-Fragen zu beantworten. Die 25-Jährige aus Hildesheim war schon in Kanada und Australien, „mich hat das Reisefieber total gepackt“, sie erzählt vom Couch-Surfing mit 40 Leuten und einer Lasterfahrt mit Lama.

Klingt hoch qualifiziert, dann kommt auch schon Pia, 20, Iserlohn, die hat es schon „als Kind geliebt, Reiseziele auszusuchen“, englischer Freund, französisches Studium, hat in China in einem Heim gewohnt, wo nachts Gitter vor die Tür kamen „wie im Gefängnis“. Klingt hoch qualifiziert, dann Marlena, 20, Stuttgart, „seit ich das erste Mal gereist bin, muss ich immer, immer wieder los, das hier kommt dem ziemlich nah“ . . .

Am Sonntagabend sind noch zehn im Rennen. Eine Entscheidung fällt diese Woche.

 
 

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