So verlief der Warnstreik von Verdi in NRW

In Dortmund beteiligen sich ca. 10.000 Demonstranten an drei Demonstrationszügen.
In Dortmund beteiligen sich ca. 10.000 Demonstranten an drei Demonstrationszügen.
Foto: WR/Franz Luthe
Am Mittwoch hieß Verdi: Verweigerte Dienstleistung. Busse blieben im Depot, Ämter und Kitas dicht. Meist jedenfalls. Einige Waghälse kamen auch in den Luxus blitzartiger städtischer Bedienung.

Ruhrgebiet. Wo sonst die Pendler wogen, branden und strömen, da liegt an diesem frühen Morgen nur der einsamste Kiosk der Welt: auf der Verteilerebene der U-Bahnen unter dem Bochumer Hauptbahnhof. „Ein Stammkunde, zwei, drei mit Zigaretten, sonst nichts“, sagt Helga Schmidt im Büdchen: „So ein Tag ist tödlich.“ Der Lottoladen gegenüber hat gar nicht erst aufgemacht, und beim Bäcker nebenan können die Verkäuferinnen den belegten Brötchen ausführlich zusehen, wie sie hart werden. Alles, was sich hier bewegt in sinnloser Pflichterfüllung, sind die Rolltreppen zu den U-Bahnsteigen. Völlig leer da unten, halbdunkel – und ein bisschen unheimlich.

Warnstreik, Schwerpunkt Ruhrgebiet. Heute heißt Verdi: Verweigerte Dienstleistungen.

Busse und Straßenbahnen fahren nicht, aber das Leben liegt natürlich nicht lahm, es sucht sich nur neue Wege. Fahrgemeinschaften bilden sich spontan („Auch Uni?“), die Straßen sind voller Autos, mehr Radfahrer unterwegs, Fußgänger auch – geht doch! Es heißt ja auch ,Behördengang’ und nicht ,Behördenbusfahrt’. Radeln zwei Kinder vorbei, sagt das eine in der schönsten Schülerlogik: „Ich hoffe, es kommen viele zu spät.“

Das rot-schwarze Schild vom Streik steht an Schulen und Theatern, an Sparkassen, an Rathäusern; davor steht eine Handvoll Frauen und macht Raucherpause vom Streik, falls das geht. Die Stimmung ist gut: „Naa, ihr Drückeberger alle?“, fragt eine, die neu hinzukommt.

Vereinzelt fahren Müllwagen und Busse

Denn die Öffentlichkeit glauben sie auf ihrer Seite. „Gestern hat mir ein älterer Herr noch eine Tüte Gummibärchen geschenkt“, sagt ein Essener Straßenkehrer: „Damit könnte ich eine ganze Woche streiken, hat er gesagt“ – und offenbar grob unterschätzt, was ein Straßenkehrer verbraucht.

Fragt man die Frau in der Information im Dortmunder Stadthaus, was die Leute dazu sagen, dass das Bürgerbüro geschlossen hat, so bekommt man ein zweischneidiges Bild: Manche äußerten Verständnis, sagt sie, aber „eine ist frech geworden, die hat gesagt ,Scheiß-Stadtverwaltung, das Geld müsste man euch abziehen.“ Und in diesem Moment tritt eine weitere Frau hinzu und fragt in angemessener Resignation: „Ich wollte meinen Führerschein abholen, aber das wird wohl heute nichts?“ Vielleicht war sie ja gerade noch im Tibet-Geschäft nebenan („Meditationszubehör“).

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Pfeifen und Sirenen auf der Kundgebung

Es ist einer dieser Warnstreiks, der in jeder Stadt ein bisschen anders ausfällt: So fahren in Duisburg einzelne Busse und in Oberhausen einzelne Müllwagen. In Mülheim sind die U-Bahnhöfe verschlossen und in Essen das Rathaus – und zwar dermaßen, dass gemutmaßt wird, der Oberbürgermeister erreiche seinen Arbeitsplatz nicht. Kitas haben da auf und dort nicht, dann mit und ohne Notgruppen; mal sind Sparkassen geöffnet und mal nicht, und Kundgebungen gibt es hier, da und dort – in Gelsenkirchen mit Schlagersänger, Polonäse mit Plakat. Und die größte Kundgebung ist Dortmund.

Es liegt ein bewegliches Trillern über der Innenstadt, bewegt sich über die Wälle und steuert schließlich, handsirenenunterstützt, den Friedensplatz an. „Wir sind es wert“ steht auf den weißen Verdi-Jacken, „Pflege ist Mehrwert“ auf den Transparenten oder „Ihr könnt uns mal . . . übernehmen“ – Auszubildende, klar. „Es ist zum Kotzen, junge ausgebildete Leute in die Wüste der Arbeitslosigkeit zu schicken“, ruft Wolfgang Cremer von der Bühne, der Verdi-Hauptredner hier: „Wir rocken die Straße, wir lassen unsere Fahnen wehen.“ 12 000 hören ihm angeblich zu, das ist nach Augenschein ein bisschen hoch gegriffen, gehört aber ebenso zum Ritual wie die routinierte Rhetorik: „Schlag ins Gesicht!“ Beifall von, nun ja, 12 000.

Zur Chronik des Streiktags

Mehr Angestellte als Bürger im Bochumer Rathaus

Überall ein bisschen anders: Das Bochumer Rathaus ist zwar auch auf abweisend getrimmt mit den Streik-Schildern und den verschlossenen Nebeneingängen, doch wer ins Bürgerbüro vordringt, stellt fest, dass da durchaus gearbeitet wird – es sind freilich kaum Kunden da. So sind es die Ahnungslosen und die Waghälse, die in den Luxus blitzartiger städtischer Bedienung kommen, und wo sonst Gedränge herrscht und Wartenummern das Regiment führen, sitzen heute mehr Beschäftigte als Besucher. Raunt die Kollegin der Kollegin zu: „Auch mal schön . . .“

So traf der Warnstreik Dortmund, Essen, Duisburg und andere NRW-Städte

Gladbeck: 300 Streikende setzen Protestzeichen

Bochum: Streik lähmt Verkehr und Verwaltung

Dortmund: So verläuft der Streik-Tag in Dortmund

Lünen: Hunderte Streikende ziehen durch die Innenstadt

Duisburg: Beim Warnstreik in Duisburg wird der Pendler zum Fußgänger

Mülheim: Leere Haltestellen, volle Straßen

Essen: 6.000 Teilnehmer laut Verdi bei Kundgebung in Essen

 
 

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