Sind Brieftaubenzüchter Tauben- oder Rabenväter?

Brieftauben legen manchmal mehrere hundert Kilometer zurück.
Brieftauben legen manchmal mehrere hundert Kilometer zurück.
Foto: WR

Ruhrgebiet.. Weiße Tauben, schwarze Schafe: Das Lager der Brieftaubenzüchter scheint gespalten. Gibt es sie wirklich, die zwei Fraktionen der Taubenväter auf der einen und die der Rabenväter auf der anderen Seite?

Nicht erst seitdem die Tierschutzorganisation Peta massive Vorwürfe wegen Tierquälerei erhebt (wir berichteten). Gibt es sie wirklich, die zwei Fraktionen der Taubenväter auf der einen und die der Rabenväter auf der anderen Seite?

Flug durch Regen,
Hagel und Sturm

Die Duisburgerin Ellen Hörnemann hat sich von Kindesbeinen an im Schlag ihres Vaters um die Tauben gekümmert und ist felsenfest überzeugt: „Das Schicken von Tauben über hunderte von Kilometern ist Tierquälerei”. Die Männchen hätten „regelrechte Not”, weil sie von ihren Weibchen und Jungen getrennt und deshalb getrieben seien, so schnell wie möglich nach Hause zu fliegen. Manchmal sogar durch Sturm, Regen und Hagel.

„Echte Taubenliebhaber würden ihren Vögeln gar nicht derartige Strapazen antun. Denen würde ein Flug einmal übers Ruhrgebiet ausreichen”, kritisiert die 70-Jährige.

Tauben gehören
zur Familie

Viele Vögel kehrten aufgrund der großen Strapazen nicht heim: „Wir waren manchmal glücklich, wenn von fünfzig Tauben zehn zurückfanden”, erinnert sich die Duisburgerin. Zahlreiche Tauben blieben „auf der Strec­ke”, manche bevölkerten die Städte und müssten sich und ihre Jungen vor lauter Not mit weggeworfenen Pommes Fri­tes ernähren.

Besonders schlimm findet Ellen Hörnemann aber, dass es Züchter gebe, die ihren Spätheimkehrern den Garaus machten. „Langsamen Vögeln wird kurzerhand der Hals umgedreht, das ist gängige Praxis”, schimpft sie.

Herbert Brockamp ist einer dieser Taubenväter, denen man abnimmt, dass sie keine Rabenväter sind. Frühmorgens versorgt er zuallererst seine gefiederten Freunde, dann erst gönnt er sich seinen Kaffee. Die Anschuldigungen gegen seine Zunft – hohe Todesraten bei den Wettflügen und brutales Vorgehen in den Schlägen – treffen beim Vorsitzenden des Essener Taubenzüchtervereins „Heimatliebe” auf Unverständnis: „Bei uns gehören die Tauben mit zur Familie.” Der 73-Jährige weiß aber: „Es gibt schwarze Schafe.” Seine Statistik kommt ohne hohe Verluste aus: „Bei achtzehn Einsätzen in dieser Saison – immerhin über insgesamt fünftausend Kilometer – sind zwei von zwanzig Tauben nicht zurückgekommen.”

Tierarzt Dr. Matthias Warzecha, selbst Mitglied beim Bundesverband der Brieftaubenzüchter, hatte „millionenfaches Elend” angeprangert und damit unterschiedliche Resonanzen erzeugt: Ablehnung bei Taubenzüchtern, Zuspruch bei Tierschützern.

Warzechas Hauptkritik: „Manchmal werden Flüge veranstaltet, wo das Wetter eigentlich gar nicht passt. Doch die Flugleiter stehen unter enormem Druck durch die Reisevereinigungen.” Warzechas Vorschlag: „Man müsste die Flugleiter besser ausbilden, damit sie eindrucksvoller gegenüber den Züchtern argumentieren können, wenn sie Flüge abblasen.” Wenn es nach Warzecha ginge, würde eine „Taubenakademie” gegründet.

Warzechas Kollege Dr. Ludger Kamphausen betreut die Taubenklinik des Verbandes deutscher Brieftaubenzüchter in Essen und winkt ab: „In der Berichterstattung über das Thema wird stark übertrieben.” Die massenhaft auftretenden Stadttauben, beispielsweise: „Sie orientieren sich am Nahrungsangebot. Je mehr Futter, desto mehr Tauben”, erklärt der Veterinärmediziner. Auch der Vorwurf, Tauben würden gedopt, um möglichst viele Preise abzufischen, hält Kamphausen für aus der Luft gegriffen.

Augentropfen
in Mode

Aber:_„Ich kann nicht ausschließen, dass einige wenige Züchter mit unlauteren Mitteln arbeiten.” In den 90er-Jahren sei es große Mode gewesen, den Tauben Augentropfen zu verabreichen, damit sie nicht mausern und somit ihre volle Flügelpracht erhalten. „Doch das ist leicht nachweisbar und deshalb weniger geworden.” Kamphausen führt seit Jahren Dopingtests bei Tauben durch und hat noch keinen Sünder erwischt.

Tierschützer werfen Taubenzüchtern vor, sie würden aufgefundene Flieger nicht einmal abholen, weil sie ihre Leistung nicht bringen würden. „Die Züchter haben dann kein Interesse mehr an den Tieren”, kritisiert Carola Schmitt von der Tierschutzorganisation Peta. Lutz Ruth, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter, kontert: „Das kann doch gar nicht im Sinne des Züchters sein. Der will seine Tauben zurück haben, auf alle Fälle.”

Tierschützerinnen wie Carola Schmitt blicken mit erstaunlicher Gelassenheit in die Zukunft des Taubensports und dessen negative Begleiterscheinungen: „Es gibt dort ja praktisch keinen Nachwuchs. Die Tierquälerei erledigt sich auf Dauer also von selbst, zum Glück.”

 
 

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