Sicherheitsprobleme bremsen S-Bahn

Stephan Hermsen
Foto: Kerstin Kokoska/WAZ FotoPool Essen
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Technikpanne bei der Deutschen Bahn: Wegen Bremsproblemen müssen Züge auf S-Bahn-Linien im Ruhrgebiet langsamer fahren. Zum Teil sind die alten Züge wieder auf den Schienen unterwegs. Verspätungen drohen.

An Rhein und Ruhr. S-Bahn-Fahrgäste an Rhein und Ruhr rieben sich am Freitag verwundert die Augen: Auf der Linie 1 von Dortmund über Bochum, Essen, Mülheim, Duisburg und Düsseldorf nach Solingen rollten statt der hochmodernen, klimatisierten Triebwagen plötzlich wieder die alten Züge an.

Grund: Die hochmodernen Triebwagen der Baureihe 422, gerade erst für rund fünf Millionen Euro pro Stück angeschafft, haben gravierende Sicherheitsprobleme und sind auf der Linie 1 komplett aus dem Verkehr gezogen worden.

Bereits am Donnerstagnachmittag zog die Bahn wegen der Störungen die Notbremse: Die Geschwindigkeit der S-Bahnzüge wurde auf 100 Stundenkilometer heruntergesetzt. Nun fahren die Züge immer mit zwei Lokführern. „Softwareprobleme“, heißt die offizielle Sprachregelung.

Automatisches Bremssystem hakt

Inoffiziell wird eingeräumt: Die Sicherheitssysteme der Züge funktionieren nicht richtig. Es kam immer wieder zu Störungen. Eigentlich sollte es so funktionieren: Überfährt ein Lokführer versehentlich ein rotes Signal, wird der Zug vollautomatisch gestoppt. Genau dieses System ist bei den neuen Zügen offenbar nicht zuverlässig.

Die Folge: Auf den Strecken der Linien S2 von Essen und Duisburg über Gelsenkirchen nach Dortmund sowie der S3 von Oberhausen über Essen nach Hattingen und der S9 von Haltern über Bottrop, Essen und Velbert nach Wuppertal sind die Züge aus Sicherheitsgründen mit jeweils zwei Lokführern besetzt. Zudem dürfen die Züge nur Tempo 100 fahren – erst bei höheren Geschwindigkeiten ist das elektronische Bremssystem Pflicht.

Die DB reagierte angefressen auf die Technikpanne - zumal man schon öfter Probleme mit Fahrzeugen des Herstellers Bombardier hatte: „Die Bahn kann nicht nachvollziehen, dass bei kaum mehr als zwei Jahre alten Fahrzeugen technische Defekte auftreten“, so Kay Euler, im Vorstand der DB Regio zuständig für die Produktion.

Mit den neuen Zügen der Baureihe 422 habe man die Pünktlichkeit auf 95 Prozent erhöht. „Im Sinne unserer Fahrgäste erwarten wir eine umgehende Behebung des Schadens im Rahmen der Gewährleistung.“ Beim Hersteller Bombardier bedauert man die Panne, man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Wie lange die Technik die modernen Züge noch ausbremst, kann dort derzeit noch niemand sagen.

Das Eisenbahnbundesamt ist eingeschaltet

Das Eisenbahnbundesamt – gewissermaßen der Tüv der Schiene – wurde von der Bahn über den Vorgang informiert. Derzeit werde geprüft, ob die Maßnahmen der Bahn ausreichen. Dass womöglich die neue S-Bahn-Flotte komplett stillgelegt werden muss, sei Spekulation, so ein Sprecher.

Fest steht jedoch, dass Züge ohne zuverlässiges automatisches Bremssystem mit maximal Tempo 100 fahren dürfen. Für die Haupt-Linie des S-Bahnnetzes ist das zu langsam. Daher hat sich die Bahn über Nacht entschlossen, auf der S1 wieder die alten Züge mit Loks und Wagen einzusetzen, weil diese immerhin Tempo 120 fahren dürfen. Sie hofft, so den Fahrplan einhalten zu können. Die alten Züge standen glücklicherweise noch bereit, so die Bahn. Diese Züge sind jedoch nicht so spurtstark und daher anfälliger für Verspätungen. Zudem haben sie etwa 90 Sitzplätze weniger. Dafür jedoch gilt die Sicherheitstechnik der vor knapp 30 Jahren im DDR-Kombinat „VEB Hans Beimler“ gefertigten Lokomotiven als zuverlässig – übrigens jenem Werk, das von Bombardier übernommen wurde.