Seniorinnen geben Deutsch-Unterricht für Flüchtlinge

Annika Fischer
Gisela Unterberg trifft sich mit ihren Schülern in der Stadtbücherei.
Gisela Unterberg trifft sich mit ihren Schülern in der Stadtbücherei.
Foto: Jakob Studnar
„Wer soll’s denn sonst machen?“ Gisela Unterberg (72) und Theresia Peters (73) sind pensionierte Lehrerinnen und leiten Deutschkurse für Flüchtlinge.

Oberhausen. Theresia Peters ist 73, aber sie hüpft wie ein Flummi. Und wie sie lacht! „Haha“, macht sie, „haha“, doch dann steht sie mit hängendem Kopf und schluchzt. Die Männer im Gemeindesaal nicken verständnisvoll. Klar, sagt Ali: „Lachen“ und „Weinen“. Wieder was gelernt.

„Man könnte dranbleiben“, sagt Theresia Peters mit einem Seufzer, man muss es auch. Das hier ist ihr Sprachkurs für Flüchtlinge, aber das macht sie nur „nebenher, normalerweise bin ich in der Seniorenarbeit“. Und „normal“ ist auch, dass ihr Auto schon wieder voller Putzzeug ist für einen Asylbewerber, der gerade umzieht. Dass sie den Tag mit dem Sichten von Wohnungsanzeigen begonnen hat. Dass sie unbedingt ein Werkzeugdepot bräuchte. Und dass sie jetzt sagt: „Die brauchen jemanden, der das macht.“

Zwischen „Rettet das Schnitzel“ und „Das unterschätzte Wissen der Laien“

Allein in Oberhausen haben sie 20 Kurse, Deutsch für Asylbewerber, und alle kommen freiwillig: Die Schüler, manche mehrmals in der Woche, und die Lehrer. Alles echte, übrigens, bloß pensioniert; „wer soll’s denn sonst machen“, fragt Theresia Peters, „wenn nicht die Senioren“? Bei Gisela Unterberg hat nicht nur Cheikou das längst begriffen: „Frau Unterberg“, sagt er, „ist eine Alt-Lehrerin.“ Darüber kann die herzlich lachen, sie hat „ihren“ Jungs ja gerade beigebracht: „Ich bin eine Großmutter“ und auch schon 72.

Gisela Unterberg hat vor allem Afrikaner, aus Guinea, Mali, Nigeria, sie unterrichtet sie in der Stadtbücherei. Da sitzen sie zwischen Büchern, die „Rettet das Schnitzel“ heißen und „Das unterschätzte Wissen der Laien“ und üben Sätze wie: „Ich bin Jean aus Kamerun, ich wohne jetzt in Oberhausen.“ Oder: „Ich bin ein Elektriker.“ Schön, findet Owopetu, „liebst du das“? Nur ist das nicht die Frage: Das Job-Center, erklärt Frau Unterberg, sucht „erst Arbeit für Deutsche“, es gebe hier viele Arbeitslose. „Normal“, meint ein Algerier, „kein Problem.“ Jedenfalls, sagt Gisela Unterberg, „dürft ihr nicht denken, dass man euch ablehnt!“

Formal könnte das indes passieren, „haben Sie gelesen“, fragt die 72-Jährige besorgt, „was jetzt alles zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden soll“? Nicht auszudenken, Jean oder Cheikou oder der Bäcker Mamadou würden abgeschoben, müssten nach Hause. „Sie sind mir so ans Herz gewachsen. Es würde schon sehr schmerzen.“ Aber daran mag Gisela Unterberg nicht denken. Zweimal in der Woche gibt sie diesen Unterricht, dabei war sie eigentlich schon ausgelastet als „Grüne Dame“. Sie sagt es ja selbst: „Ich habe ein Helfersyndrom.“ Und die Schüler, „die sind so motiviert, so freundlich und so dankbar“.

Lektion gelernt: „Deutsche Leute nicht warten““, sagt Jean

Nur, manchmal nicht ganz pünktlich. Theresia Peters blickt mit gespielter Strenge auf die Uhr: „Wie spät ist es?“ Zehn nach elf. „Zu spät!“ Bei Frau Unterberg haben die Flüchtlinge schon gelernt, dass „deutsche Leute nicht warten“, wie Jean sagt. „Time, time, come! Nicht wie in Afrika.“ Sie üben auch die Einheiten: „Halb Kilo, halb Stunde.“ Auch Frau Peters studiert mit den Afghanen Zahlen und Daten. Es sind schwierige Zeiten, jedenfalls zum Aussprechen: „Zweiter zweiter zweitausendsechzehn.“ Was anders klingt als „sechs“ oder „sechster“. Amin blättert hektisch im Persisch-Wörterbuch. „Nicht lesen, hören!“, mahnt Theresia Peters. Und der Herr Lankes, noch ein Ehrenamtlicher, „darf nicht vorsagen“! Der muss aber sowieso jetzt weg, für einen Asylbewerber ein Bankkonto eröffnen und bei einem anderen Teppich legen. „Dabei ist der über 80!“

Theresia Peters aber findet: „Es ist unsere Aufgabe als Christen, uns um die Menschen zu kümmern.“ So lange es noch geht, und eigentlich sei der Deutschunterricht doch auch ein hübsches Gedächtnistraining. „Mein Französisch kommt zurück!“ Die Pensionärinnen sehen die Sache pragmatisch: Es gibt zu wenig Sprachkurse, sagt Gisela Unterberg, „da können wir ja zumindest schon mal anfangen“. Neulich zwar hat jemand gefragt, nach Silvester, nach den ersten Razzien und anderen unguten Nachrichten: „Und, was machst du jetzt mit deinen Flüchtlingen?“ Die Antwort ist kurz: „Weiter!“