Schwimmbäder in NRW brauchen einen Rettungsring

Martin Tochtrop, Hubert Wolf und unsere Lokalredaktionen
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Ruhrgebiet. Immer mehr Schwimmbäder in NRW stehen vor dem Aus. In Essen sollen die Öffnungszeiten der Freibäder deutlich eingeschränkt werden, um ein traditionsreiches Bad zu retten. In anderen Kommunen übernehmen Vereine die maroden Bäder - oder Ingenieure legen in ihrer Freizeit selbst Hand an.

Eigentlich kann man aus einem Aufnehmer keine Krawatte stricken. Aber die Sythener haben das Bad in Eigeninitiative gerettet. Ob das auch ein Rettungsring für die vielen anderen Bäder im Revier sein könnte, die vor der Schließung stehen?

Im Sommer 2006 übernahm eine Bürgerinitiative das ­Sythener Bad, als Vorbild galt die Initiative, die bereits vor 17 Jahren das Marler Guido-Heiland-Bad rettete. Die Mitglieder, teils Ingenieure, legten selbst Hand an, tauschten marode Technik aus. Die Teile dazu kamen von Freunden des Vereins, von Sponsoren. Nun, nach dreieinhalb Jahren, steht das Sythener Freibad auf soliden Beinen. Und es ist ein Modell, auf das Städte und Vereine zusehends verfallen.

„Es gibt vom Verband immer mehr Schulungen und Informationen zum Thema: Was muss ein Verein beachten, der ein Bad übernimmt?“, sagt Britta Partel. Die Dortmunderin spricht für den SSC Hörde 54/58, und auch der hat jede Menge einschlägige Erfahrung mit dem Hörder Bad: in die Hände gespuckt, Zeit, Arbeit, Engagement investiert. Bad läuft, Bad ist rappelvoll: Begrenzte Zuschüsse müssen dennoch weiter fließen, und dann kann auch dieses Modell einmal an sein unbezahlbares Ende kommen – wenn die teure Technik verschlissen ist.

Im kinderreichen und sozial schwachen Essener Norden etwa betreibt der Ruwa Dellwig das beliebte Freibad Hesse, genannt „Museum der Bädertechnik“ – der Sanierungsbedarf wird auf fünf Millionen Euro geschätzt. Nur war „Hesse bleibt“ der Schlager der SPD im Kommunalwahlkampf, und um das Wahlversprechen zu retten, sollen nun die andern Bäder ein „Hesse-Opfer“ bringen: Erhöhung der Eintrittspreise um 50 Cent, Öffnung der Freibäder morgens erst um 10 statt um 6 Uhr. Das Problem: Damit treibt die Stadt selbst sehenden Auges die treueste Kundschaft aus dem Bad, die Badegäste des frühen Morgens.

Unterschriftenlisten liegen aus

Protest regt sich, Unterschriftenlisten liegen aus: Auch ist in Essen beschlossen, das Freizeitbad Oase und das Hauptbad zu schließen. Schwerte machte Ende 2009 sein Allwetterbad zu, Oberhausen machte aus sechs maroden Bädern über die letzten Jahre drei moderne – darunter das modische Freizeitbad „Aquapark“, mit Bergbaukulisse. Duisburg schließt vier und eröffnet zwei. Und das Sparpaket von Mülheim, vorgestellt am Donnerstagabend, kalkuliert ebenfalls mit der Schließung zweier Bäder, dem erst 2006 eröffneten Naturbad und dem Wennmann-Bad. „Das wäre für die Schwimmsport-Vereine der Tod“, sagt Harry Schulz, der Cheftrainer ihrer Trainingsgemeinschaft. Weitere Folge: Vereins- und Schulschwimmen müsste auf die verbliebenen Bäder verteilt, die Nutzung durch die Öffentlichkeit dort eingeschränkt werden.

Die Konzentration auf wenige, eher zentrale Bäder mit erhöhtem Faktor Spaß bedeutet für viele ältere Leute: Schluss mit Schwimmen! „Ich hatte gerade die goldene Nadel für 25 Jahre Vereinszugehörigkeit im Behindertensport bekommen, als das Ostbad schließen musste“, sagt Helga Farsaris aus Oberhausen: Das Bad lag ums Eck, es „war gemütlich, es hat für uns gereicht“. Den Weg mit dem Bus zum neuen Bad in die Stadt nimmt die 79-Jährige nicht mehr: „Einige haben wie ich mit der Wassergymnastik aufgehört, die Gerti mit ihrem Heinz, die Christel . . . die Elfriede macht weiter, weil sie ein netter Herr mit dem Auto mitnimmt.“ Für den Vereinsvorsitzenden Jörn Derißen sind das indes „Einzelfälle: Ich finde es sensationell, dass Oberhausen in diesen Zeiten noch Neubauten geschafft hat, es gibt vernünftige Umkleiden, und es kommt kein Wasser mehr aus der Decke.“

Das würde sich auch Gaby Miottke aus Bochum-Wattenscheid wünschen, die seit Jahren zusehen muss, wie das Bad in Höntrop verfällt – hier schwamm sie schon als kleines Mädchen! Einen Förderverein will sie gründen, der das Bad mit Geld, Arbeit und Einsatz unterstützen soll. „Alles schreit: Stadt, mach’ mal! Ich suche jetzt Mitstreiter, irgendwann muss man anfangen.“ Bisher meldeten sich aber nur vier Menschen. „Davon lassen wir uns nicht entmutigen“, sagt Miottke; Dienstag ist das erste Treffen . . .