Schulen kungeln mit Fotografen - 10.000 Verdachtsfälle

Bitte recht freundlich: Schulkinder-Bilder sind seit Jahrzehnten beliebt. Vor allem bei den Eltern.
Bitte recht freundlich: Schulkinder-Bilder sind seit Jahrzehnten beliebt. Vor allem bei den Eltern.
Foto: imago/ITAR-TASS
  • Bundeskriminalamt nennt die erstaunliche Zahl von 10.480 Verdachtsfällen, in denen Schul- und Kindergartenleitungen mit Fotografen gekungelt haben sollen
  • Für die Fotofirmen geht es um viel Geld: Eine Schule mit 500 Kindern bringe bis zu 13.000 Euro Umsatz an gut zwei Vormittagen
  • Landeskriminalamt NRW hat eindringlich vor dem „Geschäftsmodell der Schulfotografie“ gewarnt

Ruhrgebiet.. Man darf getrost unterstellen, dass es von den Zwillingen Antonia und Maximilian Gassner (14) seit jeher gute Fotos in hinreichender Zahl gibt: Der Vater selbst ist Fotograf, ein preisgekrönter noch dazu. Und doch hat er die Kita-Bilder seiner Kinder „auch immer gekauft. Irgendwas kann man ja immer damit anfangen: fürs Poesiealbum, das Freundebuch oder die Geburtstagswand“, sagt Bernd Gassner.

Es ist ein todsicheres Geschäft im ganzen Land: Einmal im Jahr kommt ein Fotograf in die Kita, in die (Grund-)Schule und fotografiert die Kinder durch. Meist entsteht von jedem ein größeres Portrait, dazu gibt’s dasselbe mehrfach in Klein und als Schlüsselanhängerfoto sowie ein Gruppenbild. Bei 16 bis 26 Euro sind die Preise des Pakets vom Kind moderat, und die Bilder verkaufen sich von selbst. „Vor allem die Mütter sind verrückt danach“, sagt einer, der es erlebt.

Bundeslagebericht Korruption 2014

Doch ganz so harmlos scheint das Geschäftsmodell Kinderbild nicht zu sein. So nennt das Bundeskriminalamt im „Bundeslagebericht Korruption 2014“ jetzt die erstaunliche Zahl von 10.480 Verdachtsfällen, dass Schul- und Kindergartenleitungen mit Fotografen gekungelt haben sollen.

Dergestalt: Der Fotograf legt zu Angebot und Arbeitsprobe noch etwas drauf – und bekommt dafür als einziger den profitablen Zutritt zu den Kindern. Der Wert der Vergeltung gehe „vom Hörensagen her so in Richtung iPad“, sagt Gassner, der der Obermeister der Fotografen-Innung Westfalen ist.

„Der Fotograf kriegt eine Spendenquittung“

Es gehe nicht um Bereicherung, sagt ein anderer Fachmann. „Das ist Geld eventuell für eine Foto-AG, oder die Kita braucht Bänke. Und der Fotograf kriegt eine Spendenquittung“, sagt Michael Belz, der Geschäftsführer des ,Bundes Professioneller Portraitfotografen’: „Wir sagen unseren Mitgliedern immer: Macht das nicht!“

In „verschiedenen Städten in NRW“ bestehe der Verdacht, dass „Aufwandsentschädigungen“ für die Foto-Aufträge an Leiterinnen und Leiter gezahlt worden seien, sagt eine Sprecherin des Landeskriminalamts unserer Redaktion. Und auch ein freier Fotograf aus dem rheinischen Teil des Ruhrgebiets kennt diese Fälle: „Teilweise werden ganze Computer an Schulen gegeben oder Spenden an den Förderverein, 300 Euro, um sich Zutritt zu verschaffen. Das ist schon immer so gelaufen.“

Landeskriminalamt warnt vor Schulfotografie mit Zahlungen

Auslöser der neuerdings scharfen Gangart der Strafverfolgungsbehörden ist ein Urteil des Bundesgerichtshofes von Mai 2011. Danach liegt bei solchen Geschäften grundsätzlich der Verdacht der Bestechlichkeit nahe. Deshalb hat das Landeskriminalamt NRW schon vor drei Jahren eindringlich vor dem „Geschäftsmodell der Schulfotografie“ mit Geldzahlungen gewarnt. Das bayerische Kultusministerium hat inzwischen „die Entgegennahme von Zuwendungen im Rahmen von Schulfotoaktionen“ generell verboten. In den Jahren davor aber hatten Länder Schulleiter sogar aufgefordert, sich um Sponsoren zu kümmern.

Für die Fotofirmen geht es um viel Geld. Wer eine Schule mit 500 Kindern gewinne und schnell und völlig ehrgeizlos arbeite, könne 12- bis 13.000 Euro Umsatz an gut zwei Vormittagen machen, heißt es. Die naheliegende Folge: Der Konkurrenzdruck ist hoch, die Solidarität unter Kollegen dahin. Ein freier Fotograf: „Ich hab schon einen Anruf gekriegt: Du hast uns die Kita weggenommen, pass auf!“

 
 

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