Riwetho - Vom Schandfleck zur Kult-Siedlung der Malocher

Die Riwetho-Siedlung steht inzwischen unter Denkmalschutz
Die Riwetho-Siedlung steht inzwischen unter Denkmalschutz
Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services
Für Sönke Wortmann ist der einstige Oberhausener "Schandfleck" die vielleicht typischste Revier-Siedlung. Seit 2001 ist sie in der Hand der Bewohner.

Oberhausen.. Er wollte gar nicht bleiben. Volker Wilke wollte nur kurz den Kumpel mit seinem Schlafsack an der Ripshorster Straße abladen, am Haus mit der Nummer 377 – dem ersten Haus, das sie besetzten im Kampf um den Erhalt der Oberhausener Arbeitersiedlung, die heute Riwetho heißt. 1981 war das. Doch Volker Wilke blieb. Bis heute. Erst als Besetzer, dann als Mieter, schließlich als Genosse der Siedlung – die inzwischen unter Denkmalschutz steht. Wie viele der erhaltenen Siedlungen, die das Revier einst seinen Bergleuten und Stahlwerkern baute: von Hüttenheim in Duisburg bis zur Alten Kolonie in Dortmund. Denn nur wenige überlebten.

WAZ-Jahres-Serie Schnell hatte der Soziologiestudent damals sein Herz verloren an das ergraute Dorf neben dem Stahlwerk „Neu Oberhausen“, das andere plötzlich „Mau-Mau“ nannten, „Schandfleck der Stadt“. „Macht mal sauber“ – das war noch das Netteste, was man ihnen zurief, diesen Hausbesetzern mit ihren langen Haaren. „Aber mit 20 gießt du keine Blumen“, erinnert sich Wilke, inzwischen 55. Heute sitzt er inmitten seines riesigen Gartens und freut sich daran. „Dass es hier so grün ist, gefällt mir am besten“, sagt auch seine Frau, Andrea Rupprath (49).

Zina („fast 12“) und Finja (9), die Töchter des Paars, hätten schon mit zwei Jahren allein draußen gespielt, erzählt ihre Mutter. „Wo sonst ist das möglich?“ Die Nachbarn hier achten aufeinander. 170 sind es, verteilt auf 22 Häuser in Ripshorster-, Werk- und Thomasstraße – der RiWeTho-Siedlung. Akademiker und „einfache Leute“, Junge und Alte, Migranten und Oberhausener, „Menschen mit Lebensstress und ohne“.

Auf jeder Treippe steht ein bunter Blumentopf

Wilke und seine Familie leben in einer der vier Wohnungen im „Meisterhaus“ in der Werkstraße, Baujahr 1915, auf 78 Quadratmetern. Das Plumpsklo im Garten, das hier einst stand, ist Geschichte. 2003 bauten sie ein schönes, neues Bad im alten Schweinestall. Im selben Jahr wurden erste Gasleitungen verlegt; die letzten Häuser heizen noch heute mit Kohle. Der Keller ist feucht und die Küche früh finster – und doch ist die Warteliste für eine solche Wohnung unglaublich lang.

Denn der Charme dieser Arbeitersiedlung, einer der ältesten im Revier überhaupt, liegt im Sein, nicht im Schein. Wer an einem Spätsommerabend hier ist, sieht Nachbarn vor ihren Backsteinbauten sitzen und die Kinder mit den Katzen durch die Gärten toben. Zäune sieht er nicht. „Die machen was im Kopf“, sagt Volker Wilke. Man hört Menschen miteinander reden, jede zweite Tür steht weit offen, vielen Fenstern fehlen die Gardinen. An den Klingeln steht „Ulla“ oder „Refugees welcome“ und auf jeder Treppe ein bunter Blumentopf.

1889 war Baubeginn für die Siedlung, in die die Angehörigen des Stahlwerks der Gutehoffnungshütte ziehen sollten. In den 60er-Jahren übernahm sie Thyssen. Um Abrisspläne des Konzerns zu verhindern, wurden leerstehende Häuser besetzt – nicht nur in Oberhausen. Was in Berlin ging, versuchte auch das Revier. Mit Erfolg. 1983 erhielten die Riwetho-Besetzer Mietverträge. Fünf Jahre später wollte man ihre Häuser erneut abreißen. Sie waren den Plänen für das gigantische „World Tourist Centre“ der kanadischen Triple Five Corporation, später auch denen fürs Centro im Weg. Um es abzukürzen: Irgendwann hatten die Bewohner genug. Genug gekämpft und genug Mut zusammengekratzt. Nach langem Ringen mit Thyssen, Verwaltung und Politik, nach Jahren des Haareraufens, kauften sie ihre Siedlung selbst, gründeten dafür eine Genossenschaft. Am 28. Juni 2001 wurde der Verkauf beim Notar besiegelt. Die letzten Worte des Thyssen-Manns vergaß Wilke nie: „Dann viel Spaß mit eurer Siedlung!“

Sönke Wortmann kippte erstmal Staub aus

Der wusste wohl schon, was die frischgebackenen Genossen nur ahnten. Wie viel Arbeit sich tatsächlich hinter einem „Instandsetzungsstau“ von 4,5 Millionen Mark verbirgt. Gemeinsam machten sich die Bewohner ans Werk, malochten für ihre Malochersiedlung. Fertig sind sie noch immer nicht. Erst im April stopften sie wieder Schlaglöcher in der Straße. 2,4 Kubikmeter Asphalt gingen dabei drauf.

Und keiner hat’s gefilmt.

Dabei wird hier doch so gern gedreht. Sönke Wortmann etwa fand nirgendwo im Revier eine typischere Kulisse für sein „Wunder von Bern“. Die Bewohner erinnern sich gern an seinen Besuch: Der Regisseur kam im Juli 2002, blieb zehn Tage und ließ 20.000 Euro da; er baute Satellitenschüsseln ab, hängte Blümchengardinen auf, kippte Staub aus. „Und im Abspann“, sagt Volker Wilke stolz, „da wird sie erwähnt, unsere Siedlung!“

 
 

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