Risse und Beben - das Erbe des Bergbaus rüttelt das Revier

Der 15 Meter tiefe Hauptkrater des „Lochs von Höntrop“ wurde fast bis zum Rand mit Beton aufgefüllt.
Der 15 Meter tiefe Hauptkrater des „Lochs von Höntrop“ wurde fast bis zum Rand mit Beton aufgefüllt.
Foto: dpa
Tagesbrüche und kleinere Beben sind Alltag im Ruhrgebiet - und werden es auch bleiben. Die Senkung der Erdoberfläche müsste dagegen Mitte der 2020er-Jahre aufhören. Und dann sind da noch Wasserhaltung und Pumpsysteme bis in alle Ewigkeit, damit nicht ein Drittel des Ruhrgebiets absäuft.

Haltern. Nach dem Erdbebchen von Haltern am Wochenende haben bei der RAG etwa zehn Menschen angerufen, die Schäden beklagen: „Nichts dramatisch Großes. Ein Riss hat sich vergrößert, ein Riss ist neu entstanden“, sagt Sprecher Frank Kremer. Doch das Bewusstsein ist wieder da, dass der Bergbau mit dem Auslaufen 2018 nicht nur Werte hinterlässt, Halden, Gebäude und einen Menschenschlag, sondern auch Risiken. Beben, Senkungen, Tagesbrüche, Wasser müssen teilweise bis zum jüngsten Tag gebändigt werden – oder die Betroffenen entschädigt.

Erdbeben

Unter Haltern wird in etwa 1300 Meter Tiefe Kohle abgebaut, ausgehend von der Zeche „Auguste Victoria“ in Marl. Dadurch entstehen Hohlräume, die Erde gerät unter Druck, und in einer übergeordneten Sandsteinschicht bauen sich Spannungen auf. Der Sandstein kann Spannungen speichern, aber einmal bricht er – und dann wackelt oben die Erde. Ein bergbaubedingtes Beben von 3,5 ist selten, aber 3,0 wird fast jährlich einmal erreicht. Und 1,x nahezu jeden Tag. Unter Tage bemerkt man die Beben nicht. Der Abbau unter Haltern endet Ende 2014.

Senkungen

Kohle raus, Erdoberfläche runter: Die Region liegt heute 15 bis 30 Meter tiefer als vor 200 Jahren. Da wundern sich Auswärtige gern, dass hier überhaupt noch etwas steht. Freilich sank die Gegend über Jahrhunderte ab und eher gleichmäßig als abrupt. Fünf bis zehn Jahre nach Ende des Bergbaus sollen auch die Senkungen enden. Das Gegenteil passiert gerade in Stauffen in Süddeutschland, wo eine Gipsschicht unter der Stadt seit Jahren aufquillt, sie anhebt und auseinanderbricht.

Wasserhaltung

Die berühmten Ewigkeitskosten des Bergbaus. Rund 220 Millionen Euro im Jahr. Das Grubenwasser darf nicht bis zum Grundwasser steigen. Hinzu kommt: Etwa ein Drittel des Ruhrgebiets würde ohne Pumpen überflutet. Weil es so gesunken ist, könnte Regenwasser nicht mehr allein wegfließen, und Bäche stauten sich. Essen-Karnap etwa liegt mehrere Meter unter Emscher-Niveau – und der Rhein ist in Teilen Duisburgs obenauf.

Tagesbrüche

Als die Bochumer Hausmeistersfrau Rosemarie S. 1971 beim Aufhängen der Wäsche in einem sechs Meter tiefen Erdloch vorübergehend verschwand, war das für sie ein Weltereignis, aber für das Ruhrgebiet Alltag: Ungefähr alle vier Tage tut sich ein Loch auf, meist klein, selten groß.

Tagesbrüche entstehen zum Beispiel, wenn schlecht verfüllte Schächte nachrutschen. Weltruhm erreichte das „Loch von Höntrop“ 2000, das zwei Garagen und ein Haus schluckte und mehrere Häuser unbewohnbar machte. Allein hier wurde Beton für 12 Millionen Euro in die Erde geleitet. Seitdem gibt das Land jährlich Millionen aus, um riskante Schächte zu beruhigen. Das Problem: Es gibt noch viele unbekannte Schächte.

Entschädigung

Wer einen Bergschaden feststellt, wendet sich in der Regel an die RAG. Sie reguliert jährlich 35.000 Schäden, davon nach eigenen Angaben mehr als 99 Prozent einvernehmlich und in einer Größenordnung unter 5000 Euro. Eine dreistellige Zahl von Fällen landet vor der Schlichtungsstelle des Landes, eine zweistellige vor Gericht. Ihr gegenüber steht etwa der „Verband bergbaugeschädigter Haus- und Grundbesitzer (VBHG)“ in Herten mit mehr als 20.000 Mitgliedern. Der VBHG veröffentlicht regelmäßig Urteile zum Thema Entschädigung. Verantwortlich sind grundsätzlich Eigentümer oder Rechtsnachfolger der Zechen: Also neben der RAG auch Eon und RWE.

Wer Schäden melden will, kann das tun unter 0800/2727271 bei der RAG. Oder mit Fragen zum Beben die Markscheiderei auf "Auguste Victoria" anrufen: 02365/403601. Dort arbeiten diejenigen, die Haltern von unten am besten kennen.