Rheinländer leben am Tagebau in Angst

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Essen/Erkelenz. Die Nachrichten aus Nachterstedt schüren die Angst der Anlieger von Garzweiler II. Einige von ihnen kämpfen schon seit 25 Jahren gegen den Tagebau.

Wenn das Jahrhundert zu Ende geht, liegen Jackerath, Kückhoven und Katzem am See, Holzweiler und Kuckum drin. Das ist noch etwas hin, aber sie graben ja längst; das „Restloch”, das bleibt, wenn Garzweiler II nach dem Jahr 2045 keine Kohle mehr hat, wird ein „Restsee”, so steht es in den Plänen. 23 Quadratkilometer soll das Gewässer einst haben – der Concordia-See in Nachterstedt hat gerade vier.

„Und denen dort”, sagt Hans-Josef Dederichs, „wird man auch immer gesagt haben, alles sei sicher.” Und jetzt ist bei „denen dort” das Ufer eingebrochen, Dederichs sah es „mit Bestürzung”, man könne daran sehen: „Es ist kein Verlass, rund um solche Löcher passieren Sachen, die hat man nicht im Griff.” Nun wohnt die Familie Dederichs in Kuckum, das ist derzeit noch sechs Kilometer vom Grubenrand entfernt, aber wenn der See kommt: weg. Nächstes Jahr beginnen sie hier mit der Umsiedlung, 2030 rücken die Braunkohlebagger an.

25 Jahre gekämpft

Hans-Josef Dederichs steht einer Bürgerinitiative vor, die „Stop Rheinbraun” heißt, woran man sieht: Sie kämpfen schon lange. Rheinbraun ist jetzt RWE Power, und „Stopp” schreibt man mit zwei P – sie wehren sich 25 Jahre gegen den Tagebau, aber er kommt immer näher. Und das ungute Gefühl auch. Denn den Nachrichten aus Nachterstedt folgte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) mit seinen Warnungen vor „ähnlichen Risiken” und „unabsehbarem Schadenspotenzial” auch im Rheinland.

In Kerpen-Buir am Rande des Abbaugebietes Hambach haben sie sowas immer geahnt: „Die Angst ist schon lange da”, sagt Hubert Frambach, aber aus Sachsen-Anhalt bekam er nun Bilder dazu – „ein Horrorfilm”. Er wohnt hier in einer „Grubenrandgemeinde”, auf einem „Filetstück” des Tagebaus, das 1997 schon einmal einen Wassereinbruch erlebte. Und er kennt die Pläne: „Sehr kurze Übergangszone”, sagt Frambach, was bedeutet: Im Streifen zwischen Buir, und dem, was er „Steilküste” nennt, liegt die Autobahn 4. „Das wäre eine noch schlimmere Variante”, fürchtet der Chef einer Bürgerinitiative: „Wenn plötzlich Hunderte Autos ins Nichts fielen.”

Am Indeschen Ozean

Auch vor seiner Tür wird ein See entstehen, der größte aber wächst ab 2030 in Inden bei Düren: 1100 Hektar, mehr als der Chiemsee. Sie sprechen hier vom „Indeschen Ozean”. Nachterstedt hat einen Tümpel dagegen, aber genau das macht den Rheinländern Sorgen: „Potenziert sich die Wirkung am Ende auch?” Er hoffe, sagt Hubert Frambach, „die wissen, was sie tun.”

RWE Power jedenfalls, der Betreiber des Braunkohle-Tagebaus, verwies am Montag erneut auf die unterschiedlichen Gegebenheiten der Abbaugebiete in Ost und West – und warnte vor Panikmache: Es sei unseriös, wegen des Unglücks die Sorgen und Ängste der Bürger in NRW zu schüren.

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