Reise in das Herz des Bürgerkriegs

Johannes Küpperfahrenberg im Kongo bei Eugenies Hilfsprojekt „Hafenis“.
Johannes Küpperfahrenberg im Kongo bei Eugenies Hilfsprojekt „Hafenis“.
Foto: privat
Es war eine harte Reise. Eine, die Alpträume hinterlässt. Aber auch eine, die bereichert. Johannes Küpperfahrenberg aus Hattingen unterstützt ein Hilfsprojekt im Kongo. Vor Ort hatte er Begegnungen, die vom Horror des Bürgerkriegs erzählen.

Hattingen/Essen.. Eine Warnung vorab: Dieser Bericht schildert unerträgliches Leid. Es ist allein Ihre Entscheidung, sich darauf einzulassen oder weiterzublättern. So wie es auch Johannes Küpperfahrenbergs Entscheidung war, seine Reise ins Herz der Finsternis anzutreten oder die Mail, von Eugénie Musabyimana aus dem Kongo zu ignorieren.

Der ehemalige Lehrer aus Hattingen und die ehemalige Ordensschwester, sie kennen sich über die kleine „Afrika-Hilfe-Stiftung - Hilfe für Ruanda“, die Küpperfahrenberg vor zehn Jahren von seinem Vater übernommen hat. Afrika helfen! – ja, auch das kann man erben. Seitdem ist es ihm nicht mehr möglich, so weiterzuleben wie bisher. Der 58-Jährige sammelt in seinem Pfarrkreis in Hattingen-Niederwenigern, und auch die Pfadfinder in Essen-Burgaltendorf sind sehr engagiert, verkaufen zum Beispiel Weihnachtsbäume, um mit dem Erlös das Altenheim zu unterstützen, das Krankenhaus und das Heim für elternlose und behinderte Kinder, das die Stiftung in Ruanda unterhält. Viermal war er bereits dort, und für Ende 2012 war die fünfte Reise geplant, als ihm seine ehemalige Mitarbeiterin schrieb.

Die Krankenschwester setzt alles ein, was sie hat

„Eugénie ist zwischenzeitlich aus dem Orden ausgetreten und in ihre Heimat, den Kongo zurückgekehrt, um zu helfen. Sie hat sich berufen gefühlt“, sagt Küpperfahrenberg. Die Krankenschwester hat dort mit kleinsten Mitteln den Verein „Hafenis“ gegründet, eine Anlaufstelle für vergewaltigte Frauen, Witwen und elternlose Kinder. „Sie können nicht viel anbieten, aber viel vermitteln.“ Und sie sucht verzweifelt nach Partnern. Ruanda kennt er, denkt Küpperfahrenberg. Aber der Kongo ist eine andere Hausnummer, das weiß er auch. Die Rebellen stehen vor der Grenzstadt Goma. Vergewaltigte Frauen und Kinder strömen in die Stadt. Ihnen will Eugénie helfen. Und plötzlich findet er sich hinten auf einem Motorrad wieder, weil keiner gekommen ist, ihn an der Grenze abzuholen, die Diözese hat ihr Auto verloren. Der Fahrer steuert unvermittelt in einen Wald.

„Dort habe ich gemerkt, wie schnell mir eine Situation entgleiten kann“, sagt Küpperfahrenberg. Bewaffnete Jugendliche haben ihn gefragt, ob er Priester sei. Da hat er gelogen und Ja gesagt. Was will er überhaupt hier, am Rande des Bürgerkriegs? Auf diesem Motorrad? Seine Stiftung kann circa 50 000 Euro im Jahr aufbringen, wenn es gut läuft. Den Kongo kann er sich nicht auch noch ans Bein binden, das weiß er. Natürlich hat es auch Krach mit seiner Frau gegeben, als er ihr eröffnete, er wolle in die Kriegsregion fahren. Und nun das: brennende Reifen am Wegesrand, der Wald, die Dunkelheit naht. „Es gibt eine Vorsehung für Bekloppte“, hat ihm Maria mit auf den Weg gegeben, sein Kirchenkontakt in Ruanda, eine der wenigen Weißen, die das gesamte Schlachten über im Land geblieben sind. Sie muss es wissen. Und es stimmt auch: Der Wald war nur eine Abkürzung.

Die Soldaten banden sie zwischen zwei Bäume ...

„Ich will mich stellen, weil ich immer wieder mit Menschen zu tun habe, die es sich nicht aussuchen können.“ Natürlich ist das naiv, wenn es um Krieg geht, das weiß Johannes Küpperfahrenberg auch. Aber es treibt ihn dennoch an: Sich stellen, auch stellvertretend für seine Spender, sich der Freundschaft der Menschen würdig erweisen. Dabei wusste er vorher, dass ihn später Alpträume verfolgen würden, dass ihn diese Reise verändern würde. Dieser Moment tritt ein, als ihm Kanyere Kahindo ihre Geschichte erzählt.

Sie hat ihre 14-jährige Tochter dabei und sucht Hilfe bei Eugénies Verein. Er weiß nicht, was ihn erwartet, als sie beginnt zu erzählen: Dass sie gezwungen wurde, ihre eigenen Kinder zu töten. „Sie hat es vorgemacht, fing dabei an zu schreien, zu schluchzen.“ Die Männer vergewaltigten sie, banden sie zwischen zwei Bäume, füllten ihre Vagina mit Petroleum und zündeten sie an.

Kanyere Kahindo verbrachte nach eigener Aussage drei Jahre in Hospitälern, immer wieder. „Wenn ich über meine Gesundheit und meine Situation nachdenke, fühle ich mich zurückgestoßen von dieser Welt“, sagte sie Küpperfahrenberg. Es fällt ihm schwer von diesem Gespräch zu berichten. Bilder sind daraus entstanden, die ihn einholen in der Nacht.

Kurz nach seiner Abreise, am 7. Januar 2013 starb Kanyere Kahindo an den Spätfolgen der Folterung. Sie wurde 32 Jahre alt. Ihre Tochter lebt nun in Eugénies Initiative. Einen Vater gibt es nicht. Sie ist das Kind einer früheren Gruppenvergewaltigung.

„Die Vergewaltigungen werden als Kriegswaffe eingesetzt“, sagt Küpperfahrenberg. „Sie geschehen zum Teil öffentlich, auf Marktplätzen.“ Niemand kann sagen, wie viele es trifft, Küpperfahrenberg schätzt: In manchen Gebieten um Goma mindestens die Hälfte aller Frauen. „Das Vergewaltigen ist kein Töten, es ist ein Zerstören“, sagt er. „Sie zerstören die Frauen, die Stützen der Gesellschaft, um Gebiete zu entvölkern.“ Die Vergewaltigungen sollen das Land „nutzbar“ machen. Um seltene Erden geht es. Viele Parteien mischen mit, auch die Nachbarstaaten, auch die Polizei und das eigene Militär. Es ist ein Wettkrieg darum, wer am meisten gefürchtet wird. Und Küpperfahrenberg lernt: „Die Not der Menschen ist so groß, wie ich bereit bin, mich darauf einzulassen.“

Ein Kind unter Schweinen

Doch der dunkelste Moment dieser Reise erwartet ihn zurück in Ruanda, als Gerard sich nach dem Licht reckt. Der 16-jährige Junge krabbelt heran und verrenkt sich regelrecht vor dem Spalt unter der Tür. Seine Finger suchen das hereinstrahlende Licht, vielleicht auch die Freiheit. Sein Kopf: seltsam verrenkt auf dem Boden. Küpperfahrenberg öffnet die Tür, um den Jungen hinauszulassen. „Er krabbelte sofort hinaus und legte sich auf die Seite in die Sonne, wälzte sich, nein ... suhlte sich.“

Gerard, erfährt Küpperfahrenberg, ist unter Schweinen aufgewachsen, im Stall. Nur die Schweine und er. Keine Menschen. Das Essen wirft ihm jemand achtlos hinein, beiläufig verströmt sich das Licht durch die Ritzen. Ein afrikanisches Wolfskind. Undefiniert behindert und wohl darum weggesperrt von der mit neun Kindern völlig überforderten Mutter; der Vater sitzt im Gefängnis. So entdeckten ihn die Nachbarn vor einem knappen Jahr. Und brachten ihn zu Küpperfahrenbergs Initiative „Glaube und Licht“. Noch heute wirft Gerard seine Nahrung auf den Boden, um sie zu essen.

„Er hat keine Sprache, nur diese tierischen Gesten“, sagt Küpperfahrenberg. „Aber wache Augen.“

Er bekommt hier: „Viel Liebe, wenig systematische Therapie“ Seine Füße sind zurückgebildet, sind es nicht gewohnt zu laufen. Seine Hose haben die Näherinnen an den Knien verstärkt. Nun krabbelt er auf den Rollstuhl zu, krabbelt hinauf. Er beginnt zu rollen.

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