Rechtsmediziner ist sicher: Säugling zu Tode geschüttelt

Gerät vor dem Dortmunder Schwurgericht stärker unter Druck: Die angeklagte Mutter Judith O., hier beim Prozessauftakt neben ihrem Verteidiger Rüdiger Deckers.
Gerät vor dem Dortmunder Schwurgericht stärker unter Druck: Die angeklagte Mutter Judith O., hier beim Prozessauftakt neben ihrem Verteidiger Rüdiger Deckers.
Foto: WAZ FotoPool/ Ralf Rottmann
Vor dem Landgericht Dortmund hatte die 32 Jahre alte Mutter, angeklagt wegen Körperverletzung mit Todesfolge, beteuert, ihr sieben Monate alter Sohn sei vom Elternbett gefallen. Doch der Rechtsmediziner ist sicher: Nils wurde zu Tode geschüttelt.

Dortmund.  Immer deutlicher wird vor dem Dortmunder Schwurgericht, dass die 32 Jahre alte Judith O. aus Lünen gelogen hatte, als es um den Tod ihres sieben Monate alten Sohnes Nils ging. Laut Rechtsmedizinern ist er nicht durch den Sturz vom 45 Zentimeter hohen Elternbett gestorben, sondern durch ein heftiges Schütteln, das die Anklage seiner Mutter anlastet. Ein Drama, über das sie im Prozess schweigt.

Bernd Karger vom Institut für Rechtsmedizin am Uniklinikum Münster bevorzugt klare Worte. Der kleine Nils, so betont der 50-Jährige, sei mit „sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ an den Folgen eines „schweren Schütteltraumas“ gestorben. Die Einblutungen an den Sehnerven des Kindes seien „typisch für eine direkte traumatische Schädigung und zeigen eine hohe Gewaltintensität an“. Mit wenigen Worten macht Karger es auch dem Laien im Gerichtssaal klar: „Die Verletzungen sind praktisch beweisend für eine Kindesmisshandlung. Bei Nils ist das der Fall.“

Man könnte von einem Gutachterkrieg vor dem Dortmunder Schwurgericht reden, wenn der Auftritt des von der Verteidigung gestellten Gutachters Klaus Püschel an einem früheren Prozesstag nicht so schwach gewesen wäre. In zum Teil überheblicher Art hatte der Leiter des Hamburger Institutes für Rechtsmedizin die Diagnose von mehreren vom Gericht beauftragten Rechtsmedizinern zurückgewiesen, das Kind sei zu Tode geschüttelt worden. Als „Spezialist für das Schüttel-Trauma“ hatte er sich dabei bezeichnet. Die Verletzungen könne das Kind sich ebenso beim Sturz vom Bett zugezogen haben.

Verteidiger widersprach der Anklage

Das passte zur Verteidigungsstrategie des Düsseldorfer Rechtsanwaltes Rüdiger Deckers, der zum Prozessauftakt am 27. Januar der Anklage mit einer schriftlichen Erklärung der angeklagten Arzttochter aus Lünen entgegen getreten war. Staatsanwältin Sandra Lücke hatte in ihrer Anklage behauptet, der kleine Nils sei von seiner Mutter zu Tode geschüttelt worden, dabei sei er mit seiner rechten Kopfseite gegen einen harten Gegenstand gestoßen worden. Das habe die Mutter verschwiegen, als der Kleine erbrach, immer apathischer wurde. Weder ihrem Vater, noch dem Notarzt habe sie dazu Angaben gemacht. Am 21. März 2010 starb Nils im Krankenhaus an Herz-Kreislauf-Versagen. Sein Schädel war gebrochen.

„Ich habe nur die Erklärung, dass der Tod durch einen Unfall am 20. Juni verursacht wurde“, las Verteidiger Deckers als Erklärung der Angeklagten vor. Der Junge, der zuvor nicht einmal krabbeln konnte, sei wohl vom Ehebett gefallen, als sie ihm einen Milchbrei zubereitete.

Bernd Karger, der Rechtsmediziner aus Münster, gibt an, er habe alle für die tödlichen Verletzungen des Kindes denkbaren Alternativen geprüft, die ohne ein Schütteltrauma auskommen. Er hält sie für „extrem unwahrscheinlich“, für „mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit behaftet“ oder „nach menschlichem Ermessen falsch“. Klare Worte: „Die Diagnose Schütteltrauma steht auf sehr festen Füßen.“

Eifersucht als mögliches Motiv

Damit steht die Angeklagte im Fokus. Sie war zur Tatzeit mit dem Säugling alleine und offenbar sauer, dass ihr Lebensgefährte über Nacht zum Angeln weggeblieben war. Eifersucht ist ein möglicher Grund für die Tat. „Sie war sehr eifersüchtig“, sagte ihr damaliger Freund, der heute mit einer Nachbarin aus dem damaligen Haus zusammenlebt.

Nach Kargers Gutachten steht die Verteidigungsstrategie der angeklagten Arzttochter nicht gerade auf sicherem Boden. Schon die von der Verteidigung gestellte Psychologin Sabine Nowarra hinterließ bei Beobachtern einen schwachen Eindruck, als sie im Prozess zur Schuldfähigkeit der Angeklagten Stellung nahm.

Gutachter wich aus

Klaus Püschel, der das eigentlich angesehene Hamburger Institut für Rechtsmedizin leitet, hinterließ ebenfalls keinen sicheren Eindruck. Als Richter Wolfgang Meyer ihn hart befragte, wich er aus: „Ich verstehe meine Aufgaben so, dass ich dem Gericht Kontrastpunkte liefere.“ Das Gericht ließ nicht locker, grub einen wissenschaftlichen Aufsatz von Püschels Oberarzt aus, der die Anklage sinngemäß bestätigt. Meyer: „Erstaunlich, dass Doktor Püschel uns dies vorenthalten hat.“

Auch Rechtsmediziner Karger spart nicht mit Kritik. Püschels Aussagen zum Tod des Säuglings sieht er nicht als wissenschaftlich an. Karger: „Er nahm eine völlige Umkehr der einschlägigen Literatur vor.“ Und als er eine Studie im Sinne des Verteidigers Decker vortrug, hätte Püschel aus einer Studie über Erwachsene zitiert, ohne das zu offenbaren. Nicht über Säuglinge.