Ratingen kürt erstes schwarzes Prinzenpaar Deutschlands

Afrikanische Trommeln für das Prinzenpaar – wenn auch Nico Touglo (2.v.l.) von der Gruppe „Tahougan“ aus Togo stammt.
Afrikanische Trommeln für das Prinzenpaar – wenn auch Nico Touglo (2.v.l.) von der Gruppe „Tahougan“ aus Togo stammt.
Foto: FunkeFotoServices
Samuel I. von Ratingen setzt ein Zeichen für Integration. Der 34-Jährige und Ehefrau Jacinta lieben den deutschen Karneval und finden: „Herkunft ist einerlei.“

Ratingen.. Es gibt noch Könige in Kamerun. Recht verstanden haben sie es trotzdem nicht im Heimatdorf der Awasums in Zentralafrika: warum ihr Samuel in Deutschland jetzt ein Prinz ist. „Sie glauben, ich muss einen Löwen erschossen haben oder wenigstens eine große Kuh.“ Dabei hat der 34-Jährige sein Narrenvolk vollkommen gewaltfrei erobert: mit seiner kindlichen Freude am Karneval. „Rheinische Frohnaturen“ nennen sie in Ratingen die Awasums, die selbst behaupten, sie seien „stinknormal“. Aber das stimmt nicht: Samuel I. und Jacinta I. sind das erste schwarze Prinzenpaar Deutschlands.

Karneval ist lustig, wenn auch die Prinzenkürung eine eher ernste Angelegenheit. Nur hat man selten so viele Jecken weinen sehen wie am Samstagabend in der Dumeklemmerhalle der Stadt Ratingen. So gerührt sind Ihre designierten Tollitäten, dass Jacinta schon beim Einzug die Tränen an die Schminke gehen, und um Samuel ist es geschehen, als der Klatschmarsch ihn an den Tisch vorn links führt: Da jubeln 25 Verwandte aus Kamerun in bunter Tracht, seine Mutter haben sie eigens eingeflogen.

Der Bürgermeister persönlich hat sie am Flughafen ausgelöst, weil etwas mit den Papieren nicht stimmte. Nun steht sie da, bebt und schluchzt vor Stolz. Das weiß blitzende Lächeln des Sohnes in seinem rot-weißen Ornat verschwindet hinter zusammengepressten Lippen, die Mama in seinen Armen. „Ich hab’ dir gesagt, du sollst dich nicht so haben“, mahnt der Adjutant, aber auch er lächelt bewegt, und selbst der gestrenge Prinzenführer hat Tränen in den Augen.

Auf Ratingen und das Prinzenpaar ein dreimal kräftiges „Hello!“

Was aber auch für eine Wahl! Die Untertanen stehen Kopf, sie klopfen sich ein bisschen selbst auf die Schulter, man hat ja ein Zeichen setzen wollen. Und ist das nicht eins? Dieser charmante schwarze Prinz, seine reizende Gattin, zwei niedliche Prinzenkinder, von denen die dreijährige Jhnelle etwas Mühe mit dem Wachbleiben hat: „Gelebte Gemeinschaftlichkeit“, sagt Bürgermeister Klaus Pesch, und dafür steht auch Samuel Awasum selbst. Vorsitzender des Integrationsrats seiner Stadt, Mitglied im Landesintegrationsrat, im Koordinierungskreis Integration des Kreises. . . Beide kamen Anfang des Jahrtausends nach Deutschland, haben studiert in Essen und Dortmund, haben gute Jobs, sind inzwischen eingebürgert.

„Dume huch und mahke“, ist ihr Sessions-Motto, Daumen hoch und machen, und diese Geste, das sieht man schon jetzt, wird ihre Amtszeit bestimmen. Ob die Bürgerlichen bereit seien, Prinzen zu werden? „Jawohl!“, sagt Samuel sehr laut und sehr zackig, dass der Saal sich fast erschreckt. Was sonst noch fraglich ist, lächelt er strahlend weg: die von der Stadt geschenkte afrikanische Trommel und auch den Moment, da Bürgermeister Pesch seine „Thronrede“ mit der Erwartung krönt, Rosenmontag werde es Kamelle regnen, vielleicht aber auch Kokosnüsse.

Nun ist Karneval wohl nicht der Hort politischer Korrektheit. Aber was heißt schon korrekt: Die Prinzenmütze setzt der Stadtchef seinem närrischen Stellvertreter mindestens

fünfmal auf – weil er nicht weiß, wie herum. Immerhin, die Federn wehen letztlich nach hinten, was durchaus hilft beim Verlesen der Rede, mit hörbarem Akzent. „Vielleicht kam es euch zu Ohren, wir zwei sind gar nicht hier geboren“, heißt es da. „Im Karneval, das ist das Tolle, spielt so etwas keine Rolle.“ Oder: „Wenn du für Karneval entflammst, ist es egal, woher du stammst. Trägst du im Herzen Narretei, ist Herkunft einfach einerlei.“ Das Thema ist gesetzt.

Und das alles, weil die neuen Prinzen einst den Karneval in Essen und Witten kennen lernten („Jeder fängt klein an“, spottet man in Ratingen), und weil Samuel schon seine Vorgänger feierte, die Peter hießen oder Karl-Heinz, Renate und schon dreimal Ingrid. „In seinen Augen war ein Glanz“, deklamiert Prinzessin Jacinta, „den kann’ ich nur vom Hochzeitstanz.“

Also stehen die beiden nun da, beschenkt mit einer Pritsche in den Farben Kameruns und einem Glas Knoblauch-Mayonnaise, die sie lieben. Müssen an ihrem Repertoire rheinischer Karnevalslieder noch feilen, können aber das „Humba Täterää!“. Sie verleihen ihren ersten Orden an die aus Berlin angereiste Attachée der Kameruner Botschaft und üben das „dreimal kräftige Helau“.

Das versteht auch die begeisterte Familie im Parkett. Samuel I., Jacinta I., Prinzenpaar: „Hello!“

INFO: Allererster Karnevalsprinz mit afrikanischen Wurzeln war 2012 Balam Byarubanga aus Uganda in Aachen. Sein Prinzenkostüm hängt inzwischen im Haus der Geschichte in Bonn.

Ratingen regierte bereits 1997 Prinz Jalil Charaf-Eddine aus Marokko.

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