Patientinnen machen Uniklinik Vorwürfe - Ärzte hätten „abgewiegelt“

Hayke Lanwert
Foto: afp
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Im Skandal um gefährliche Brustimplantate der französischen Firma PIP werden Vorwürfe von betroffenen Patientinnen gegen die Uniklinik Essen laut. Mehrere Frauen berichten, dass sie von der Klinik nicht informiert wurden. Ärzte hätten nur versucht, sie zu beschwichtigen - und „abgewiegelt“.

Essen. Svea Wehmeier wartete nicht ab, sie handelte. Die 40-Jährige gehört vermutlich zu den wenigen Frauen in Deutschland, die sich gleich nach den ersten Berichten über die gefährlichen Brustimplantate der französischen Firma PIP die Gelkissen operativ entfernen ließen. Im Februar 2010 hatte man ihr die Implantate in der Essener Uniklinik eingesetzt, herausnehmen jedoch wollte man sie dort nicht. In ihrer Not bat Wehmeier* im Bottroper Marienhospital um Hilfe. Dort operierte man sie erneut – sogar auf Kosten ihrer Krankenkasse.

Das ganze Ausmaß des durch die französische Firma Poly Implant Prothese (PIP) ausgelösten Medizinskandals in Deutschland lässt sich längst nicht absehen. Noch ist überhaupt nicht klar, wie viele Frauen die minderwertigen, mit Industrie-Silikon gefüllten Gelkissen erhalten haben. Allein die Uniklinik Essen sprach am Dienstag davon, 506 betroffene Patientinnen aus den vergangenen zehn Jahren nachträglich über ihre Risiken informiert zu haben.

Angesichts dessen, dass sich am Mittwoch bei der WAZ-Mediengruppe mehrere PIP-Patientinnen meldeten, die bis heute keinen Brief der Uniklinik erhalten haben, könnte die Zahl jedoch noch höher liegen. Die Klinik erklärte gestern dazu, 17 Frauen seien „durch das Suchraster“ gefallen.

Frauen tragen billige industrielle Dichtungsmasse

Die Situation für die Frauen ist bitter, losgelöst davon, ob sie die Gelkissen nach einer Krebserkrankung oder nach einer Schönheitsoperation erhielten. Sie tragen billige industrielle Dichtungsmasse in sich statt medizinischen Kunststoff, weil der Hersteller sich so mehr Profit versprach. Es besteht der Verdacht, dass die leicht reißenden Implantate Krebs auslösen können. „In Frankreich allein sind zwölfhundert der Implantate gerissen, fünfhundert Frauen haben Entzündungen erlitten“, sagt Wolfgang Becker-Brüser, der als Arzt und Apotheker die pharmakritische Zeitschrift Arznei-Telegramm herausgibt.

Brüser-Becker vergleicht den PIP-Skandal mit dem um das Schlafmittel Contergan in den 60er-Jahren. Erst danach sei die Zulassung von Arzneimitteln stärker kontrolliert worden. „Das PIP-Implantat war zertifiziert. Aber dieses Zertifikat bedeutet gar nichts. Der TÜV Rheinland hat lediglich die Dokumente des Herstellers überprüft und angekündigt die Produktion überprüft. Wir brauchen endlich eine ernstzunehmende Kon­trolle der Medizin-Produkte.“

Die Ärzte hätten „abgewiegelt“.

Kliniken stünden heute unter Kostendruck. Sie müssten sparen, um Operationspreise halten zu können. „Qualitätsargumente spielen da eine untergeordnete Rolle“, behauptet Becker-Brüser.

Wie stark die Uniklinik Essen unter Druck geriet, nachdem die Implantate im April 2010 vom Markt genommen wurden, lässt sich auch an den Berichten von Patientinnen ablesen, die sich bei der WAZ-Mediengruppe meldeten. Egal, ob sie bereits 2010 in den Medien von dem Skandal erfahren hatten oder erst im April 2011 von der Klinik informiert wurden, bei ihren Anrufen oder Untersuchungen dort hätten die Ärzte „abgewiegelt“. PIP-Implantate seien das Beste, was es auf dem Markt gebe, wenn es den Skandal nicht gegeben hätte, würde man sie heute noch benutzen, argumentierten die Ärzte ihnen gegenüber.

Frauen sind stark verunsichert und zornig

Bis auf Svea Wehmeier, die sich die Implantate entnehmen ließ, sind die Frauen stark verunsichert und zornig, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Einige denken daran, die Uniklinik zu verklagen. Irene Pergher aus Essen, heute 65, sagt, sie habe kein Schreiben von der Uniklinik zu PIP erhalten. Der Leiter der Frauenklinik, Prof. Rainer Kimmig, hatte am Dienstag der WAZ erklärt, man habe alle betroffenen Frauen im April 2011 angeschrieben.

Eine andere Patientin hatte noch im Dezember im Klinikum angerufen. In großer Angst, wie sie sagt. Ihr Wunsch, die Implantate sofort entfernen zu lassen, sei von einem Arzt so beantwortet worden: Die Rechtsabteilung der Klinik warte noch ab.

*Name geändert