NRW schafft 10.000 neue Schutzwesten für Polizisten an

Kommissaranwärterin Nicole Steffens und Polizeikommissar Martin Kojtych testen die neuen Westen.
Kommissaranwärterin Nicole Steffens und Polizeikommissar Martin Kojtych testen die neuen Westen.
Foto: Volker Hartmann/FUNKE Foto Services
Neue Schutzwesten halten auch dem Beschuss aus schweren Waffen stand – bis Jahresende sollen sie in jedem Streifenwagen liegen.

Köln. NRW-Innenminister Ralf Jäger ist begeistert. „Ein absolutes High-Tech-Produkt“, nennt er die Schutzweste, die er in den Händen hält. Eine von 10 000 ist es, mit denen die Polizei in Nordrhein-Westfalen bis Jahresende ausgestattet wird. Um die Beamten vor der neuen Art der Kriminalität zu schützen.

Zwei Stück in leicht anpassbarer Universalgröße sollen künftig in jedem Streifenwagen liegen, zusammen mit einer Maschinenpistole samt „holografischem Visier“, denn: „In den Streifenwagen sitzen die Männer und Frauen, die als erste handeln müssen“, sagt Jäger. „Und auf das SEK zu warten, ist oft keine Option.“

Schnell für neue Westen entschieden

Nicht zu warten wird allerdings immer gefährlicher. Auch weil seit den Terroranschlägen auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo in Paris klar ist, dass die Polizei in aller Welt es immer öfter mit einem ganz neuen Tätertyp zu tun bekommt. Gut ausgebildet ist er und hat Zugang zu schweren Waffen wie Maschinenpistolen. „Die alten Westen“, sagt Arnold Plickert, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in NRW (GdP), „hätten das nicht ausgehalten.“

Deshalb wurden seit vergangenem Jahr neue gesucht. Eine Suche, bei der NRW fixer war als die meisten anderen. Man habe den Markt sondiert und sich Anfang des Jahres für zwei deutsche Anbieter entschieden. „Das hat alles sehr schnell geklappt“, gibt es Lob sogar von der GdP.

Am Schießstand getestet

Nun liegen die ersten der pro Stück 1000 Euro teuren Westen in einer Lagerhalle in Köln-Ossendorf. „Schutzklasse VPAM 6“, steht auf den Kartons. Was Laien wenig sagt. „Die kann was ab“, erklärt es ein Polizist verständlicher. Sogar Geschosse aus einer Kalaschnikow, versichert der Hersteller. „Aber die erzählen viel“, weiß Polizeihauptkommissar Dirk Weiler vom Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste. Deshalb hat die Polizei in NRW selbst am Schießstand auf die Westen geschossen. Und? „Die Hersteller haben nicht zu viel versprochen.“

Selbst aus nächster Nähe abgefeuerte Geschosse aus Maschinenpistolen drängen nicht durch. Wirkung aber zeigen sie schon. Wer glaube, dass ein Polizist nach Treffern wie in einem Actionfilm locker weiterlaufen könne, liege falsch, stellt der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies klar. „Es ist ein ungeheurer Schlag.“ Laienhaft gesagt beulen die Kugeln die Weste bis zu 30 Millimeter nach innen aus. Dabei könne es zu „blauen Flecken, Prellungen oder angebrochenen Rippen“ kommen. „Aber in der Regel nicht zu tödlichen Verletzungen.“

Trotz allem wiegt eine neue Weste nur noch rund ein Drittel des Vorgängermodells. Knapp acht Kilo müssen die Beamten tragen, früher waren es rund 23 Kilo. Und beim Anlegen musste stets ein Kollege helfen. Der neue Geschossschutz lässt sich alleine überwerfen und mit Hilfe von Klettverschlüssen auf die passende Größe bringen. „Das dauert nur Sekunden“, erzählt ein Beamter.

„Als ob man sich ein Ofenrohr um seinen Körper wickelt“

Zahlen und Testergebnisse sind das, die sogar die GdP „sehr zufrieden“ machen. Die neuen Westen seien ein guter Kompromiss zwischen Schutz und Beweglichkeit, findet Plickert. Die Ausrüstung der Spezialeinsatzkräfte schütze zwar noch besser, wiege aber auch fast 30 Kilo. „Das ist für die Männer und Frauen im Streifenwagen nicht praktikabel.“

„Das wird sich ändern“, ist Weiler überzeugt. Deutsche Firmen seien führend bei den Entwicklungen auf diesem Gebiet. Ins Detail gehen aber will er aus Sicherheitsgründen nicht. Nachfragen beantwortet Weiler deshalb gerne mit einer Szene aus einem alten Western. „Im Grunde“, sagt er, „ist das alles nicht viel anders, als ob man sich ein Ofenrohr um seinen Körper wickelt.“