Neues Buch über das Ruhrgebiet mit viel Heimatgefühl

Kristina Wienand
So schön wie das in Abendrot getauchte Stahlwerk in Duisburg-Wanheim ist nicht jede Ansicht des Ruhrgebiets. Das zeigen auch Konrad Lischka und Frank Patalong in ihrem Ruhrgebietsbuch. Foto: WAZ
So schön wie das in Abendrot getauchte Stahlwerk in Duisburg-Wanheim ist nicht jede Ansicht des Ruhrgebiets. Das zeigen auch Konrad Lischka und Frank Patalong in ihrem Ruhrgebietsbuch. Foto: WAZ
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Die beiden Autoren Frank Patalong und Konrad Lischka haben das Ruhrgebiet unter die Lupe genommen. Herausgekommen ist das Buch „Dat Schönste am Wein ist dat Pisken danach - Die wunderbare Welt des Ruhrpotts“. Eine gelungene Mischung aus Erzählung, Ratgeber, Reiseführer und Rund-Um-Kritik des Ruhrgebiets.

Essen. Der Titel des neuen Buches von den Journalisten Konrad Lischka und Frank Patalong klingt verheißungsvoll: „Dat Schönste am Wein ist dat Pisken danach - Die wunderbare Welt des Ruhrpotts“. Aufgeteilt in vier Kapitel arbeiten sich die Autoren darin zum Kern des Ruhrgebietsbewohners vor. Wie ist er? Grob, ehrlich, laut und primitiv? Mit kleinen Geschichten zeichnen die beiden ein detailreiches Bild: Das ist zwar mit einigen Klischees gewürzt, doch das Buch bietet - mit hilfreichen Tipps - eine sanfte Einführung ins Leben und Denken des „gemeinen Pöttlers“.

„Der Pott ist tatsächlich ein gutes Stück anders als jede andere Region in diesem Land.“ Dort aufgewachsen, müsse man ihn aber verlassen, um das zu erkennen. Gedanklich reisen Patalong und Lischka in dem Buch zurück. Gespickt mit nostalgischen Erinnerungen, einer kritischen Betrachtung der ehemaligen Kohlewirtschaft und einer schroffen Wesensprägung „feckeln sie los“. Das Sahnehäubchen sind einige Ausflugstipps abseits der A 40.

Zwischen witzigen Anekdoten und halbernster Sozialstudie

Den Ausgangspunkt vieler Geschichten bilden feine Beobachtungen der Journalisten. Beide sind im Ruhrgebiet aufgewachsen - Patalong in den Siebzigern, Lischka in den Neunzigern - und kennen die Bewohner sehr genau. Zu ihren kleinen, alltäglichen Sozialstudien nehmen die Autoren den Leser mit ins Stadion, an den Baldeneysee und in die Eckkneipe. Die umgangssprachlich dargestellten Gesprächsszenen tragen ihr Übriges zum Ganz-Nah-Dabei-Gefühl bei. So meint Patalongs Bekannter Schibulski: „Musse ma ankucken gehen, dat glaubse nich. Wat sich dat allet verändat hat. Du glauuuubset nich. Un jezz der Scheiss mit de Ruar zwanzich-zehn, waiß ich auch nich, wat dat soll.“

Die Verbindung von der Sprache ohne ‘R’ und der speziellen Lebenshaltung trifft das Herz der echten Ruhrpotttypen wie Schibulski, Kioskbesitzer Willy Göken oder auch Lischkas Großmutter aus Polen. Das Sammelsurium an Ruhr-Originalen macht die kurzen Erzählungen lebendig. Wenn der Leser dann so weit in die Sprache des Ruhrgebietlers eingetaucht ist, dass er selbst an den Stellen, wo das hochdeutsche „das“ steht, „dat“ liest, ist auch er assimiliert.

Wunderschöner Ruhrpott?

Obwohl sich die Autoren in dem Buch gern und recht idyllisch an ihre Kindertage erinnern, entwerfen sie zugleich ein zweigeteiltes Bild des Ruhrgebiets. Sie blicken aus der Ferne (beide leben und arbeiten in Hamburg) auf den Pott und konstatieren: „Es ist mitunter zum Mäusemelken mit dieser Mentalität. Wir sind Weltmeister im Ausblenden.“ Trotz der amüsanten Anekdoten und der Tipps, klingt immer wieder harsche Kritik an politischen Entscheidungen oder denen der großen Wirtschaftsunternehmen an. Der Ruhrgebietler sei gleichgültig gegenüber Politik und Umweltverschmutzung. „Wenn uns das Gift um die Nase weht, in die Gärten regnet, den Autolack zerfrisst, verbuchen wir Pöttler das als Kollateralschaden der Arbeit, denn die Schlote müssen rauchen“, regt sich Konrad Lischka auf.

Auch in puncto Stadtentwicklung kommt der Pott nicht gut weg: Die Essener haben zwar das „Pantoffelgrün“ erfunden, sich sonst aber eher mit Innovationen zurückgehalten. Ruhrgebietler leben bis heute mit plötzlichen, aber teilweise metertiefem Absacken der Böden. Darüber hinaus hat man vor hohen Schadstoffbelastungen die Augen geschlossen. Und das soziale Gefälle zwischen reichem Süden und armen Norden der Ruhrstädte nimmt weiter zu. Das prangern zumindest Patalong und Lischka an.

Das Beste zum Schluss: die Ausflugstipps

Besonders interessant für Nicht-Ruhrgebietler ist der letzte Teil des Buches. Hier haben die beiden Autoren einige Insidertipps an Restaurants, Bars, Ausflugszielen, Kulturstätten und schönen Orten zusammengetragen. Viele Orte kommen schon im dritten Kapitel „Kultur - Kneipen - Hobby“ vor. Die Beschreibung von persönlichen Erlebnissen macht neugierig, sie im Ruhrgebiet selbst zu erleben. Die Tipps täuschen auch über einige Klischees, die in den einzelnen Geschichten auftauchen, hinweg.

Das Buch taugt somit vor allem als Ratgeber für Zugezogene und Touristen und hält hilfreiche Tipps für den Alltag zwischen Dortmund und Duisburg bereit. Es ist auch ein alternativer Gastroführer. Einige Passagen ähneln dagegen eher einem Familienroman, ohne dabei weitschweifig zu sein. Auch die Jugenderinnerungen der Autoren machen die Lektüre kurzweilig. Denn zur Sprache kommen alle Besonderheiten, die das Aufwachsen zu den verschiedenenen Zeitpunkten im Pott bereit gehalten hat.

Das Buch „Dat Schönste am Wein ist dat Pisken danach - Die wunderbare Welt des Ruhrpotts“ ist genau das: ein Blick in die Ruhrpottwelt, von innen und von außen. Das, was alle zusammenhält, ist die bodenständig-schroffe Mentalität. Ruhris sind „zu jedermann gleich freundlich - oder eben unfreundlich, aber dat meinen wa nich so. Ganz äählich.“