Neue Spuren zeichnen Weg zur Loveparade-Katastrophe nach

David Schraven
Der Ort der Katastrophe am 24. Juli 2010 vor der Massenpanik: die Rampe, die von der Karl-Lehr-Straße hinauf zum Loveparade-Gelände führt.
Der Ort der Katastrophe am 24. Juli 2010 vor der Massenpanik: die Rampe, die von der Karl-Lehr-Straße hinauf zum Loveparade-Gelände führt.
Foto: APN
Carsten W., der Mann, der dafür sorgen sollte, dass die Menschenmassen gefahrlos das Gelände zur Loveparade betreten konnten, erzählte den Ermittlern, wie es vor seinen Augen zur Katastrophe in Duisburg kommen konnte. Die Protokolle der Zeugenaussagen, Akten und Einsatzberichte zeigen: Wohl keiner der Beteiligten ist ohne Schuld.

Duisburg. Die Nacht lag schon tief über dem Gelände der Loveparade, an jenem 24. Juli 2010 um 23:30 Uhr. Unter dem Licht der Scheinwerfer sicherten Ermittlungsbeamte die Spuren der Opfer, der 21 Toten. Weiße Kreidestriche auf Beton, Plastikmüll und leere Wasserflaschen. Ein paar hundert Meter weiter betrat Carsten W. das Hoist Haus gegenüber des Duisburger Bahnhofs. Carsten W. war Crowd-Manager der Loveparade. Er sollte dafür sorgen, dass die Menschenmassen gefahrlos das Gelände der Loveparade betreten konnten. Im Hoist Haus wurde Carsten W. in einen Raum geführt. Hier saßen Rainer Schaller, der Chef der Loveparade, sein Pressesprecher, sein Marketing-Chef und zwei Frauen. Die Anwesenden waren deprimiert, geschockt, niedergeschlagen, berichtet Carsten W. später. Er sollte erzählen, was er erlebt hatte. Eine der Frauen protokollierte alles.

Carsten W. stand direkt an der Rampe, als die Katastrophe passierte. Nur wenige Meter von ihm entfernt starben Menschen. Er selbst war gesichert durch einen Zaun. An dem Mädchen bewusstlos zu Boden sanken. Nur Schritte entfernt. Nach seinem Bericht konnte Carsten W. erst einmal gehen.

Gut einen Tag später hatten Schaller und Freunde dann eine Idee, zu der sie Carsten W. brauchten. Sie riefen ihn an. Der Crowd-Manager sollte bei einer Pressekampagne helfen, um die Schuld an der Katastrophe der Polizei in NRW in die Schuhe schieben. Das sagte Carsten W. später vor Ermittlern aus.

Die Schlammschlacht um die Loveparade hatte begonnen.

Keiner der Beteiligten will Verantwortung übernehmen

Das Folgende ist schnell erzählt: Die Loveparade-Macher warfen der Polizei gemeinsam mit der Stadt Duisburg vor, durch Fehlentscheidungen und mangelhaften Einsatz die Katastrophe verursacht zu haben. Auf der anderen Seite griff Innenminister Ralf Jäger, Duisburgs SPD-Chef, die lokale Stadtspitze und die Loveparade-Macher an: Falsche Genehmigungen, fehlerhafte Pläne und zu wenig Personal hätten die Katastrophe unausweichlich gemacht. Keiner der Beteiligten übernimmt bisher Verantwortung.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt seit anderthalb Jahren. Aktuell gegen 17 Personen, elf Personen aus der Stadtverwaltung, fünf vom Veranstalter der Loveparade sowie gegen den Einsatzleiter der Polizei, Kuno S.. Ob und wann Anklage erhoben wird, ist noch offen.

Heute erlauben zum ersten Mal Unterlagen, die der WAZ vorliegen, einen annähernd klaren Blick auf die Katastrophe. Die protokollierten Zeugenaussagen, Einsatzberichte, städtischen E-Mails und Vermerke zeigen, dass niemand, der an der Loveparade beteiligt war, ganz ohne Schuld ist.

Da ist die Stadt: An ihrer Spitze Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Seine Behörde wollte unbedingt das Mega-Event haben. Mitarbeiter seines Amtes sorgten für die Finanzierung des Spektakels.

Damit nicht genug: So erklärte die zuständige Mitarbeiterin Anja G. in einer E-Mail am 11. Mai 2010, Stadtbaurat Jürgen Dressler und Duisburgs Rechtsdezernent Wolfgang Rabe hätten sich darauf verständigt, alles vom Betreiber der Loveparade einzufordern, was dieser gesetzlich bringen muss, um die Party durchzuführen. So sollten die Akten sauber bleiben. Und weiter schreibt Frau G. „Dafür wären wir dann aber am Tag nicht da, um das zu kontrollieren.“

SpezialseitenSprich: Die Spitze der Stadt hat sich darauf geeinigt, am Tag der Loveparade wegzuschauen, um das Event nicht abblasen zu müssen. Ihr Ziel war es nur, die Papiere im Amt sauber zu halten.

Keine Lautsprecher, mieses Material und zu wenig Leute

Hätten die Beamten kontrolliert, hätten sie genug gefunden, um einen Abbruch der Party zu rechtfertigen.

In seiner fast 200 Seiten starken Aussage vor den Duisburger Ermittlern, eine Art Geständnis, berichtet Crowd-Manager Carsten W. unter anderem von den mangelhaften Vorbereitungen der Loveparade-Veranstalter unter ihrem Chef Rainer Schaller. Versprochene Überwachungskameras im Eingangsbereich waren nicht montiert, die Zäune Billigware, zudem wären die versprochenen sicheren Zugangswege für Hilfskräfte quer durch die Tunnel nicht aufgebaut worden. Warum? Carsten W. sagt, weil das zu teuer gewesen wären. Die Loveparade hätten wohl an den Zäunen gespart.

Noch nicht einmal ein Lautsprechersystem hätten die Veranstalter installiert, berichtet Carsten W. den Ermittlern. Stattdessen hätte er privat ein Megafon mitgebracht, um die Massen im Panikfall zu lenken. Ein zweites Megafon sei ihm von der Loveparade-Spitze verweigert worden. Im Brandschutzkonzept hatte die Loveparade-Führung ein Lautsprechersystem zur Paniksteuerung zugesagt.

Vier Ordner werden für Oliver Pocher abgezogen

Auch beim Personal berichtet der Crowd-Manager von Problemen. So habe es nicht genug Ordner gegeben, um die Einlass-Schleusen zur Loveparade ernsthaft zu sperren. Er selbst habe gesagt, es gebe nicht genügend Männer um die geplanten Schleusen zu besetzen, doch anstatt mehr Leute zu schicken, habe die Loveparade-Führung die Zahl der Einlass-Stellen kurzfristig reduziert. Carsten W. sagt, ihm sei klar gewesen, dass er nur mit Hilfe der Polizei Sperren durchsetzen konnte.

Auch auf der Rampe war das Bild nicht besser. Crowd-Manager Carsten W. berichtet, nur acht Ordner seien als so genannte Pusher eingeteilt gewesen, um Tausende Menschen von der Rampe auf den Platz zu schieben. Dann hätten vier der Pusher zum Personenschutz von Oliver Pocher abgestellt werden müssen. Diese seien dann zwar von anderen Ordnern ersetzt worden. Doch wo genau sich diese Pusher am Ende aufhielten, konnte Carsten W. den Ermittlern kaum schlüssig erklären. Die Polizei spricht zwischenzeitlich von nur zwei Pushern, die auf der Rampe waren.

In ihrem Bemühen, die Polizei für die Katastrophe verantwortlich zu machen, hatten die Loveparade-Macher um Schaller eine Internetseite geschaltet, in der sie Filme und Dokumente zur Parade veröffentlicht haben. Die Unterlagen sollten beweisen, dass die Macher der Loveparade alles richtig gemacht haben. Und dass nur die Polizei schuld sei. Die Seite ist wieder aus dem Netz verschwunden.

Carsten W. schrieb in einer Email an einen Geschäftspartner wenige Tage nach der Katastrophe: „Wenn ich noch einmal größere Veranstaltungen als Sicherheitsverantwortlicher leite, mache ich das nur mit einem vernünftigen Konzept. Das heißt: vernünftiges Sperrmaterial und ausreichend guter Personal. Das wird Geld kosten.“