Holzwickede

Mutter von 280 Kindern

Ohne Kinder geht es nicht: Erika Sander mit ihren Enkeln Thyra, Daniel und Lena (v. li.)
Ohne Kinder geht es nicht: Erika Sander mit ihren Enkeln Thyra, Daniel und Lena (v. li.)
Foto: Henryk Brock

Holzwickede. . Wenn Erika Sander von ihren Kindern spricht, dann hat sie viel zu erzählen. Nicht nur drei eigene und drei Stiefkinder hat sie groß gezogen, auch zehn Pflegekinder und etwa 280 Be­reitschaftspflegekinder ha­ben bei ihr ein Zuhause gefunden. „Und alle haben Mama zu mir gesagt“, erzählt sie mit Freude in der Stimme. Unter anderem für ihre Tätigkeit als Pflegemutter bekam sie kürzlich das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Regalmeter voller Bücher, das ist das erste, was auffällt, wenn man ins Wohnzimmer von Erika Sander kommt. „Lesen war immer meine Entspannung”, erzählt die herzliche 71-Jährige. „Dabei konnte ich richtig abschalten.” Wenn man ihr zuhört, fragt man sich: Wie hat sie es bloß geschafft, auch noch Bücher zu lesen? Und ahnt doch, dass Abschalten oft sehr wichtig war.

Vor allem ihre Bereitschaftspflegekinder, die manchmal nur den Pyjama bei sich hatten, den sie trugen – waren oft umso schwerer beladen mit schlechten Erfahrungen, Gewalterlebnissen, Verwahrlosung oder Missbrauch.

Der Älteste blieb bis 24

Schon als Kind, erinnert sich die 71-Jährige, habe sie am liebsten „Puppenmutti“ ge­spielt. „Zehn Kinder zu haben” war ihr Ziel. Das Leben wollte es zunächst anders. Mit ihrem ersten Mann bekam sie vier Kinder, das letzte starb sehr jung, die Ehe ging in die Brüche. Erika Sander zog zurück nach Holzwickede. Mit ihrem zweiten Ehemann kamen auch dessen drei Kinder in den Haushalt.

Die nun achtköpfige Familie erhielt den ersten Zuwachs, als ein Mitschüler eines ihrer Söhne dringend ein vorübergehendes Zuhause brauchte. Die Eltern des Jungen mussten in eine Therapie, der 16-Jährige sollte nicht ins Heim. „Irgendwann kam er mit zu uns zum Mittagessen - und blieb gleich da”. Und da der Junge auch noch eine Schwester hatte, kam die auch gleich in die Familie - so war der Anfang gemacht.

Insgesamt zehn Pflegekinder haben Erika Sander und ihre Familie in der Folge aufgenommen und groß gezogen. „Der älteste ist erst mit 24 Jahren ausgezogen, weil er sich nicht trennen konnte“, erzählt sie. Zu allen hat sie bis heute Kontakt, zu ihren elf Enkeln zählt sie natürlich auch die Kinder ihrer Pflegekinder. Manchmal ist der Kontakt auch schmerzhaft. Wie vor einiger Zeit, als einer ihrer Pflegesöhne im Gefängnis einsitzen musste. „Natürlich habe ich ihn da besucht, aber das war schon schwer“, erinnert sie sich. „Da sitzt man davor und kann nicht helfen.“

Kinder brauchen Streicheleinheiten

Als Kinder und Pflegekinder nach und nach aus dem Haus gingen, kamen die Bereitschaftspflegekinder. Sie blieben manchmal nur für Tage, manche aber auch Monate.

Erste Begegnungen, die nicht immer leicht waren. Wie die mit einem Siebenjährigen, der so aggressiv war, dass er sie bei seiner Ankunft erst einmal nur beschimpfte und mit seinen Krücken in ihrem Wohnzimmer alles kurz und klein schlug. „Ich habe ihn Schlafen gelegt und anschließend war das ein ganz lieber Junge.“

„Die meisten Kinder habe ich erst einmal ganz in Ruhe gelassen und irgendwann kamen sie dann schon zu mir.“ Dann hat sie geduldig zugehört oder einfach nur in den Arm genommen. „Ich war immer der Meinung, dass diese Kinder besonders viele Streicheleinheiten brauchen.“

Gelassenheit und reden, reden, reden

Wie wird man fertig, mit all diesem Leid, aber auch mit den Enttäuschungen? Eine gehörige Portion Gelassenheit brauche man, sagt Erika Sander. Und dann müsse man „reden, reden, reden“. Sich einfach alles von der Seele quatschen, bei den Mitarbeitern des Jugendamtes, bei anderen Pflegeeltern oder auch bei ihrer Tochter.

Und dann die Abschiede. Die sind Erika Sander in all den Jahren nicht leichter geworden. „Zuletzt hatte ich ein kleines Baby hier, die Mutter hatte sich erst im Krankenhaus entschieden, es zur Adoption freizugeben.“ Das Baby war bei ihr, bis Adoptiveltern gefunden waren. „Und obwohl ich wusste, dass es das Kind jetzt gut hat, ist mir der Abschied so schwer gefallen.“

Hat sie nicht auch mal resigniert? „Nein“, sagt Erika Sander. „Wenn man die Nöte der Kinder gesehen hat, dann musste man einfach dabeibleiben.“

 
 

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