Mit Fernfahrern am Stammtisch

Foto: Jakob Studnar
Foto: Jakob Studnar

Münster.. Polizei und Fernfahrer treffen sich eigentlich nur bei Kontrollen. Eine schöne Situation ist das für keine Seite. In Münster gibt es deshalb einen Fernfahrer-Stammtisch, der den Kontakt zwischen Behörde und Brummifahrern verbessern soll.

Auf dem Parkplatz der Raststätte Münsterland-Ost steht ein Laster neben dem andern, es dunkelt, und ein groß gewachsener Polizist geht von Führerhaus zu Führerhaus. Die Scheibe wird heruntergekurbelt, „Nabend“, sagt der Polizist dann: „Hasse große oder kleine Pause?“ Sechs, acht, zehn Mal, stets die gleiche Szene – stets die gleiche Antwort: „Kleine Pause!“ Bedeutet im Klartext: Ich bin quasi am wegfahren. Schließlich: Weiß der Himmel, was der Bulle will!

Der Polizeihauptkommissar Christoph Becker ist freilich unterwegs, um Einladungen auszusprechen. Zum Fernfahrerstammtisch. Da vorne in der Raststätte. Jetzt gleich. „Ich will Dir auch keine Klinke ann’n Sack quatschen!“ Später wird Becker sagen: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es hinaus.“ Das Echo stimmt. Drei der angesprochenen Fahrer kommen rüber. Kleine Pause war wohl ein Irrtum. Kein Thema!

35 Stammtische in ganz Deutschland

Sie werden an diesem Abend 26 Mann sein, eine Frau, zwei Polizisten. Sie sitzen in einem kargen Nebenraum der Raststätte, die Tische sind zum Quadrat gestellt, darauf ein paar Thermokannen Kaffee und zwei Exemplare des Fachblattes Berufskraftfahrer (Titel: „Mautfreies Multitalent“). „Heinz, grüß Dich!“ „Tach zusammen!“ „Frohes Neues Jahr gehabt zu haben!“ Manche sind auf Durchreise. Sachsen, Berliner, Westfalen. Manche kommen häufig. Man klopft auf die Tische. Den Stammtisch. Komisches Wort bei Menschen, die ständig unterwegs sind.

Vor zehn Jahren erfand ein Münsteraner Autobahnpolizist diese Stammtische, und sie wurden ein großer Erfolg. Inzwischen gibt es 35 davon in Deutschland und fünf im Ausland. Jeden Monat einmal. Feste Themen aus dem Fahrerleben. Anschließend Sonstiges. Der Sinn ist: „Es sollte erreicht werden, dass der Kontakt zwischen Polizei und Fernfahrern nicht ausschließlich in Kon­trollsituationen stattfindet und sich dadurch verbessert“, erinnert sich der 53-jährige Becker.

Was das bedeutet, Kontrollsituation, das kann man ganz leicht im Vorraum sehen: Da steht nämlich ein Rechner, den hat die Polizei für Berufskraftfahrer eingerichtet mit ganz vielen Informationen aus dem Fach. Ausbildung, Ar­beitszeiten, Sonntagsfahrverbot, vieles mehr. Und eine Funktion darunter ist: Übersetzungshilfe. Ins Holländische, Englische, Polnische. Übersetzt wird da in alphabetischer Reihung: Alkohol, Bußgeld, Dokumente, Drogen, Fahrverbot, Führerschein, Ge­fängnis, illegal . . .Das geht noch weiter. Das spricht für sich. So, das ist gemeint mit: Kontrollsituati­on.

Ohne Uniform kein Unterschied zu Fernfahrern

Leidiges Thema heute: Ab­fahrtkontrolle. „Du fährst los und hast Schnee oben drauf“, sagt Becker. Und erzählt eine Geschichte: „Stellt euch vor, Schulte-Bömmelkamp. Fährt einmal im Jahr Autobahn. Wenn dann Schnee vom Lkw rutscht, der erschrickt sich und kommt auf die linke Spur, das ist dann schon Behinderung, achtzig Euro und drei Punkte!“ Kein Widerspruch in der Runde. Einer sagt: „Vorher wegmachen ist aber bei Pkw genauso wichtig!“ Allgemeines zustimmendes Nicken. Auch von der Polizei. Von hinten kommt der Vorschlag: „Leere Schläuche unters Dach, anschließen ans Reifenfüllsystem, dann kommt die Scheiße sofort runter.“

Dieser Becker ist wie sie. Bestimmt zwei Meter. Extrovertiert. Laut. Gestenreich. Ohne Uniform wär’s kein Unterschied. Und: spricht ihre Sprache. „Wenn du den Job machst, um Geld zu verdienen, musst du total bekloppt sein“, sagt Becker. Er spricht vom Fernfahren.

Grüße und Geschenk für kranken Kollegen

Sie reden über Ausbildung. Über Fahrverbot und Disponenten. „Ein guter Disponent kalkuliert mit zweiundsechzig Stundenkilometern“, sagt einer, der es gut getroffen hat. Hinten beugt sich einer zum Kollegen und sagt leise: „Bei uns mit neunzig. Und dass alles frei ist.“ Will keiner mehr lernen, Fernfahrer. „Fahren, fahren, fahren, und die Theorie bleibt auf der Strecke.“

So, bis nächsten Monat. Ach, eins noch. Ein Kollege ist krank, einer, der oft kam, einer, den sie schätzen. Es ist was Übles. Ein Blatt Papier läuft um. „Alles Gute vom Fernfahrerstammtisch Münster“, unterschreiben sie.

Becker wird ein kleines Geschenk besorgen.

 
 

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