Langzeitarbeitslosigkeit der Eltern hält Kinder in Hartz IV

Essen.  Deutschland feiert einen Beschäftigungsrekord nach dem andern, gleichzeitig sinkt seit Jahren die Arbeitslosigkeit. Wie zu diesem „Jobwunder“ die abermals gestiegene Kinderarmut passt, ist schwer nachzuvollziehen. Ein etwas tieferen Blick in die Statistik mag helfen.

Knapp zwei Millionen Minderjährige in Deutschland lebten Ende 2015 in so genannten Hartz-IV-Familien, davon 541 000 in NRW. Für Experten entscheidend beim Thema Kinderarmut ist die Zahl der „nicht erwerbsfähigen Leistungsberechtigten unter 15 Jahren“. Davon gibt es bundesweit rund 1,6 Millionen. Mit 438 000 lebten Ende Mai mehr als ein Viertel, also überdurchschnittlich viele davon in NRW.

Was sofort auffällt: die Zahl der deutschen Kinder ist seit anderthalb Jahren rückläufig, dafür stieg die Zahl der ausländischen Kinder in Hartz IV umso stärker an – auf jetzt 102 000. Der Zuzug aus Süd- und Osteuropa sowie die Flüchtlingskrise tragen dazu bei.

Dass gerade im Ruhrgebiet die Armutsquoten der Kinder zuletzt teils deutlich gestiegen sind, lässt sich damit aber nur zum Teil erklären. Hier schlägt durch, was seit Jahren Armut in strukturschwachen Gebieten verfestigt: die Langzeitarbeitslosigkeit der Eltern hält Kinder in Hartz IV. 71 Prozent der „Hartz-IV-Kinder“ leben in Haushalten, in denen mindestens ein Elternteil seit einem Jahr und länger ohne Job ist.

Im Ruhrgebiet ist die Langzeitarbeitslosigkeit besonders hartnäckig. Allein zwischen Duisburg und Dortmund sind 116 000 Langzeitarbeitslose registriert, weit mehr als eine Region mit fünf Millionen Einwohnern verträgt. In Städten wie Gelsenkirchen, die vor der Flüchtlingskrise jahrelang Einwohner verloren haben, lässt der große Sockel an Langzeitarbeitslosen die Armutsquoten auch ihrer Kinder nach oben schießen.

Dass für die meisten neuen Jobs Qualifikationen verlangt werden, die unter den oft gering qualifizierten Langzeitarbeitslosen nicht zu finden sind, ist ein Grund für diese Lage. Noch stärker ins Gewicht fällt allerdings ein für die Betroffenen eigentlich positiver Statistik-Effekt: Mit jeder Erhöhung der Hartz-IV-Sätze steigt der Kreis der Leistungsberechtigten. In jedem Januar steigen die Zahlen auch der Kinder in Hartz IV deshalb sprunghaft an.

Diesen Effekt meinte Caritas-Generalsekretär Georg Cremer, als er unlängst im Spiegel eine übertriebene Armuts-Rhetorik im Land, auch der eigenen Kirche, beklagte. Wenn durch eine Anhebung der Existenzsicherung Menschen besser gestellt würden, sollten nicht „Vertreter aus Kirchen und Sozialverbänden mit traurigen Augen vor die Kameras treten und von der zunehmenden sozialen Kälte sprechen“, sagte er.

Durch steigende Sätze fallen arbeitende Menschen, deren Gehalt unter Hartz-IV-Niveau rutscht, als „Aufstocker“ in die Statistik. Gleichzeitig wird es für die Arbeitslosen immer schwieriger, einen Job zu finden, in dem sie mehr verdienen als das Amt überweist. So verfügte eine vierköpfige Hartz-IV-Familie 2015 im Durchschnitt über ein Haushaltbudget von 2031 Euro, bei drei oder mehr Kindern sogar von 2514 Euro. Gerade Langzeitarbeitslosen gelingt es aus dem Stand äußerst selten, einen Monatsverdienst in dieser Höhe zu erreichen.

Nicht ohne Grund leben mit mehr als 700 000 die meisten betroffenen Kinder in Großfamilien. Ihre Zahl ist besonders stark gestiegen, dagegen lebten zuletzt weniger Einzelkinder von Hartz IV.

 
 

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