Kölner Bürger sagen dem Klüngel den Kampf an

Köln.. Der Einsturz des Stadtarchivs vor genau einem Jahr hat das Vertrauen vieler Kölner in die Stadt tief erschüttert. Einige hat der Skandal aufgerüttelt. Eine Bürgerinitiative sagt dem Kölner Klüngel nun den Kampf an. „Wir halten das nicht mehr aus, was hier passiert“, sagt Initiator Frank Deja.

In Köln rumort es. Seit dem Einsturz des Stadtarchivs regt sich Widerstand unter den Kölnern. Eine Bürgerinitiative hat dem Klüngel den Kampf angesagt: „Köln kann auch anders“, heißt die Bewegung, die in den Wochen nach dem Unglück entstanden ist. Jeden Montag stehen Bürger vor dem Rathaus, organisieren Kundgebungen, schieben Bürgerbegehren an.

Sie wollen Mahner und Versöhner zugleich sein. Den Stadtoberen genau auf die Finger schauen, aber auch mit ihnen sprechen über das, was schiefläuft in der Stadt. Inzwischen unterstützen rund 670 Bürger die Initiative. Zum Jahrestag des Archiv-Einsturzes am heutigen Mittwoch haben sie die Kölner zu einem „Zug des Vergessens“ vom Rathaus zur Unglücksstelle aufgerufen. DerWesten sprach mit dem Initiator Frank Deja.

Was musste passieren, bis sie gesagt haben: „Köln kann auch anders“?

Frank Deja: Rund fünfzehn Jahre lang haben wir fassungslos zugeschaut, wie aus unserer schönen Stadt ein Klüngel-Sumpf wurde. Und viele eigentlich engagierte Kölner hatten schon resigniert, bis das Stadtarchiv eingestürzt ist. Das war wie ein Weckruf, sich endlich einzumischen. Es hat begonnen als Initiative einiger Freunde. Wir haben abends zusammengesessen und festgestellt: Wir halten das nicht mehr aus, was hier passiert. Daraufhin haben wir eine Protest-Mail verschickt. Darin haben wir gefordert, dass die Verantwortlichen zurücktreten. Die Mail hat sich im Schneeballsystem verbreitet. Es gab so ein breites Echo, dass daraus die Initiative „Köln kann auch anders“ entstanden ist.

Ein Jahr nach dem Archiv-Einsturz ist die genaue Ursache nach wie vor unklar und die Schuldfrage noch nicht geklärt. Wie beurteilen sie die bisherigen Ermittlungen?

Deja: Wir können nicht erkennen, dass sich die Verantwortlichen ihrer Verantwortung stellen. Ein Jahr nach dem Unglück kommt alles nur durch Recherchen der Presse ans Licht und nichts durch die Verantwortlichen der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB). In Köln werden die Posten nach Gefälligkeit und Partei-Buch verteilt. Auch der technische Direktor der KVB, Walter Reinarz, wurde nach dem üblichen Verfahren eingesetzt. Der Vorstandsvorsitzende der KVB ist ein SPD-Mann. Dann musste die technische Hoheit eben CDU-Mann Reinarz zukommen. In einem WDR-Beitrag wird ein Parteifreund von Reinarz zitiert, der bestätigt, dass dieser weder Ingenieur, noch Techniker oder Handwerker ist. Das ist absolut unverantwortlich. Da ist ein Bauvorhaben wie die Kölner U-Bahn unter die Verantwortung eines Mannes gestellt worden, der überhaupt keine Ahnung davon hat.

Sie werfen der Stadt zudem vor, das Ausmaß der Schäden zu verharmlosen.

Deja: Wir finden die Pressemitteilung des Historischen Archivs zumindest grob irreführend. Dort wird behauptet, dass 80 Prozent der Dokumente gerettet worden seien. Es ist aber noch nichts gerettet sondern nur geborgen worden. Wir sehen in dieser Darstellung eine Verharmlosung der Tatsache, dass das Archivgut im höchsten Maße beschädigt und gefährdet ist.

Was haben die Stadtoberen durch den Archiv-Einsturz gelernt?

Deja: Einige sind sicherlich wachgerüttelt worden. Dem neuen Oberbürgermeister Jürgen Roters muss man zugute halten, dass er ein paar Jauchegruben von seinem Vorgänger Fritz Schramma geerbt hat. Wir hoffen einfach, dass er ehrlich ist, wenn er beteuert, diese Jauchegruben ausheben zu wollen. Das werden wir überprüfen. Wir sehen aber auch, dass einige offenbar überhaupt nichts gelernt haben. Das konnten wir zum Beispiel auf der letzten Veranstaltung der KVB erleben. Da wurde wieder nur um den heißen Brei herum geredet.

Es gab bereits einige Skandale in Köln, aber der Pfusch beim U-Bahn-Bau ist der bisherige Höhepunkt. Vertrauen die Kölner ihrer Stadt noch?

Deja: Nein, das tun sie nicht mehr. Seit dem 3. März 2009 hat sich in Köln etwas grundsätzlich verändert. Das Vertrauen der Bürger ist seitdem völlig verschwunden. Die Kölner trauen den Entscheidungsträgern der Stadt auch an anderer Stelle nicht mehr. Man merkt ganz massiv den Unmut der Bürger, die jetzt sagen: Wir müssen uns selbst einmischen. Und das ist ein ganz neues Gefühl in Köln.

Welche Rolle wollen Sie als Bürgerinitiative innerhalb der Stadt spielen?

Deja: Wir sehen uns nicht als General-Opposition zum Stadtrat. Die Ratsmitglieder, die entscheiden sollen, sind schließlich Menschen wie Sie und ich, die plötzlich mit schweren Entscheidungen konfrontiert werden. Die haben hierfür oft nur die Vorlagen der Stadtverwaltung. Das heißt, die Ratsmitglieder werden oftmals selbst in die Irre geführt. Wir möchten unser Engagement deshalb nicht als Bedrohung für den Rat verstanden wissen, sondern als Dialogangebot und ausgestreckte Hand. Es soll darum gehen, die verengte Sicht der Verwaltung zu überwinden. Wir haben auch Experten aus unterschiedlichen Bereichen in unseren Reihen, vom Juristen bis zum Architekten. Wir bieten den Ratsmitgliedern an, daraus zu schöpfen.

Wie reagieren die Stadtoberen auf Ihre Initiative? Nimmt man die Hand an, die Sie ihnen entgegenstrecken wollen, oder wehrt man sie ab?

Deja: Das ist sehr unterschiedlich. Anfangs wurden wir belächelt. Inzwischen stellt man bei der Stadt fest, dass wir eine dauerhafte und wachsende Bewegung sind. In allen Fraktionen spüren wir inzwischen die Bereitschaft von Einzelnen, sich auf einen Dialog mit uns einzulassen. Es gibt natürlich auch diejenigen, die den Hintereingang benutzen, wenn wir vor dem Rathaus stehen.

Haben Sie nicht manchmal auch Sorge, zum Sprachrohr pauschaler Bürger-Wut zu werden?

Deja: Wir wollen weder der Kummerkasten Kölns werden noch als Rächer der Enterbten auftreten. Wir haben vielmehr ganz klare Ziele definiert. Sie lauten Transparenz, Verantwortungsbewusstsein und Korruptionsbekämpfung. Wir wollen einfach eine offene Bürgerplattform sein.

Was haben Sie bislang erreicht?

Deja: Unter anderem konnten wir durch unseren Protest verhindern, dass der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma in den Aufsichtsrat der Kölner Messe berufen wurde.

Derzeit bereiten Sie ein Bürgerforum vor mit dem Titel „Welches Köln wünschen wir uns“? Haben Sie schon eine persönliche Antwort darauf?

Deja: Ich wünsche mir, dass Köln in der überregionalen Berichterstattung nicht mehr für Dilettantismus, Pfusch und Verantwortungslosigkeit steht, sondern für engagierte Bürger, die sich in die Belange ihrer Stadt mit Phantasie und Sachverstand einmischen. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass verantwortliche Posten in Köln künftig nach Kompetenz vergeben werden und dass vielleicht ein regelmäßiges Diskussionsforum zwischen Rat und Bürgern entsteht.

 
 

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