Kleiner Mensch in großer Not

Bochum.. Alarmplan im Jugendamt: So reagieren die Experten, wenn sie von gefährdeten Kindern erfahren.

Alarm! Ein Hinweis, also raus. Hin zum Kind, hinein in die Familie. Kleiner Mensch in großer Not. Ganz so nach Schema F läuft es dann wohl doch nicht, aber die Jugendämter gehen schon nach strengen Prinzipien vor, wenn ein Kind in Gefahr sein könnte. „Ausgangspunkt ist meistens ein Anruf”, sagt Ruth Piedboeuf-Schaper, Abteilungsleiterin des Sozialen Dienstes im Bochumer Jugendamt. Erzieherinnen, Lehrer oder Nachbarn melden sich. Sie berichten womöglich von vernachlässigten Kindern in einem unzumutbaren Umfeld. Die Kinder sehen verlottert aus, haben vielleicht blaue Flecken oder andere Verletzungen. Es gibt eine Art Alarmplan: „Wir bewerten diese Meldungen mit mehreren Kollegen und reagieren je nach Gefährlichkeitsgrad”, sagt die Frau vom Jugendamt.

Brenzlige Lage

Manchmal komme es auch vor, dass die Anrufer nur anderen Leuten eins auswischen wollen. Nach dem Motto: „Die Alte von nebenan putzt noch nicht einmal den Flur, wie soll die sich da um ihr Kind kümmern.”

Wenn die Lage brenzlig scheint, fahren zwei Mitarbeiter des Jugendamtes umgehend raus. Das Auto ist mit Kindersitzen ausgestattet, um junge Beifahrer sofort einladen zu können. Je nach Lage wird Unterstützung dazu geholt. Die Polizei, wenn Gewalt im Spiel sein könnte. Sucht-Experten, wenn Mutter oder Vater einen Hang zum Alkohol haben. Der psychiatrische Dienst, wenn neben einem leidenden Kind auch Depressionen in der zerrütteten Familie zu Hause sind.

„Wir schellen an, stellen uns vor, sagen, dass wir uns ein Bild vom Kind machen möchten”, sagt Piedboeuf-Schaper. Der schwierigste Part. Wer will schon, dass Fremde in die Privatsphäre einbrechen? „Da sind Ruhe und Geschick gefragt. Wir müssen den richtigen Tonfall treffen.”

Distanz kann helfen

Grundsätzlich habe das Jugendamt das Recht, in Notlagen die Kinder auch ohne Zustimmung der Eltern mitzunehmen und beispielsweise in eine Kinderklinik zu bringen. Oder in eine Bereitschaftspflegefamilie. In solchen Situationen ist es für alle Beteiligten nicht einfach. Emotionen prallen auf Hilflosigkeit. Und mittendrin das Kind. „Wir sehen zu, dass wir uns im Kinderzimmer ruhig unterhalten”, sagt die Jugendamtsleiterin. „Der Mama geht’s nicht gut”, „Wir sehen zu, dass der Mama jetzt geholfen wird” oder „Wir bringen dich an einen Ort, an dem du auch andere Kinder zum Spielen hast” - Sätze, die irritierte kleine Gemüter besänftigen sollen.

Manchmal hilft Distanz, um später wieder Nähe zu finden. Heißt: Wenn ein Kind mitgenommen wird, soll es den Eltern nicht dauerhaft entrissen werden. Im Gegenteil. Das Verhältnis soll behutsam gekittet werden. „Unser Auftrag ist immer, familienerhaltend zu arbeiten.”

 
 

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