Kein Hasch mehr für Ausländer in Holland

Für Ausländer ab jetzt verboten: In den niederländischen Coffeeshops gibt es Joints nur noch für Einheimische.
Für Ausländer ab jetzt verboten: In den niederländischen Coffeeshops gibt es Joints nur noch für Einheimische.
Foto: WAZ FotoPool
„Ich bin nicht der Drogenlieferant von Europa“, hatte Venlos Bürgermeister Hubert Bruls immer wieder geklagt. Nun ist das vorbei. In den Niederlanden dürfen ab dem 1. Mai keine weichen Drogen mehr an Ausländer verkauft werden. Die Coffeeshops gleich hinter der deutschen Grenze schließen. Das könnte den Holländern neue Probleme bringen.

Nettetal/Venlo. Der Mann kam in Lackschuhen und Nadelstreifen, und er verschwindet aus dem süßen Nebel mit 20 „weißen Witwen“. Eilig hatte er es, tauschte an der Theke ein paar Scheine gegen zwei Hände voll Hasch-Zigaretten. Vor seinem Taxi rollt ein Mercedes aus Duisburg vom Parkplatz, auf dem Beifahrersitz eine Grauhaarige, die gepuderte Nase genüsslich in einem Tütchen Gras. Wochentags früh in Venlo, im Coffeeshop gleich hinter der Grenze. Hamstern die alle Haschisch? Denn schon bald ist es vorbei mit diesen – Kurztrips.

„Die Politik der offenen Tür wird beendet“, hat der niederländische Justizminister Ivo Opstelten bereits vor Jahresfrist verkündet: Schluss mit den liberalen Drogengesetzen! Ab Mai dürfen die Coffeeshops in den Grenzgebieten ihr Marihuana nur noch an eine begrenzte Anzahl registrierter Einheimischer verkaufen. Ausländer ausgeschlossen, für Deutsche gibt’s den „Hanfpass“ nicht.

„Ich bin nicht der Drogenlieferant von Europa“

„Das war’s dann wohl mit gemütlich mal schnell nach NL fahren“, klagt im Internet der Nutzer „Spl1ff“, und in der Tat ist dies, was die Politik wollte: ein Ende des Drogentourismus’ aus Deutschland (und anderen strengen Staaten), keine Kiffer mehr, die mal eben ein- und wieder ausreisen auf der Suche nach dem schnellen Rausch – ein Königreich für einen Joint! „Ich bin nicht der Drogenlieferant von Europa“, hatte Venlos Bürgermeister Hubert Bruls immer wieder geklagt, „wir wollen weg vom schlechten Image.“

Bruls war es, der vor Jahren die Coffeeshops „Oase“ und „Roots“ aus seiner Stadt in die Peripherie verbannte, ergo: an die deutsche Grenze. Zwei Poller nur trennen Nettetal seither von der Freiheit, Hasch zu rauchen, und der Tegelse Weg. „Drogenpfad“ nennen sie ihn hier, bei Jugendlichen gilt er als beliebtester Fußweg Deutschlands. Kaum drei Kilometer sind es vom Bahnhof Kaldenkirchen bis zur „Oase“, und die Jugend des Ruhrgebiets weiß das. Kam mit dem Regionalzug und ging drüben „eine durchziehen“.

Nur blieb es da nicht bei: Man klaute Räder, zockte einander ab, prügelte sich um Geld und Stoff. Oder hat sich schlicht „nicht gut benommen“, so die Polizei. Anwohner fühlten sich massiv gestört, klagten über Müll und Schlimmeres in ihren Gärten, wenn die „Horden“ Richtung Grenze zogen. Und zurückkamen mit mindestens einem Rest der fünf im Nachbarland geduldeten Gramm. Auf dem „Drogenpfad“, rechnet Antje Heymanns vor, Sprecherin der Kreispolizei Viersen, zählte die gleichnamige Ermittlungsgruppe im vergangenen Jahr bald 700 Verdächtige, 500 Anzeigen wegen Schmuggels, Diebstahls, Körperverletzungen. Außerdem 800 Platzverweise und Aufenthaltsverbote.

Illegale Szene könnte aufleben

Was viele nicht wissen: Der Besitz von Drogen wird geahndet, auch wenn er im Ausland stattgefunden hat. „Wir wohnen doch alle in Grenznähe“, sagte im Januar ein 21-Jähriger, wegen Drogenhandels vor Gericht. „Anfangs fahren viele für den Eigenbedarf. Später bringt man was für Freunde mit. So wurde es immer mehr.“ Im selben Monat fasste die Polizei am „Drogenpfad“ zwei Brüder aus Wuppertal, 15 und 13 Jahre alt und bekifft.

Die Freude über das neue Gesetz ist deshalb groß in Nettetal, doch neue Probleme könnten folgen. „Der Schuss geht nach hinten los“, unkt ein Mitarbeiter in der „Oase“, der „Johannes“ genannt werden will. „Dann wird der Stoff wieder auf der Straße vertickt.“ Denn wie einfach wird es sein, einen Holländer zu bitten, mal eben „was“ mitzubringen? Obwohl die „Haüsordnüng“ im „Roots“ das schon heute streng verbietet.

„Dann hast du wieder an jeder Ecke die Straßendealerdiebebengels“, heißt es im Internet. Die Zeitung „Trouw“ entwarf für Maastricht im Drei-Länder-Eck schon ein Szenario: „Leere Plastiktütchen im Gebüsch. Wer spazieren geht, wird binnen von fünf Minuten angesprochen von Jungs, die hier abhängen. Hasch oder lieber was Stärkeres?“ Und in der „Oase“ bekommen sie es ja mit: wie jetzt schon Telefonnummern weitergegeben werden und konspirative Adressen.

Denn der Bedarf bleibt: „Die Leute hören doch jetzt nicht auf zu kiffen“, sagt eine „Oase“-Angestellte. Allenfalls die Ärzte, Anwälte, „alten Frauen mit Rheuma“, die hier den „Querschnitt der Gesellschaft“ bilden, aber nicht illegal kaufen mögen. „Du kannst doch nicht so tun“, erregt sich Johannes, „als gäbe es diese Menschen nicht!“ Versuchsweise mussten ausländische Coffeeshop-Besucher in Maastricht bereits seit Herbst draußen bleiben. Folge: Der Straßenhandel nahm zu.

Verschärfte Kontrollen

Zudem stehen auch Arbeitsplätze auf dem Spiel, in Maastricht sollen es 360 sein, im ganzen Land rechnen Insider mit dem Zehnfachen. Denn auch alle anderen Provinzen werden den „Hanfpass“ in ihren fast 700 Coffeeshops zu Beginn des nächsten Jahres einführen. Die „Oase“ wird deshalb in Kürze keine mehr sein. 80 Prozent ihrer Kundschaft kommt bislang aus Deutschland, woher also künftig das Geld? „Drastische Maßregeln“ kündigte der Besitzer an, Ende dieses Monats „fällt der Vorhang“: „Roots“ wie „Oase“ machen dicht. Die Polizei wird bis dahin den Grenzverkehr verschärft kontrollieren. „Wir gehen davon aus“, so Sprecherin Heymanns, „dass sich viele noch eindecken wollen.“ Mit 20 Joints der Sorte „White Widow“ (Weiße Witwe) für weniger als 70 Euro, zum Beispiel.

 
 

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