Kaum noch Hoffnung für verschleppte Kurdin aus Detmold

Mit Hundertschaften suchte die Polizei in einem Wald bei Detmold nach der verschleppten Kurdin Arzu Ö. - vergeblich.
Mit Hundertschaften suchte die Polizei in einem Wald bei Detmold nach der verschleppten Kurdin Arzu Ö. - vergeblich.
Foto: dapd
Vor über drei Wochen wurde die junge Kurdin Arzu von ihrer eigenen Familie verschleppt, wohl weil sie sich in einen Deutschen verliebt hatte. Seither fehlt von ihr jede Spur. „Vieles spricht dafür, dass sie nicht mehr lebt“, sagt die Polizei.

Detmold.. Sie sind, sie waren vielmehr, die nette Familie von nebenan. Die Türken, die vor bald 30 Jahren kamen und sich so wunderbar integrierten. Immer „hilfsbereit“ und „einfach nur fleißig“. Ihr rotes Klinkerhaus, es ist gepflegt wie das der deutschen Nachbarn. Die zehn Kinder, eines wie das andere, wohlgeraten. Doch dann kam die Nacht, die alles veränderte. Es war am 1. November gegen 1.30 Uhr, als die 18-jährige Arzu Ö. in der Wohnung ihres deutschen Freundes von fünf ihrer Geschwister brutal überfallen und mit vorgehaltener Waffe verschleppt wurde. Seitdem fehlt von Arzu jede Spur, und mit jedem Tag schwindet die Hoffnung, dass sie noch lebt.

Hier, in diesem kleinen, etwas antiquiert wirkenden Bäckerladen an der Hornschen Straße, nahm die tragische Geschichte ihren Anfang. Hier lernte die hübsche Arzu Alex kennen. Alex K., den 21-jährigen Bäckergesellen. Im Sommer war das, als Arzu bei Ilse Müller, der Bäckersfrau, eine Urlaubsvertretung übernommen hatte, als sie, wie schon öfter, Brötchen und Kuchen verkaufte. „Bei denen hat’s gefunkt!“, erfuhr Ilse Müller nach ihrer Rückkehr von den Mitarbeitern. Und keiner ahnte, welches Drama sich da entwickeln sollte.

Ins Frauenhaus geflüchtet

Ilse Müller, sie kennt Familie Ö. schon seit mehr als 15 Jahren. Anfangs putzte Arzus Mutter die Bäckerei, später halfen die Kinder aus. Erst Sirin, die Älteste, die später studierte und nun Arzu. Ilse Müller nennt den Kontakt zu Familie Ö. einen nachbarschaftlichen. Aber es war wohl mehr, Weihnachten etwa waren die Müllers öfter bei ihren Nachbarn zum Essen eingeladen, und als Arzu irgendwann verschwunden war, heimlich vor der familiären Gewalt ins Frauenhaus geflüchtet, da saß Arzus Mutter weinend bei den Müllers am Tisch. Ob sie nicht wüssten, wo ihre Tochter sei.

Nach und nach muss die Situation im Hause Ö. eskaliert sein. Arzu sei anfangs so glücklich gewesen, habe ihren Eltern vorgeschlagen, ihnen Alex vorzustellen. So erzählt es Ilse Müller. Doch danach habe es Prügel gegeben. Und je mehr Arzu erzählte, um so mehr sei sie geschlagen worden. „Wir haben Arzu einige Zeit nicht gesehen. Sie ist im Krankenhaus gewesen, erzählte uns, sie sei vom Fahrrad gefallen“, sagt die Bäckersfrau.

Die Ö.s, das muss man wissen, sind Jesiden, Mitglieder einer orthodoxen kurdischen Religionsgemeinschaft, die all jene ausschließt, die nicht innerhalb ihrer Gemeinschaft heiraten. Offenbar war genau das Arzus Problem. Zudem hatte sie gerade ihren Realschul-Abschluss verpatzt. Fortan wird sie zu Hause eingesperrt, darf auch bei Müller nicht mehr arbeiten. Und ihr Vater telefoniert nun in die Türkei, um dort einen Mann für sie zu finden.

Aussehen verändert

Irgendwann gelingt Arzu die Flucht. Sie sucht Hilfe bei der Polizei, wird in einem Frauenhaus untergebracht. Sie erhält sogar eine neue Identität, verändert ihren Namen, ihr Aussehen. Das lange schwarze Haar lässt sie abschneiden, blond färben. „Sie wollte unbedingt in der Nähe von Detmold bleiben“, erklärt Birgit Hoffmann, die Geschäftsführerin des Bielefelder Mädchenhauses, die Arzus Geschichte kennt. Doch dann macht Arzu jenen Fehler, vor dem man sie gewarnt hat. Sie trifft sich mit Alex, sie übernachtet gar bei ihm in Detmold. Ein verhängnisvoller Fehler, denn sie werden beobachtet. Am 1. November schlagen die Geschwister zu, dringen mit Gewalt in die Wohnung ein. Arzu wehrt sich vergeblich. Alex, ihrem Freund, wird bei dem Überfall ein Finger gebrochen.

Über drei Wochen ist sie nun verschwunden, ihre vier Brüder und Sirin sitzen seitdem in Untersuchungshaft und schweigen. Sie schweigen, wie auch der Vater und die Mutter, wie die Verwandten und die gesamte jesidische Gemeinschaft in der Region. „Viel spricht dafür, dass sie nicht mehr lebt“, sagt auch Martin Schultz, der Sprecher der Bielefelder Polizei.

Zeugen hörten Schüsse in der Tatnacht

Hubschrauber kreisten, Hundertschaften und Leichenspürhunde durchsuchten die Wälder. Nichts. Dabei hatten Zeugen in der Tatnacht Schüsse gehört. Ganz in der Nähe, in einem Wald. Doch die Hunde schlagen dort auf der Suche nach Arzu nicht an.

„Sie ist ein so hübsches, so nettes Mädchen“, sagt eine Nachbarin und dass sie sich wünscht, dass Arzu noch lebe. Nur glauben mag das kaum noch einer in dem Ort Remmighausen bei Detmold. Nicht die Bäckersfrau Ilse Müller, nicht die Nachbarn. Und Alex, Arzus Freund, er hält sich seit jener Nacht versteckt. „Er hat Angst!“, sagt Ilse Müller. „Verständlich und nicht unbegründet!“, sagt Polizeisprecher Schultz.

Bruder bestätigte, dass Arzu verschleppt wurde

Kemal Ö., der 25-jährige Bruder Arzus, ist der einzige, der bislang bei den Vernehmungen redete. Er bestätigte, dass Arzu verschleppt worden sei, er wisse jedoch nicht wohin. „Mein Mandant war von den Geschwistern angerufen worden, sie wüssten, wo Arzu sich aufhalte ... Er versuchte vergeblich, sie von der Entführung abzuhalten. Als die Schwester und ein Bruder mit Arzu im Auto verschwanden, fuhr er nach Hause“, sagt Rechtsanwalt Detlev Binder. Kemal Ö. sei nicht davon ausgegangen, dass sie der Schwester etwas antun könnten.

Es gibt Leute in Remmighausen, die genau das bezweifeln. Denn inzwischen weiß man, dass einer der Brüder schon vor Arzus Flucht ins Frauenhaus gesagt haben soll: „Das Beste wäre, man würde sie im Wald verscharren!“

 
 

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