Jugendliche schreiben Emscher-Buch - Die Saga von der Köttelbecke

Junge Autorinnen: Insgesamt 70 Jugendliche aus dem Revier haben mitgewirkt an „Stromabwärts“.
Junge Autorinnen: Insgesamt 70 Jugendliche aus dem Revier haben mitgewirkt an „Stromabwärts“.
Foto: Tim Schulz / WAZ FotoPool
Jugendliche aus dem ganzen Ruhrgebiet haben gemeinsam ein Emscher-Buch geschrieben. „Stromabwärts“ ist eine Geschichte, die ständig im Fluss blieb - ein „Roadmovie“ über die Köttelbecke. 13, 14, 15 Jahre alt sind die jungen Nachwuchsautoren aus Dortmund, Castrop-Rauxel, Herten, Gelsenkirchen, Bottrop, Oberhausen und Duisburg.

Ruhrgebiet.. Es schwimmt ein Goldfisch in der Emscher, über ihren Wassern leidet Lucy Liebeskummer, und Emscher-Elf ist gar keine Fußball-Mannschaft, sondern eine Fluss-Fee in Jungsgestalt. Geschichten gibt es aus der Köttelbecke, die ahnte ja keiner. Bis 70 Jugendliche aus sieben Städten an ihrem Ufer sie aufgeschrieben haben: „Stromabwärts“ ist ein Roadmovie geworden – ein Roman im Fluss.

Er erzählt vom 16-jährigen Felix, der aus Dortmund abhaut, von Ella, seiner russisch-stämmigen Freundin, von einem Detektiv, der regionsangepasst Malakoff heißt, und vor allem natürlich von der Emscher: diesem verachteten Stinke-Bach, der im Buch eine Seele hat und sogar Gefühle.

Verletzt ist er, weil sie ihn in Duisburg „Alte Emscher“ nennen, und nicht ganz zu Unrecht beleidigt, weil man ihm einst, als man ihm das Bett aus Beton goss, nicht Bescheid sagte: „Schon fies, keiner hatte mich gefragt.“

Saskia Warmers aus Dortmund hat dem Flüsschen diese Worte zugeschrieben, in einer Schreibwerkstatt, der wie allen anderen ein Besuch an der Emscher vorausging. Die Schüler kannten deren Lauf, natürlich, sie wohnen allesamt in seiner Nähe, manche gar in Riech-Weite.

Und doch war er für die meisten „die Köttelbecke“, ein gefährlich reißendes Wasser mit hohen Zäunen an seiner Seite, ein verbotener Ort. Und davon, dass diese Emscher nun renaturiert wird, wussten die meisten – nichts.

Schichtwechsel per Flaschenpost

Also sind sie eingetaucht – gottlob nur im übertragenen Sinne – : Hauptschüler, Gesamtschüler, Gymnasiasten haben den Geschichten über den Revierfluss neue hinzugedichtet. Angeleitet vom Friedrich-Bödecker-Kreis NRW, dem die Literatur-Vermittlung an Schulen eine Kernaufgabe ist; der mit Emscher-Genossenschaft, Familienministerium, RAG-Stiftung, Initiativkreis Ruhr und anderen die nötigen Geldquellen anzapfte. Wochenweise brüteten die Jugendlichen über ihren Kapiteln, reichten sie jeweils freitags über die Stadtgrenzen hinweg per Flaschenpost weiter: „Schichtwechsel“ nennen sie das.

Und alles ist gemündet in ein Buch: 145 Seiten, auf dem Deckblatt die Brücke „Slinky Springs of Fame“ in Oberhausen (die auf dem Foto allerdings den Kanal überspannt).

„Schon komisch“ fühlt sich das für Anna Matheußek aus Gelsenkirchen an, „aufregend, ganz neu für uns“, sagt Ceyda Özen aus Bottrop. Die meisten aber finden es, wie Annika Lennartz aus Castrop-Rauxel, „cool, ‘ne Autorin zu sein“, mit 13! Oder ein Autor, Jungen gab es im Projekt ja auch. „Man kann sagen, das Buch ist mein eigenes, es gehört einem zum Teil.“

Aber ist es nun Krimi, Liebesgeschichte, Fantasy-Roman? „Bei so vielen Autoren“, sagt Inge Meyer-Dietrich, „ist immer Platz für Randgeschichten.“ Die preisgekrönte Kinder- und Jugend-Schriftstellerin aus Gelsenkirchen hat das Schreibprojekt gemeinsam mit dem freien Texter Sascha Pranschke geleitet – und schnell gelernt: „Ein fantastischer Abzweig ist für viele interessant.“

In dem Alter zumal: 13, 14, 15 Jahre alt sind die jungen Nachwuchsfedern aus Dortmund, Castrop-Rauxel, Herten, Gelsenkirchen, Bottrop, Oberhausen und Duisburg; die erfanden schon im dritten Kapitel eine Hexe, die in der Emscher ertrinkt, und im zweiten sprechende Fische. Und auf Seite 85 kommt mit den Bottroperinnen die Liebe: „Wir haben’s erst mal zu ‘nem Roman gemacht“,sagt Ceyda. „Liebe und so, das ist voll mein Ding.“

Der Tote war am Ende „nur“ ein Hund

Annika hingegen „wollte unbedingt einen umbringen“, erinnert sich Sarah Meyer-Dietrich vom Bödecker-Kreis. Der Tote war am Ende „nur“ ein Hund, und so eine Geschichte „kann immer auch einen Strang Horror haben“. Vanessas Vater hat das Gemeinschaftswerk bereits gelesen. „Hammer“, soll er gesagt haben, „wie das zusammen passt.“

Deshalb wird die Flaschenpost weiter durchs Revier reisen, es gibt einen zweiten Roman. Das Nachfolge-Projekt wächst schon in den Köpfen, diesmal geht es zu geheimnisvollen Plätzen zwischen Witten und Unna. Felix und Ella sollen wieder mitspielen, eine Hellseherin vielleicht, ein verstorbener Vater, Mord in Westerholt!?

Etwas Multi-Kulti wollen die jungen Autoren diesmal einbringen; von syrischen Flüchtlingen kamen sie schnell auf Kenia. Aber da haben die Profis bereits gebremst: „Wir haben doch so spannende Orte hier.“

 
 

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