Juden im Ersten Weltkrieg - Für den Kaiser im Krieg, von den Nazis verfolgt

Hayke Lanwert
Die Essener Familie Raphael im Ersten Weltkrieg.
Die Essener Familie Raphael im Ersten Weltkrieg.
Foto: Ralf Rottmann
Auch Essener Juden meldeten sich im Ersten Weltkrieg freiwillig, ihrem Vaterland zu dienen. 740 von ihnen zogen an die Front, 70 fielen. Doch die Hoffnungen, durch den Einsatz den Antisemitismus zu überwinden, wurden enttäuscht. Wer überlebte, wurde wenige Jahre später von den Nazis verfolgt.

Ruhrgebiet. Fritz Hoffmann ist gerade einmal 19 Jahre, als er sich freiwillig meldet, in diesen Krieg zu ziehen. Es ist Sommer 1914, und der Medizinstudent aus Essen sollte lange Jahre an der Front kämpfen. Wie viele anderer Juden sehnt er sich danach, seinem Vaterland zu dienen. Zweimal wird es ihm auch gedankt. Zuerst mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse, später zeichnet ihn Reichspräsident Hindenburg gar mit dem Ehrenkreuz aus. Später - und das entbehrt nicht der Ironie - heißt 1935, also kurz bevor der Arzt vor den Nazis in die USA flüchten muss.

3700 jüdische Bürger zählt Essen im Jahr 1914. Die Ruhrgebiets-Stadt prosperiert, ihre jüdische Gemeinde ebenso. Vor einem Jahr erst hat sie ihre neue Synagoge eröffnet. Ein Prachtbau, einer der schönsten im Land. Essens Juden sind zumeist liberal, viele gehören der bürgerlichen Mittelschicht an. Und nun hat Wilhelm II., ihr Kaiser, diese Thronrede gehalten: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“. Wer also wollte sich dem entziehen? Auch 740 jüdische Männer aus Essen marschieren in den Ersten Weltkrieg, 32 von ihnen freiwillig, 70 fallen am Ende für ihr Land.

Weltkrieg„Man fühlte sich beobachtet, war darauf bedacht, sich genauso patriotisch zu verhalten wie die christliche Bevölkerung“, sagt Uri Kaufmann, der Leiter der alten Synagoge Essen. Fritz Hoffmann, der Medizinstudent also geht, wie auch der Kaufmann Felix Raphael, der Schneider Isidor Rosenthal oder Hugo Stern, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg Richter am Essener Landgericht werden soll. Vier unter Hunderten.

Rabbiner hält Kriegsvorlesungen

Wie alle anderen Deutschen sind sie davon überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Und selbst Salomon Samuel, ihr Rabbiner in der Essener Synagoge, hält in diesem Winter 1914/15 unter dem Titel „Bibel und Heldentum“ fünf so genannte Kriegsvorlesungen. Er, der zur Elite des liberalen Judentums in Deutschland zählt, zitiert biblischen Begründungen für diesen Krieg. Erst als dieser die Soldaten zermürbt, als erstmals Gas eingesetzt wird, nimmt Samuel mehr und mehr Abstand.

So wie alle langsam wach werden ob der Grausamkeiten der Kämpfe, des Hungers an der Heimatfront. Für die jüdische Bevölkerung jedoch kommt eine weitere Ernüchterung hinzu. Die Hoffnung, mit ihrem Einsatz für das Vaterland endlich den latenten Antisemitismus überwinden zu können, trügt. Bald heißt es, die Juden in Deutschland zeigten nicht so viel Einsatz wie die Christen, bald reagiert die Heeresleitung auf die judenfeindliche Unterstellung und veranlasst eine „Judenzählung“ der Frontkämpfer. Der Vorwurf indes erweist sich als falsch, die Zählung wird geheimgehalten.

Und der Krieg geht weiter. Martha David ist 21 Jahre jung auf dem Foto, das sie in der Tracht einer Krankenschwester des Roten Kreuzes im Schnee im nordfranzösischen St. Souplet zeigt. Martha überlebt, heiratet später Moritz Simon und führt mit ihm zusammen im Essener Nachbarort Steele das Konfektionsgeschäft „Witwe A. Koppel“. Zur 11. Armee nach Mazedonien verschlägt es Paul Lazarus. Der gebürtige Duisburger ist als zweiter Rabbiner in der Essener Synagoge tätig, bevor er 1916 als einer von insgesamt acht deutschen Feldrabbinern Soldaten seelsorgerisch betreut.

Jüdische Frauen helfen in Lazaretten

Zuhause, in Essen, helfen jüdische Frauen in den Lazaretten, sammelt die Gemeinde eifrig für Kriegsanleihen und Georg Simon Hirschland, der Bankier, verzichtet darauf, das 75-jährige Firmenjubiläum seines Hauses zu feiern, spendet stattdessen 75 000 Mark für die Kriegsfürsorge. „Ich vermute, am Ende des Krieges sind viele Juden ernüchtert. Die Judenzählung, das liest man in vielen Memoiren, hat sie enttäuscht, sie wirkt lange nach. Hinzu kommt, dass man ihnen in der Lebensmittelkrise 1918/19 vorwirft, sie machten Geld mit dem Hunger der Menschen, weil es unter ihnen Getreide- und Viehhändler gab“, erklärt der Historiker Uri Kaufmann.

Die 1919 in der Essener Synagoge angebrachte Gedenktafel für die 70 jüdischen Gefallenen wird dort jedenfalls nicht einmal 20 Jahre hängen. In der Reichspogromnacht im November 1938 verschwindet sie oder wird zerstört. Niemand weiß Genaues.

Fritz Hoffmann, der Medizinstudent, der sich freiwillig in den Krieg gemeldet hat, flüchtet just in diesem Jahr vor den Nazis aus seiner Heimatstadt Essen. Es gelingt ihm, in die USA zu emigrieren und sich mühsam eine neue Existenz als Arzt in Chicago aufzubauen. Doch er überlebt. Salomon Samuel, der liberale Essener Rabbiner, er stirbt im KZ Theresienstadt.