In die Kleiderkammer durch die Hintertür

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Dies ist die Geschichte, wie eine junge Familie alles verlor – und ein Achtjähriger Freunde, Fahrrad und sein Lachen.

Essen. Niemals sprach die Frau über ihre Not, aber man sah sie ihr an. Die adrette, gut gekleidete, sorgfältig frisierte Frau, die lebhafte junge Mutter war mit der Zeit einfach verschwunden. Das Elend, so erzählt es Brigitte Mey, die die Frau über viele Jahre kennt, die schon ihre Eltern kannte, grub tiefe Falten in ihr abgemagertes Gesicht. „Als wenn einer das Licht ausknipst.“ Dabei ist die Frau erst 34. Aber abgerutscht, gemeinsam mit ihren beiden Kindern, vier und acht Jahre alt, aus einem bürgerlichen Leben – in ein ungewisses Nichts.

Dass man die im Dunkeln nicht sieht, hat auch viel mit ihrer Scham zu tun. Die Frau hat uns ihre Geschichte selbst erzählen wollen und auch wieder nicht. Nur anonym, bitte, an einem unverfänglichen Ort, weit weg von der Wohnung, für die sie die Nebenkosten nicht mehr bezahlen konnte, wo der Vermieter mit Rauswurf drohte, wo die Nachbarn trotzdem nichts wussten von ihrer Armut, von ihren Schulden. Niemand sollte davon wissen, doch Brigitte Mey hat es gesehen: Der Leiterin eines Essener Familienzentrums fiel auf, wie sich die Frau veränderte. „Von Monat zu Monat zog sie sich mehr zurück, sie pflegte sich kaum mehr, machte sich nicht mehr zurecht. Man sah es an ihren Klamotten.“

Diese Klamotten, die Mey kannte aus der hauseigenen Kleiderkammer, die hier „Stöberstübchen“ heißt und eine Art Kaufhaus ist, nur ohne Kaufen. Mit Kinderabteilung, Spielzeugabteilung, Hygieneabteilung, bloß ist jede Abteilung nicht viel mehr als ein Schrank. Die Frau kam häufiger, immer durch einen versteckten Hintereingang, und oft nahm sie auch das Brot mit, das hier manchmal bereitliegt. „Die Kinder haben sich kaputtgefreut, wenn sie etwas bekamen. Sie hatten nie das, was andere Kinder haben.“

Eine Krankheit, unter der alle litten

Das heißt, sie hatten es schon, früher, deshalb kennen sie den Unterschied. Der Ältere aus der Zeit, als der Vater noch da war, als beide Eltern gute Arbeit hatten. Doch der Vater nahm sich das Leben, wenig später verlor seine Witwe ihren Job. Sie fand einen neuen Mann, einen guten, glaubte sie. Mit ihm bekam sie einen zweiten Sohn. Doch dann ging er nicht mehr arbeiten, gab mehr Geld aus, als da war, verdaddelte die Sozialhilfe und auch noch das Putzgeld, das die Frau verdiente. Er ist spielsüchtig, weiß man jetzt, „eine Krankheit“, sagt Brigitte Mey, unter der die ganze Familie litt.

400 Euro allenfalls hatte die Mutter noch für alle zum Leben, trotzdem wäre sie „eher umgefallen vor Hunger, als ihren Kindern kein gutes Frühstück mitzugeben“. Die Söhne hielt sie sauber und ordentlich, nur „Bedürfnisse durften sie nicht mehr haben“. Ein kleines Geburtstagsgeschenk, vielleicht, aber nicht für ihre Freunde: Also wurden sie nicht mehr eingeladen. Weil das Fahrgeld zum Fußballtraining fehlte, fiel das Training aus. Nicht mal mehr in die Ganztagsschule konnte der achtjährige Sohn gehen, weil die Mutter das Mittagessen nicht bezahlen konnte. „Sie mussten auf alles verzichten.“ Und die anderen Kinder nannten die beiden „Asi“, das kommt von „asozial“.

Der Achtjährige lachte nicht mehr

Den achtjährigen Sohn, eigentlich ein aufgewecktes, fröhliches Kerlchen, sah seine frühere Erzieherin kaum mehr. Nur manchmal, sehr selten, auf der Straße: „Er schlich an der Wand entlang.“ Er, der sonst mit dem Fahrrad kam, er, von dem Brigitte Mey immer sagte, er habe einen Clown gefrühstückt, jeden Tag: Das Fahrrad war weg, und das Kind lachte nicht mehr. „Er hat alles verloren, was ihm lieb war.“ Vorsichtige Fragen beantwortete er mit „Alles Mist“ oder: „Ich will nicht nach Hause.“

Sonst sagte er nichts. Die Mutter auch nicht. „Geht schon“, allenfalls, und nur selten Sätze wie „Früher war es besser“. Einmal war Brigitte Mey bei ihr zuhause, in einer liebevoll eingerichteten Wohnung, in der aber alles Wertvolle fehlte: der Fernseher, die Stereoanlage, das elektronische Spielzeug. Und der Schmuck der Frau, auch die Kette, die sie immer getragen hatte. „Es war ihr unendlich peinlich.“

Trotzdem hatte sich die Frau durchgerungen, ihre Geschichte zu erzählen. Es wäre mühsam gewesen, glaubt Brigitte Mey, sie hätte sich nur langsam geöffnet, nie hätte sie ihrem Gegenüber in die Augen gesehen. Doch es kam nicht mehr dazu: Wenige Tage vor dem Gespräch ist die Frau geflohen. Vor ihrem Mann, der ihr alles nahm, was sie besaß, am Ende auch ihre Würde und ihre Gesundheit. Sie ging, mit ihren beiden Söhnen, in ein Frauenhaus in einer anderen Stadt. Die Kinder, sagt sie, seien sehr froh.

 
 

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