Immer weniger Reihengräber - Das Sterben der Friedhöfe

Die Friedhofsgebühren steigen, während sich immer weniger Menschen für klassische Reihengräber entscheiden.
Die Friedhofsgebühren steigen, während sich immer weniger Menschen für klassische Reihengräber entscheiden.
Foto: WAZ
Die Friedhofsgebühren steigen, während die Nachfrage nach Reihengräbern sinkt: Die Menschen sterben später und werden billig und platzsparen beerdigt. Die Folge: Vereinzelt werden Friedhöfe geschlossen, viele werden verkleinert werden.

Ruhrgebiet. Alfred Scholl geht es ums Prinzip. Zusammen mit anderen Duisburgern hat er im November letzten Jahres eine Bürgerinitiative gegründet, gemeinsam wollen sie ihren Friedhof im Duisburger Stadtteil Essenberg retten. „Es ist ja nicht nur, dass da unsere Ahnen liegen. Das ist ein grundsätzliches Problem, dass da wegen der Kosten ein ganzer Friedhof weichen muss“, empört er sich. Die Stadt will den 107 Jahre alten Gottesacker mittelfristig schließen, er ist schlicht zu teuer. „Wir haben zu viel Friedhofsfläche für die Nachfrage hier“, sagt Volker Lange von den Wirtschaftsbetrieben Duisburg.

Da schleicht sich ein Trend an, ist Thema in Fachkreisen, aber noch kaum in der Öffentlichkeit: Die Friedhöfe sind zu groß, vereinzelt wird es zu Schließungen kommen, bestimmt zu Verkleinerungen. Weil Menschen später sterben, weil viele sich billig und platzsparend beerdigen lassen. Holzwickede etwa ist gerade drauf und dran, rund ein Zehntel seines Friedhofs zu Bauland umzuwidmen. Der Kaufpreis fließt in die Etat-Sanierung.

Bestattungskultur ändert sich: Weniger Gräber, mehr Urnen

Der Hamburger Landschaftsarchitekt und Friedhofsexperte Andreas Morgenroth weiß: „Die Bestattungskultur hat sich irreversibel gewandelt.“ Eine Entwicklung, die nach der Wende angefangen habe. „In der DDR war Fläche knapp, anonyme Stätten oder Gemeinschaftsgräber wurden propagiert“. Das Friedhofskonzept kam auch im Westen gut an – weil es als günstige Lösung erschien. Aus demselben Grund steigt auch die Nachfrage nach preiswerteren Urnengräbern, so der Experte.

Bergkamen illustriert einen Wandel, der im ganzen Ruhrgebiet vor sich geht. Die Zahl der Begräbnisse ging im letzten bilanzierten Jahr von 254 zurück auf 226, davon waren noch ganze 26 Wahlgräber (-44) und 23 Reihengräber – in der Regel die teuersten Bestattungsformen. Dagegen standen 77 Urnen, 30 Urnenreihen- und Urnenbaumgräber und 30 anonyme Rasenreihenbestattungen (+100 Prozent!).

Gebühren steigen

Bergkamen ist überall und die Folge: Die Kalkulation geht nicht mehr auf. Nach einer Studie von „Bestattungen.de“ hätten Kommunen die Friedhofsgebühren 2012 „bis zu 140 Prozent erhöht“. Da haben sie natürlich ein paar abgelegene, sensationelle Beispiele ausgesucht, Fakt aber ist: Die Gebühren steigen. Sie sind sehr unterschiedlich und kaum zu vergleichen, Unterschiede gibt es in Fläche und Nutzungsdauer, in Arbeits- und Erwerbskosten, bei der Einbeziehung von Kühlhaus oder Trauerhalle bis zu Posten wie „Entsorgung eines liegenden Grabmals auf einem Reihengrab“. Aber fest steht: Sie steigen.

Immer weniger zu Beerdigende teilen sich wachsende Kosten, „das ist eine Spirale, die sich beschleunigt“, sagt Martin Lehrer vom Städte- und Gemeindebund NRW: „Da hilft nur, die Friedhofsflächen neu zuzuschneiden und mit den Restflächen etwas anderes zu machen.“ Natürlich nichts Beliebiges: Disco direkt am Friedhof oder ein Busbetrieb, das gehe nicht. Fachleute schätzen inzwischen den „Friedhofsflächenüberhang“ in Großstädten auf 25 bis 30 Prozent.

Flächen in Parks umwandeln

Die Friedhofsverwaltungen seien jahrelang einem Denkfehler aufgesessen, sagt Andreas Morgenroth: „Wenn immer weniger und immer kleinere Gräber vergeben werden, bleibt freie Fläche übrig, die die Kommunen pflegen müssen.“ Konsequenz: sinnlos brach liegendes Land. Das ließe sich indes durchaus nutzen. Die meisten Friedhöfe seien zwiebelartig, Ring für Ring gewachsen. „Genauso kann man die Friedhöfe auch wieder Stück für Stück zurückbauen und die gewonnene Fläche zum Beispiel in Parks umwandeln.“

Es gibt auch andere Seiten, positiv wirkt sich der Wandel zum Beispiel aus in Witten: „Bei uns war lange die Angst, dass auf den Friedhöfen kein Platz mehr ist“, sagt Detlef Kottowski aus der Abteilung Grünflächen: „Jetzt ist die Situation entspannt. Entwidmen? Kein Gedanke.“ Und der „Bund der Steuerzahler“ empfiehlt, wegen der großen Gebührenunterschiede sich zumindest auch über die Kosten in der Kommune nebenan zu informieren. Man habe zwar nur einen Rechtsanspruch, im Wohnort bestattet zu werden, „häufig bieten Kommunen aber an, dass Auswärtige . . . beerdigt werden.“

Logisch.

 
 

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