"Ich will keine Spiralen auf dem Busen sehen"

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Düsseldorf. Große Roben, kleine Zielgruppe: Die Stars der Modeszene präsentieren derzeit ihre Kreationen in Mailand, Paris und Rom. Gabriele Orsech, künstlerische Leiterin der Modeschule AMD, spricht mit DerWesten über aktuelle Trends, Mode-Metropol und erklärt, warum "verrückt sein" nicht ausreicht

Seit Montag finden die "Alta Moda"-Tage in Rom statt, in der vergangenen Woche gingen die Pariser Couture-Schauen zu Ende: Haben die klassischen Modemetropolen nach wie vor einen unangefochtenen Status als Trendsetter?

Orsech: In Städten wie New York und Tokio finden zwar renommierte Modeschauen statt, aber wirkliche Modemetropolen sind andere. Viele international renommierte Designer sitzen in oder kommen heute aus Antwerpen. Das ist ein ganz bestimmter belgischer Stil, der sich dort etabliert hat. Parallel sind auch die Niederlande und weiterhin London interessant – und Skandinavien, vor allem was den jüngeren und den sportiveren Sektor angeht, da passiert sehr viel. Der Norden hat generell den Süden abgelöst, wenn es um eine stilistische Orientierung oder Aussage geht, die interessanten Impulse kamen in den letzten Jahren von dort. Die USA, Deutschland, Italien sind nach wie vor eher klassisch, etwas kommerzieller orientiert. Belgien, England und die Niederlande sind innovativer, schräger. Aus meiner Sicht wird zukünftig aber vor allem der Osten den Ton angeben. Ich habe extrem begabte russische und polnische Studenten, immer und immer wieder.

Wofür könnte der Osten stilistisch stehen?

Orsech: Für eine ganz eigene Design-Sprache sogar. Im Moment ist das natürlich das klassische Neureichen-Verhalten, das wir in all den Ländern vorfinden, die jetzt dieses Thema für sich entdecken und ein enormes Nachholbedürfnis haben, Russland und Polen etwa. Wenn die sich ein bisschen befreit haben in nächster Instanz, dann kann das stilistisch ein sehr interessanter Markt werden, mit einem hohen künstlerischen und kreativen Faktor.

Wie viel Einfluss nehmen die Kreationen etablierter Modeschöpfer überhaupt auf Trends, die sich auf den Straßen durchsetzen?

Orsech: Für Haute Couture-Kollektionen wie die von Gaultier oder Valentino gibt es immer weniger Kundinnen, weltweit sind es vielleicht noch knapp 150. Einzelanfertigungen wie ein Kleid, das 20.000 Euro kostet, sind einfach nicht marktfähig. Dafür ist die Mode, der Konsum zu schnell - Haute Couture ist eine Sache der Superreichen und dabei bleibt's. Aber die Prêt-à-Porter-Trends, die auch über die Schauen in London, Paris und Mailand transportiert werden, setzen sich durch. Die großen vertikalen und kommerziellen Anbieter wie H&M und Zara betreiben dabei oft regelrechten Silhouetten-Klau: Sie haben zum Teil "Eins zu Eins"-Kopien vom Laufsteg schneller in ihren Läden hängen als die eigentlichen Designer - weil sie andere Auflagen haben und damit verbunden auch schneller arbeiten können.

Welche Tipps geben Sie nun Ihren Schülern: "entwickelt etwas Verrücktes" oder "orientiert euch an Mainstream-Trends"?

Orsech: Mode bezieht sich auf Menschen, das heißt, man muss überlegen, wie Menschen denken und fühlen. Modeschüler sollten viel lesen, viel sehen, müssen auch sehr gut Bescheid wissen über soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungen. Es geht um ein eigenes Konzept und um eine gewisse Handschrift und Seele, die so ein Produkt im Bestfall verkörpern sollte. Man muss sich entscheiden, will man sofort Geld verdienen - dann bietet sich ein Angestelltenverhältnis an - oder will man den langen Weg der Selbständigkeit gehen. In dem Fall sind Förderprogramme und Wettbewerbe eigentlich fast die einzige Möglichkeit. Man muss sich dabei unbedingt am Ausland orientieren, wir haben in Deutschland nicht die Kunden, die innovatives Design schätzen und konsumieren, die sind in den Metropolen und im Moment vor allem im Osten: Märkte in Russland, China, Japan.

Sie erwähnen Förderprogramme, wie verläuft heute der Einstieg in die Branche?

Orsech: Man muss entweder internationale Wettbewerbe gewinnen oder schon von Haus aus über so viel Geld verfügen, dass man sich an Modemessen beteiligen kann. Manchmal ist das gar kein langer Weg, es reichen oft wenige Schauen aus, um eine internationale Reputation zu erreichen. Eine Show zu finanzieren ist aber unglaublich teuer. Je nachdem, wo und in welchem Umfang, rangieren die Kosten im professionellen Bereich zwischen 20 und 100.000 Euro. Es gibt Förderprogramme, leider verstärkt im Ausland. Wenn es um internationales Design geht, dann passiert das nach wie vor in London, Paris, Mailand.

Wer kann an solchen Wettbewerben teilnehmen?

Orsech: Die Schüler bewerben sich mit ihrer Abschlusskollektion oder mit einer Kollektion, die es ein, zwei Jahre gibt - das hängt von den Bedingungen eines solchen Wettbewerbes ab. Da gibt's das bekannte Nachwuchsförderprojekt "Hyères Fashion" oder den "Onward New Designer Fashion Grand Prix" aus Tokio. Insgesamt sind es nur einige wenige, aber die sind dann international bekannt und auch recht hoch dotiert. Zu gewinnen gibt es dann zum Beispiel beim italienischen Wettbewerb "ITS" ("International Talent Support", Anm. d. Red.) eine Schau in London – das ist dann das Sprungbrett.

Was war aus Ihrer Sicht der wichtigste Modetrend der vergangenen Jahre?

Orsech: In den letzten Jahren gab es einen Bruch mit der Armutsästhetik und einen Trend hin zu einer extrem eleganten, fast schon Couture-ähnlichen Aussage in der Mode. Eine Schlüsselkollektion war für mich Jil Sander. Vor allem die Farbästhetik, das ist etwas, was ich als neu erachte. Bei all dieser Schlichtheit hat es der Chefdesigner Ralf Simons geschafft mit ganz klaren Farben einen völlig neuen Aspekt einzubringen. Wenn es um Silhouetten geht, ist es sicherlich Nicolas Ghesquière, Chefdesigner des Labels Balenciaga, der das Tempo vorgibt. Und ich finde nach wie vor, dass wunderschöne, auch tragbare Kollektionen aus Belgien kommen. Verrückt ist auch nicht immer gut - innovativ ist immer gut. Ich will selbst im akademischen Bereich keine Spiralen auf dem Kopf oder auf dem Busen sehen. Aber eine gewisse Innovation in der Silhouette, in den Proportionen und eben auch in der Material- und Farbkonzeption, das ist es. Und das ist das Schwierigste.

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