Hochhausgetto? Aber nicht die Hustadt!

Hubert Wolf
Sonnenschirm raus: Derzeit ist die Hustadt sonnenbeschienen.
Sonnenschirm raus: Derzeit ist die Hustadt sonnenbeschienen.
Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services
Sie begann als Wohnstadt der Ruhr-Uni in Bochum. Dann kamen schwierige Jahre. Aber jetzt ist die Hustadt deutlich auf dem Weg der Besserung.

Bochum. Sherif Yildirim kennt jene Hustadt noch, die nicht von der Sonne beschienen war und die nicht in frischem gelb, orange oder blau mit ihrer Umgebung flirtete. „Glauben Sie mir, das hier war das dreckigste Haus, da wären Sie nie hineingegangen“, sagt der 41-Jährige: „Müll im Flur, Schmierereien an den Wänden, die Briefkästen kaputt.“ Schwer vorzustellen heute, sagen aber alle.

Bochums Trabantenstadt Hu-stadt entstand in den 60er-Jahren, überwiegend als Hochhaussiedlung. 1200 Wohnungen, gestapelt für die Leute von der neuen Uni. So baute man damals: in Dortmund Scharnhorst oder Clarenberg, in Essen Isinger Feld oder Bergmannsfeld; man findet die Großsiedlungen in Gelsenkirchen, Duisburg, Heiligenhaus – überall.

Geschosswohnungsbau gegen die Wohnungsnot

Sie entstanden, um die Wohnungsnot der Nachkriegszeit endgültig zu beheben. Und für die erste Mietergeneration waren sie oft ein echter Fortschritt: endlich Zentralheizung – und nicht mehr das Klo auf der halben Treppe.

Was den Geschosswohnungsbau so attraktiv machte, kann man noch heute der Wohnung von Jelal Akbal ansehen, die im ehemals drec­kigsten Haus im 2. Stock liegt: die pure Größe von 117 Quadratmetern, die zwei Balkone, die zwei Kinderzimmer. „Es gab damals keine große Wohnung in Bochum“, sagt Akbal, der im Jahr 2000 als kurdischer Flüchtling mit Frau und sechs Kindern kam: „Heute ist alles gut.“ Vom Balkon schauen sie in einen anderen Vorteil der Trabantenstadt: begrünte Innenhöfe und Plätze, und Autos müssen draußen bleiben.

Freilich war das im Jahr 2000 längst nicht mehr die heile Hu-stadt. Das Milieu war gekippt, viele sozial Schwache, Arme, Ausländer zogen her in Sozialwohnungen, grau und gefährlich wurde die Hu­stadt. Yildirim erinnert sich an Mitte der 90er-Jahre, als er Abitur machte und Mitschüler ihn baten, sie doch mal durch die Hustadt zu führen, wo er aus offensichtlich unerfindlichen Gründen wohnte: „Sie guckten, als würden sie in die Bronx gehen.“ Und ganz falsch war das wohl auch nicht, „wir waren auf dem Weg zum Getto“, erinnert sich der 41-jährige Dolmetscher.

Leerstand lag einmal bei 20 Prozent

So konnte es nicht weitergehen. Der Leerstand lag bei 20 Prozent. Die Stadt und das Wohnungsunternehmen VBW nahmen sich des Querenburger Schmuddelkindes an. Sie erneuerten von 2008 an bis heute Fassaden, Fenster, Dämmung, Plätze, Spielplätze – gerade mal, dass sie einen Stein auf dem anderen ließen, Abriss gab es nicht.

Sie investierten auch in Beteiligung, Betreuung und Bürgerprojekte, und bis heute bewohnen Steuerungselemente wie der „Hu-stadttreff“ oder der „Stadtteiltreff“ oder der Förderverein „HUkultur“ oder das „Stadtumbaubüro“ eigene Räume in den Hochhäusern. „Der Grundansatz ist: Alles, was an Konflikten anfällt, soll in der Siedlung selbst geregelt werden“, sagt der Raumplaner Alexander Kutsch. „Den schlechten Ruf loszuwerden, dauert aber“, sagt Matthias Köllmann von HUkultur: „Aber der Leerstand liegt unter einem Prozent.“ Mindestens bis 2017 sollen zwei Quartiersmanager die Hu­stadt in der Bahn halten.

„Hier hat sich alles gewandelt“

„Hier hat sich alles gewandelt“, sagt Yildirim, der seit 1982 in der Siedlung wohnt. Für ihn ist sie „Heimat. Es ist ein schönes Gefühl, runtergehen zu können und mit jedem reden zu können, weil man jeden kennt.“ Auch seine Geschwister sind in der Hustadt geblieben. Denn es ist wie in fast allen Hochhaussiedlungen: Die Leute drinnen wissen sie mehr zu schätzen als die Leute draußen.

In einer sonst ganz zuversichtlichen Broschüre der Stadt Bochum klingen Restzweifel durch: Es gelte, die Erfolge zu sichern, steht da, und „die positiven Errungenschaften sollen möglichst lange nachhallen.“ Man kann ja weiter daran arbeiten: Gegenüber vom ehemals dreckigsten Haus wirkt ein Anstreicher. Waschbeton wird grün.